Sicherheit am Berg gibt es nicht: Was bleibt, ist das Restrisiko.

Klaus ist Bergführer, Fotograf, Mastermind von SNOWHOW und Gründer sowie Erfinder der SAAC-Lawinencamps; sozusagen ein Lebenskünstler. Mit ihm unterwegs seid ihr in sicheren Händen, oder genauer gesagt: in risikoarmen. „Ein Restrisiko bleibt nämlich immer“, mahnt er grinsend, öffnet sich ein Bier, setzt sich in meine Küche und erzählt über Sicherheit beim Skitouren gehen. Klaus ist mein Nachbar.

Skitouren.Boom

Das Skitouren gehen boomt in Tirol und um Innsbruck wie kein anderer Sport. Verständlich, wenn man weiß, wie schön und gesund es ist: Über allen Gipfeln ist Ruh, heißt es in einem Gedicht von Goethe. Genau diese fast schon beunruhigende Stille, die wir Stadtmenschen nicht mehr kennen, wartet dort oben: zwischen weißen Bergen, blauem Himmel, Bergdohlen und anderen Skitourengehern. Herz-Kreislauf, der Bauch und die Seele danken es einem außerdem. „Wirklich fundiertes Wissen um Lawinen sind dabei ein Muss“, betont Klaus. „Sonst brauchst gar nicht gehen.“

Foto: Klaus Kranebitter

Die Belohnung jeder Skitour ist die Abfahrt im Pulverschnee. Zuerst müsst ihr aber sicher hinauf. Foto: Klaus Kranebitter.

Folgende Punkte sind also bei einer Skitour hilfreich:

1. Hangneigungsverzicht in Relation zur Lawinensituation

„Bei bestimmten Lawinenwarnstufen solltest du nicht über einer bestimmten Hangneigung fahren“, erklärt er mir. „Bei Stufe 2 könnte ein Hang befahren werden, bei Stufe 3 wiederum nicht.“ Die wichtigsten Parameter, die ihr kennen solltet, sind folgende:

  • Stufe 1: theoretisch so gut wie alles befahrbar.
  • Stufe 2: nicht steiler als 40 Grad.
  • Stufe 3: nicht steiler als 35 Grad.
  • Stufe 4: theoretisch nicht steiler als 30 Grad, aber besser zu Hause bleiben oder auf der Piste gehen.
  • Stufe 5: wirklich zu Hause bleiben, weil Lawinen ohne Fremdeinwirkung abgehen.

 

 

Foto: Klaus Kranebitter

Wer übt, ist im Ernstfall fit. Damit es aber nicht so weit kommt, ist Hangneigungsverzicht in Relation zur Lawinenwarnstufe sinnvoll. Foto: Klaus Kranebitter.

 

2. Wahl des Geländes

Einzugsgebiete von Lawinen sollte man immer vermeiden. „Es mag zwar sein, dass du in jenem Gelände unterwegs bist, das der Stufe angepasst ist, aber wenn über und unter dir Lawinen abgehen könnten, nützt das auch nichts.“ Hier spielt Erfahrung mit, die es mit Bergführern oder anderen Tourengehern zu sammeln gilt.

Foto: Klaus Kranebitter

Einzugsgebiete von Lawinen solltet ihr stets vermeiden. Die Wahl des Geländes ist hierfür entscheidend. Foto: Klaus Kranebitter.

3. Standardmaßnahmen im Gelände

„Ich nenne es gerne ein Regelwerk, an das man sich halten muss“, betont Klaus. Ich würde sogar meinen, dass es Verhaltensweisen sind, welche Distanz zur Gefahr schaffen: eine Lawine und damit Lebensgefahr:

  • Nie alleine gehen.
  • Ab 30 Grad mit 30 Metern Abstand gehen.
  • Ab 35 Grad Hänge alleine befahren.
  • An sicheren Sammelpunkten ohne Einzugsgebiet warten.
Foto: Klaus Kranebitter

Ab 35 Grad Hangneigung solltet ihr immer mit einem Abstand von 30 Metern gehen. Foto: Klaus Kranebitter.

4. Notfallausrüstung: Schaufel, Sonde, Pieps

„Ohne diese drei brauchst nicht gehen“, erklärt Klaus. „Leider gibt es genug, die ohne allem unterwegs sind.“ Die Schaufel braucht ihr, um jemanden auszugraben, die Sonde, um durch die Schneedecke durchzustechen und zu fühlen, ob drunter ein Verschütteter liegt. Den Pieps, also das Lawinenverschüttetensuchgerät, um jemanden rascher zu finden. „Außerdem ist mittlerweile ein Airbag-Rucksack empfehlenswert.“

Foto: Klaus Kranebitter

Mit dem Pieps solltet ihr absolut geübt umgehen können. Es geht nämlich um Sekunden. Foto: Klaus Kranebitter.

