Hoch hinauf. Geschmeidig runter. Dabei nach Hause telefonieren.

„Einsteigen bitte!“, ruft der Mann von der Nordkettenbahn. Flo Orley und ich huschen mit zwei schweren Paragleit-Rucksäcken in die Nordkettenbahn. Wir setzen uns auf den Boden und fahren los, während sich Flo noch schnell eine Wurstsemmel reinschiebt. „Von Beruf bin ich Profi-Freerider, Snowboardführer und Tandempilot für Paragleiten und Drachenfliegen“, erzählt er. Ich bin wohl in sicheren Händen beim Tandemflug.

Paragleiten Innsbruck Flo Orley

Flo veträgt eine Wurstsemmel vor dem Flug. Ich hätte besser nichts gegessen. Foto: Vil Joda

Paragleiten Innsbruck Flo Orley

Zwei Leuchten: eine vorne, eine hinten, die größere rechts. Foto: Flo Orley

Hot.Spot?

Angefangen hat seine Leidenschaft fürs Fliegen mit 23, also vor knapp 20 Jahren. Richtig, Flo ist ein junggebliebener 40er. In einer Flugschule am Übungshang hat er seine ersten Versuche gemacht, heute hat er die Lizenz zum Tandemfliegen. Der Mann ist verheiratet und hat zwei Kinder, was die Frage nach Verantwortung durchaus berechtigt. „Abgestürzt bin ich schon oft, aber noch nie beim Fliegen“, grinst er. Auch Flo ist sich des Risikos seiner Sportarten bewusst, nimmt es aber mit Humor – auch eine Möglichkeit des verarbeitens: „Ständig ans Risiko zu denken, macht keinen Sinn und tut nicht gut.“

So ein wirklicher Hot Spot zum Paragleiten ist Innsbruck nicht. „Wir sind eher ein Secret Spot“, meint Flo. „Es braucht hier zu viel Wissen um den Flughafen, den keiner überfliegen darf.“ Auch das Einflugsgebiet der Flugzeuge sollte man nicht kreuzen.“ Nicht jeder traut sich bei uns fliegen, denn es ist hier ziemlich anspruchsvoll, dafür aber umso schöner: 2.000 hm Unterschied, eine starke Thermik, der Nord-Süd-Wind und ein Flughafen vor der Nase sind nichts für Anfänger – ein geheimer Hot Spot sozusagen. „Als ich mal gelandet bin, hat die Polizei unten schon auf mich gewartet.“ Allerdings ohne Resultat, denn Flo hat alles richtig gemacht, beim Flughafen angerufen und den Flug gemeldet: „Das muss ich vor jedem Flug machen.“

Schlechter Scherz

„Heute ist die Thermik gut,“ erzählt mir Flo. Ich beginne mich zu freuen, weiß aber noch nicht ganz, auf was ich mich eingelassen habe. „Eine gute Thermik heißt, dass die Steigwerte hoch sind: 1m/sek ist wenig und für 8m/sek brauchst schon Eier.“ Gefährlich sind nämlich Gewitterwolken, die einen bis auf 8.000 m raufsaugen, dort wieder ausspucken und wer Glück hat, erlangt in dieser Höhe wieder sein Bewusstsein. „Aber in Innsbruck passiert das nicht so oft.“ Ich werde langsam skeptisch und Flo murmelt in sich hinein: „Wann bin ich das letzte Mal geflogen?“ Er sieht meinen fragenden Blick und grinst schon wieder: „War nur ein Schmäh!“ Wir steigen von der Nordkettenbahn in die Gondel der Seegrubenbahn um.

