Es gibt Dinge im Leben, die begreift man erst, wenn man sie erlebt hat. Erzählungen, Fotos und Videos kommen zwar nah daran, aber wenn man sie selbst erlebt hat, weiß man erst wovon wirklich die Rede ist.

Segelfliegen ist eines dieser Dinge. 

Segelfliegen über Innsbruck. Foto: Simon Rainer

Segelfliegen über Innsbruck. Foto: simonrainer.com

Als aufmerksamer Innsbruck Besucher, oder gar Bewohner, hat man immer ein Auge auf die Berge gerichtet. Wo kommt das Wetter her, liegt noch genug Schnee oder endlich keiner mehr? Wäre es mal wieder Zeit auf die Arzler Alm grillen zu gehen und wieso war ich eigentlich noch nie am Brandjoch Kreuz? Und wer sind eigentlich diese Segelflieger, die atemberaubend nahe an einem vorbei rauschen, wenn man gerade einen Radler auf der Höttinger Alm bestellt hat?

Segelfliegen im Doppelsitzer 

Dann kanns ja losgehen.

Dann kanns ja losgehen.

So nahe am Felsen und doch in der Luft.

So nahe am Felsen und doch in der Luft.

Die Stadt Innsbruck aus dem Segelflieger.

Die Stadt aus dem Segelflieger.

In Innsbruck gibt es zwei Segelflug Vereine: die Innsbrucker Segelflieger Vereinigung (ISV) und das Flugsport Zentrum Tirol. Beide bieten für Vereinsmitglieder eine interne Ausbildung zum Segelflug-Piloten an. Schon ab 14 kann man mit der Ausbildung anfangen, solange man die ärztlichen Voraussetzungen der Tauglichkeitsuntersuchung erfüllt. Und so kommt es, dass so mancher Innsbrucker bereits quer über Österreich saust, auf Strecken, die er mit dem Auto noch nicht befahren dürfte.

Die meisten Segelflieger gehen bei diesem Sport einer tiefsitzenden Leidenschaft nach. Sie müssen gute Piloten sein, der Luft vertrauen und aus Landschaft und Wetter ihre Flüge so planen, dass sie nicht nur nach oben, sondern auch wieder nach Hause kommen. Auch wenn Außenlandungen auf anderen Flugplätzen oder auch mal im freien Feld nicht unüblich sind. Lieber kommen sie doch immer wieder nach Hause.

“Das schönste für mich am Segelfliegen ist das Spiel mit dem Wetter und, dass ich dabei den Kopf frei habe”
sagt Aurel Hallbrucker, frisch gebackener österreichischer Staatsmeister 2015 und heute mein Pilot.

Segelflugzeuge haben drei Möglichkeiten in die Luft zu kommen. Meistens werden sie auf der Winde rund 500 Meter in die Höhe gezogen, wo sie sich dann aus dem Seil ausklinken und alleine weiterfliegen. Alternativ werden sie von einem motorisierten Flugzeug im Schleppzug nach oben gebracht. Wenn sie einen zusätzlichen Motor in ihrem Flieger haben, können sie auf der Landebahn selbst starten, das ist in Innsbruck dann übrigens die gleiche auf der man auch mit den großen Maschinen startet und landet.

Segelfliegen für Mitflieger 

Und genau das machen wir bei meinem ersten richtigen Flug nun auch. Ich habe Glück, denn Aurel, der Mann, der mir zeigen wird, was es bedeutet durch die Luft zu gleiten, ist mein Freund. Von ihm weiß ich alles, was ich bisher übers Segelfliegen weiß. Und das ist eigentlich eine ganze Menge. Nur jetzt, wo ich angeschnallt samt Sicherheits-Fallschirm im Doppelsitzer sitze ist mein Kopf recht leer. Ich bin nervös und aufgeregt und weiß nicht worauf ich als erstes schauen soll.

Vor mir schwirren die Zahlen der Anzeige und überall gibt es Hebel und Schieber. Er hingegen ist sehr konzentriert und gewissenhaft. Ein paar Funksprüche werden noch mit dem Flughafenturm ausgetauscht, bei denen bei mir lediglich Wortfetzen aus dem Flieger-Alphabet hängenbleiben, dann geht es los.

Als ich das erste Mal mit acht Jahren als Kind in den Urlaub geflogen bin, sagte mir mein Papa die Startbahn ist wie ein Kartoffelacker, über den man drüber fährt. Im Segelflieger ist es vielmehr wie ein Besuch in einem Bienenhaus, alles brummt. Ehe ich mich versehe sind wir mit dem Elektro-Eigenstarter schon in der Luft und steuern auch gleich auf den steilen Waldhang oberhalb von Kranebitten zu. Viel zu nah für meinen Geschmack. Es wird noch eine Weile dauern bis ich mich an die Nähe zum Hang gewöhnt habe. Überhaupt muss mein Körper den ersten Adrenalinrausch erst einmal verkraften. Das hier hat nichts mit Achterbahn zu tun. Viel zu schön ist die Aussicht, viel zu aufregend das Gefühl – nun wo der Motor nicht mehr läuft – in der Luft zu sein!