 

5. SNOWHOW Freeride-App

Nachdem es heutzutage eine App für alles gibt, verwundert es nicht, dass es eine für’s Skitouren gehen und damit für’s Freeriden gibt. Klaus Kranebitter ist der Erfinder der kostenlosen Snow How App, mit der es folgende Infos gibt:

  • Karten mit Geländeprofilen
  • Positionsbestimmung am Smartphone mittels GPS
  • Hangneigungen der geplanten Route
  • Lawinenlagebericht
  • Resultat: Lawinenrisiko reduzieren

Weitere Details: www.snowhow.info

Wer also eine Skitour mit SKNOWHOW machen will, der lade sich am besten gleich die gleichnamige App runter. Sie bringt euch wertvolles Wissen, das die Sicherheit am Berg erhöht. Außerdem werden von SNOWHOW Freeride-Camps geboten:
www.snowhow.info/freeride

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Knackiger Lieblingsberg

Lieblingstouren will er mir keine verraten. „So etwas habe ich nicht“, meint er sachlich trocken, wie Bergführer manchmal sind. „Das Karwendel bietet tolle Herausforderungen, auch im Sellraintal bin ich oft und gerne.“ Ein Berg, der ihn dennoch immer wieder herausfordert, ist die Lüsenser Villerspitze: „Der Weg zum exponierten Gelände über der Waldgrenze ist bereits spannend, Orientierung und richtige Geländewahl sind entscheidend. Die Beurteilung der Lawinensituation ist eine permanente Herausforderung. Trittsicherheit erfordern die letzten Meter zum Gipfel, weil sie nur ohne Ski begehbar sind“, erzählt er plötzlich mit leuchtenden Augen. Alles, was für den Aufstieg gilt, gilt auch für die Abfahrt. „Außerdem brauchst eine ordentliche Kondition.“ Also nichts für Sonntagsgeher.

Ich verrate euch dafür drei meiner eher sicheren Lieblingstouren:

  • Mutterer Alm/Pfriemesköpfl – 1.801 m (Pistentour)

Die Tour ist bei den Einheimischen sehr beliebt, lawinensicher, mäßig steil und eignet sich wunderbar zum Eingehen. 380 Hm geht es entlang der Piste und 550 Hm durch den Wald.

Talort: Mutters
Ausgangspunkt: Freizeitzentrum in Mutters (892 m), gebührenpflichtiger Parkplatz
Höhendifferenz: 909 Hm
Gehzeit: 2,5-3 h
Weglänge gesamt: 4,6 km
Einkehrmöglichkeit: Mutterer Alm (1.608 m), Almgasthof (Nockhof 1.228 m)

  • Grünsteinscharte – 2.272 m

Die Tour ist zwar keine Gipfeltour, belohnt aber mit einer schönen Aussicht und ist beliebig erweiterbar auf das Stöttltörl (2.036 m)

Talort: Mieming/Obsteig
Ausgangspunkt: Gasthof Arzkasten (1.151 m), gebührenpflichtiger Parkplatz
Höhendifferenz: 1.169 Hm
Gehzeit: 3-3,5 h
Weglänge gesamt: 6 km
Einkehrmöglichkeit: Gasthof Arzkasten (1.151 m)

  • Zischgeles – 3.003 m

Der Gipfel ist einer der beliebtesten Skitourenberge im Sellraintal, um nicht zu sagen eine Modetour. Meistens geht’s mit den Skiern ohne Tretpassagen direkt vom Parkplatz weg und wieder dort hin.

Talort: Sellrain/Praxmar
Ausgangspunkt: Weiler Praxmar(1.687 m), gebührenpflichtiger Parkplatz
Höhendifferenz: 1.345 m
Gehzeit: 3-3,5 h
Weglänge gesamt: 4,6 km
Einkehrmöglichkeit: Alpengasthof Praxmar (1.687 m)

Weitere Skitouren gibt es auf der Homepage der Innsbruck Tourismus.

Über Klaus und Innsbruck

Klaus hat stets ein fettes Grinsen im Gesicht, von der Sonne ist es mitunter ein wenig beansprucht. Seit 1998 ist er Bergführer. Das wurde er nur, weil ein Freund meinte: „Jetzt fahren wir die Aufnahmeprüfung machen.“ „Schon war ich mittendrin“, lacht er schelmisch. Irgendwann kam dann die Leidenschaft für’s Fotografieren dazu. Alle Bilder des Artikels sind von ihm. Innsbruck ist für ihn seine Heimat und wenig verwunderlich sagt er, was ich immer und immer wieder sage und niemals müde werde zu schreiben: „Innsbruck ist ein Skitouren-Mekka. Die Mischung aus Stadt und Sport ist hier einmalig und gibt es nirgendwo auf der Welt.“ So ein Angebot macht erfinderisch: SNOWHOW ist ein Beispiel dafür. Auf die Frage, was Innsbruck für ihn sei, antwortete er zuerst lachend: „Brauchst jetzt ein Image-Zitat oder ein Statement eines Fachmannes?” Bekommen habe ich ein ehrliches Statement. Klaus ist mein Lieblingsnachbar, so viel steht fest.

Foto: Klaus Kranebitter

Das ist er, mein Nachbar Klaus Kranebitter. Foto: Klaus Kranebitter.