Paragleiten Innsbruck Flo Orley

Mit der Seegrubenbahn geht es weiter rauf. Ich wusste noch nicht, was mich erwartet. Foto: Vil Joda

Böse Kreisel

Auf der Seegrube angekommen rät mir Flo, meine Jacke anzuziehen, während er den Schirm vorbereitet. „Es wird frisch!“ Er hat ihn auf der Wiese aufgebreitet und bringt die vielen Schnüre in Ordnung. Eigentlich sei das Drachenfliegen seine heimliche Liebe. Außerdem sind die Drachenflieger die Erfinder des Paragleitens, was zwar nichts miteinander zu tun hat, aber trotzdem! Die Szene der Schirmflieger ist inzwischen größer als die der Drachenfleiger und in drei Lager geteilt:

  • Die Weitflieger: „Diese wollen so schnell als möglich weit fliegen.“
  • Die Akrobaten: „Sie fliegen ein vordefiniertes Programm und machen schwerste Manöver wie das Infinity Tumbling, so heißt der Looping.“
  • Die Genießer: „Freizeitflieger und Bergsteiger, die nicht gerne zu Fuß runter gehen.“
Paragleiten Innsbruck Flo Orley

Sorgsam bereitet Flo alles vor. Foto: Vil Joda

Paragleiten Innsbruck Flo Orley

Fachsimpeln unter Kollegen auf der Seegrube. Foto: Vil Joda

„Aber das Kreisel fliegen macht auch Spaß“, lächelt mich Flo süffisant an und ich weiß noch nicht, was mich erwartet. Warum er so gerne fliegt, will ich noch wissen. „Du musst dich da oben der Natur unterordnen, dich mit ihr beschäftigen und du findest in der Höhe einen Spielplatz, wo sonst noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist.“ Wieso erinnert mich das an Raumschiff Enterprise?

Mittlerweile sind wir fertig, Flo steht hinter mir, ich angeschnallt vor ihm. Der erste Start misslingt. Eine Böe hat den Schirm verweht. Der zweite Versuch läuft nach Plan: Wir machen ein paar Schritte. Der Schirm steigt nach oben. „Jetzt laufen!“, kommandiert mich Flo und wir schmeißen uns ein paar Schritte den Hang hinunter, bis ich keinen Boden mehr unter den Füßen habe. Wir sind in der Luft! Vor lauter Aufregung entkommt mir ein Jodler – mehr schlecht als recht.

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Der Rest ist eigentlich eine gemütliche Sache: Chillig geht es in der Thermik zuerst hinauf. Flo sucht die Steigwinde, in dem wir im Kreis fliegen und der Schirm mit uns immer weiter hinaufgerissen wird. Über dem Hafelekar geht es hinunter zur Höttinger Alm – der Haus- und Hofhütte der Innsbrucker. Weiter zum Gasthaus Rauschbrunnen, wo mir Flos teuflisches Grinsen wieder einfällt, als wir mit vollem Karacho ein paar Runden im Kreis fliegen. Mir steigt (zentrifugiert) das Blut in die Beine, weit weg von Übel ist mir nicht mehr. „Nochmal?“, fragt er mich? „Lieber nicht“, antworte ich.

Nach Hause telefonieren

Plötzlich pfeift ein Segelflieger an uns vorbei. Von diesen gibt es in Innsbruck einige, so wie Drachenflieger und Paragleiter. Aber Flo hat alles im Auge und dreht ab. Wir fliegen über Innsbruck´s Prestigesiedlung der 80er Jahre, die Peerhofsiedlung und die Technische Uni. Ich nehme mein Handy heraus und rufe meinen Vater an. Was E.T. kann, kann ich schon lange!

Ich: „Komm auf den Balkon raus.“
Er: „Wieso?“
Ich: „Mach bitte.“
Er: „OK!“
Ich: „Siehst du den Paragleiter?“
Er: „Was?“

Ich: „Den Fallschirm?“
Er: „Ich weiß, was ein Paragleiter ist.“

Ich: „Siehst du ihn?“
Er: „Ja!“
Ich: „Dann siehst du mich.“
Er: „Ja wie?“
Ich: „Daran hänge ich grad.“
Er: „Na toll. Pass auf dich auf!!“
Ich: „Das macht Flo schon.
Er: „Wer ist Flo?“
Ich: „Der Mann, der mit mir fliegt.“
Er: „Sehr schön!“
Flo: “Wir müssen jetzt landen.
Ich: „OK! Dann lande.“
Flo: „Auflegen sollst.“
Ich: „Papa, ich muss aufhören. Bis später!“

Flo kann sich das Lachen nicht verkneifen. Er zieht die Griffe gefühlvoll nach unten und wir setzen ganz sanft auf. Ein Citroen gleitet mindestens genauso geschmeidig auf der Autobahn dahin wie Flo gefühlvoll landen kann – schließlich hat er das schon ein paar Mal gemacht.