Liebe geht durch den Magen. Segelfliegen auch. 

Ein Großteil derer, die das erste Mal im Segelflieger sitzen, erbrechen früher oder später. Ich gehöre zu letzteren, immerhin. Nach einer Stunde wird mir schlecht, ich greife nach dem Plastiksack. Nun geht es mir wieder blendend. Gar nicht so schlimm wie befürchtet.

So ähnlich funktioniert das übrigens auch wenn man mal muss. Denn schließlich sitzt man unter der Glashaube, wie in einem Gewächshaus und die Sonne erhitzt die Luft schnell. Bei Burschen geht es leichter, bei Mädchen etwas komplexer. Für meinen ersten, verhältnismäßig kurzen, Flug von rund 2 Stunden stellt sich das Problem aber nicht. Wenn die Konditionen passen, gehen manche Segelflieger den ganzen Tag fliegen. Vor allem je höher sie nach oben kommen, umso wichtiger ist es ausreichend zu trinken. Dabei sind sie schon mal eine Weile auf 4.000m unterwegs, das ist aber nur mit zusätzlichem Sauerstoff möglich.

Almenrunde aus der Luft

Aber all das betrifft mich erstmals nicht, wir gleiten die Nordkette auf und ab und zischen beim Rauschbrunnen, der Höttinger Alm und der Seegrube vorbei auf der Suche nach Thermik um weiter nach oben getrieben zu werden. Wenn im Laufe des Tages die warme Luft vom Boden aufsteigt, sind die Konditionen ideal.

Immobilie in Traumlage.

Berghütten-Immobilie in Traumlage.

Der Rauschbrunnen von oben. Zu Fuß geht man rund eine Stunde hinauf, mit dem Segelflieger sind es nur wenige Minuten vom Flugplatz.

Der Rauschbrunnen von oben. Zu Fuß geht man rund eine Stunde hinauf, mit dem Segelflieger sind es nur wenige Minuten vom Flugplatz.

Die Seegrube aus dem Flieger.

Die Seegrube aus dem Flieger.

Einmal an der Höttinger Alm vorbeischrammen.

Einmal an der Höttinger Alm vorbeischrammen.

Aus der Vogelperspektive

Wir sind nicht die einzigen in der Luft. Ein anderer Segelflieger kündigt über den Funk seinen Start auf der Seilwinde an, in der Nähe des Bettelwurfs sind zwei Gleitschirmflieger in der Luft und ein Bussard hat uns gerade links überholt. Ich wünsche mir einfach in der Luft stehen bleiben zu können um alles ganz genau anschauen zu können. Aber das geht nicht, schließlich wollen wir höher nach oben. Runde für Runde die wir fliegen staune ich, was es alles zu sehen gibt. Unzählige Hütten verstecken sich zwischen den Baumwipfeln in den Bergen, ich erspähe meine Traum-Berghütte auf einem Vorsprung in Mega-Panorama-Lage und ein großer Parasol Pilz wartet auf einer Lichtung auch darauf geerntet zu werden…

Als wir wieder den Flughafen ansteuern zum Landen, verstehe ich besser als je, warum man sagt, dass die Zeit wie im Flug vergeht.

Der Flughafen von oben. Rechts unten im Bild ist die Wiese der Segelflieger.

Der Flughafen von oben. Rechts unten im Bild ist die Wiese der Segelflieger.

Landeanflug.

Landeanflug.

Ko, happy und noch nicht zum Aussteigen bereit.

K.o., happy und noch nicht zum Aussteigen bereit.

Was den Tag noch perfekt macht? Eine Runde im Natterer See abkühlen.

Was den Tag nun noch perfekt macht? Eine Runde im Natterer See abkühlen.

Segelfliegen für Besucher in Innsbruck ab Sommer 2015!

Wer jetzt Lust bekommen hat, endlich einmal selbst in einem Segelflieger über Innsbruck zu fliegen kann das nun machen. Bisher war es Vereinsmitgliedern vorbehalten, Gäste zu ihrem Privatvergnügen auf ihren Flügen mitzunehmen. Mit Sommerbeginn 2015 starten die beiden Fluglehrer Markus Lewandowski und Aurel Hallbrucker mit dem Unternehmen Mountain Soaring, das neben Weiterbildungsflügen in den Alpen für Segelflieger auch die Möglichkeit für Besucher in einem Segelflugzeug Innsbruck und Umgebung von oben zu erleben anbietet. Buchen kann man 30-Minuten Schnupperflüge oder auch längere, bis zu 2 Stunden lange Flüge in der Umgebung Innsbrucks. Kostenpunkt: 255€ für eine halbe Stunde, eine für 355€.

Beide haben über 15 Jahre Erfahrung beim Segelfliegen, Markus, der von allen Lewi genannt wird, ist Fluglehrer in Neuseeland und begeisterter Wander-Segelflieger (Flüge mit Übernachtungen in anderen Ländern quer durch Europa), Aurel unterrichtet bei der ISV und wurde 2015 zum zweiten Mal nach 2009 österreichischer Staatsmeister.

Weitere Infos und Buchungen: www.mountain-soaring.com

Fotos: Lea Hajner und Fotograf Simon Rainer