Paragleiten Innsbruck Flo Orley

Normalerweise sitze ich immer in der Höttinger Alm nach dem Biken. Was Bernhard der Wirt grad macht? Foto: Vil Joda

Paragleiten Innsbruck Flo Orley

Vorbei gehts beim Gasthaus Rauschbrunnden, zu dem Flo runterjodelt. Foto: Flo Orley

Paragleiten Innsbruck Flo Orley

Bis zur Landung war von der Peerhöfen nicht mehr weit. Foto: Vil Joda

Just do it!

An dieser Stelle müsste ich in die Schreibe der Superlative tappen: Ich würde euch erzählen, wie unglaublich schön das Fliegen ist und man das Paragleiten eigentlich nicht in Worte fassen kann. In diesen klischeehaften Strudel übertriebender Werbung will ich keinen hinunterziehen. Seht euch die Bilder und das Video an: Fliegen ist einfach nur Geil! Bei Flo Orley kostet es (nur!) 99.- Euronen pro Flug mit dem Paragleiter oder 149.- mit dem Drachen. Für diesen Obolus hängt ein Profi hinter euch. Danke Flo!

Über Flo Orley – ein cooler Hund auf meiner Wellenlänge

Geboren

13. Oktober 1975

Name Orley

Einer seiner Ahnen hieß Teufel (ungarisch: Ördeg). Daraus wurde Orley, jedenfalls ist der Flug auch teuflisch gewesen. Wen wundert es?

Credo
Lass dich von der Leidenschaft leiten und genieße dieses Leben.

Fakten

Größe: 190cm, Gewicht: 75 kg, Schuhgröße: 43/44, IQ: verrückt.

Paragleiten/Drachenfliegen
Versucht es! Es gibt nichts Geileres, als auf 3.000 m mit seinen eigenen Flügeln zu fliegen.

B.A.S.E. Jumping

Vielleicht nicht für Menschen gemacht. Immer surreal, wenn er diesen einen Schritt macht.

Homespots
Innsbruck, Seegrube & wo seine Frau und seine Kinder sind.

Ausbildung
Master im Sport-Management, Snowboard Mountain Guide, Drachenflug- & Paragleit-Tandempilot.

Innsbruck
Seine Heimat, in die er trotz unzähliger Reisen quer über den Globus immer stolz und gerne zurückkehrt.

Frau Orley
Beste Frau der Welt, weil sie ihn in allem unterstützt, was ihm wichtig ist, ohne sich dabei aufzugeben.

Risiko
Faszinierte ihn schon als Kind: Grenzen zu suchen und zu spüren, ist seine große Leidenschaft.
Details zu Flo:
www.flo-orley.com

Weitere Tandemflieger:
www.airgliders.at/tandemflug.html
www.innsbruckergleitschirmfliegerverein.org

  • Vild Joda über Flo Orley:
    „Es gibt die Szene-Flieger, die wohl nie erwachsen werden. Dann gibt es die übermotovierten Chuck Norris-Flieger, die als Junge schon glauben, erwachsen zu sein. Erwachsen werden ist zwar blöd, gehört aber dazu. Chuck Norris ist zwar ein Streber, aber Kult. Eine Mischung aus beiden ist cool = Flo Orley.“
  • Flo Orley über Vil Joda:
    „Es gibt die Schreiberlinge, die nur zynisch am Weg sind. Dann gibt es die Überintellektuellen, die besonders g´scheid sind. Vil Joda ist irgendwo dazwischen.“
Paragleiten Innsbruck Flo Orley

Das macht Flo, wenn er alleine unterwegs ist, oder Freaks mit hat. Drachenfliegen ist seine wahre LIebe neben Frau Orley. Foto: Flo Orley