Jänner 2019. Nordstau: Bis zu vier Meter Schnee auf der Nordkette. Die Mitarbeiter der Nordkettenbahnen sollten mittlerweile allesamt stählerne Oberkörper haben – waren die ersten Wochen des neuen Jahres doch geprägt von stundenlangem Schneeschaufeln. Die Seegrube- und Hafelekarbahn bleibt fast zwei Wochen lang zu. Lawinenwarnstufe 5 und unbezwingbare Schneemassen machen einen geregelten Skibetrieb unmöglich.

POWSTRIA

Folgendes Szenario also: Die Wintersaison startet mit eher wenig Schnee. Plötzlich schneit es Anfang Januar wie verrückt ununterbrochen tagein tagaus. Schneewände wachsen, Lifthäuschen verschwinden, Passstraßen sind zu. Evakuierungspläne für die Bewohner auf der Hungerburg werden geschmiedet, sollte es nicht bald aufhören zu schneien. Die Medien berichten von apokalyptischen Zuständen in Tirol bei Lawinenwarnstufe 5 (von 5).

Inzwischen sitzen Innsbrucker Freerider und Skitourengeher zu Hause und stecken nicht nur im Schnee- sondern auch im Gefühlschaos fest. Einerseits über alle Maßen freudig aufgeregt aufgrund der unglaublichen Schneemassen direkt vor der Haustür, andererseits angespannt bangend angesichts der brenzligen Lawinensituation. Ein kindlicher Übermut der ständig unterdrückt werden muss, ist auf Dauer einfach ungesund. Zum Glück haben sich die Schneewolken irgendwann doch wieder gelichtet und am 21. Jänner hieß es dann endlich wieder: Lasset die Powder-Games beginnen!

 

Ellbogen raus?

Der Mythos Nordkette als Freeride-Paradies existiert schon länger als wir allesamt denken können. Ob der Hype um die ersten Lines in unverspurten Hängen schon immer so groß war ist schwer zu sagen, aber definitiv sehr wahrscheinlich. Dieser Ruf kommt natürlich nicht von ungefähr: Das Karwendel kriegt bei Nordstau meist eine gute Portion Schnee ab. Zudem bietet sie mit ihren Alaska-ähnlichen Spines und Rinnen anspruchvolles Skiterrain. Kein Wunder also, dass an vielversprechenden Tagen die Kenner und Könner des Skisports an der Seegrubenbahn anstehen, lange bevor die erste Gondel überhaupt fährt. Da steht man dann eingepfercht mit lauter Skifanatikern in der Station, allesamt gewappnet und bereit für die Offensive. Ein Ski breiter als der andere, alle Airbag-Rucksäcke scharf, die Hardshell-Jacken bis unter die Nase zu. Eine aufgeladene Nervosität liegt da in der Luft, weil es alle wissen: Heute wird ein guter Tag, heute können wir endlich wieder das erleben, was uns so viel bedeutet.

First Line Hafelekarrinne – ein Lebenstraum?

Die Hafelekarrinne zählt zu den steilsten Skirouten Europas. Ein großer Vorteil von Skirouten ist, dass sie bei Lawinengefahr gesprengt werden und somit ein großer Risikofaktor des Freeridens wegfällt. Damit einher geht jedoch auch, dass diese Routen viel befahren werden und nur selten unverspurt sind. Wer an einem perfektem Powdertag in der ersten Gondel aufs Hafelekar mitfährt, hat schon ein ziemlich großes Los gezogen. Um dann als Erster in die Hafelekarrinne einzufahren, braucht man entweder jahrelange Nordketten-Erfahrung, angeborenes taktisches Feingefühl oder einfach eine Riesenportion unverschämtes Glück. Ganz egal wie, eine frische Spur in die Rinnen der Nordkette zu setzen ist immer ein unvergessliches Erlebnis.

Natürlich möchte jeder ein möglichst großes Stück vom Powderkuchen abhaben. Gleichzeitig gönnt man sich aber auch ganz klar gegenseitig diesen besonderen Genuss einer guten Abfahrt auf der Nordkette. Trotz der allgemeinen Begeisterung sind wir eine Gemeinschaft in der man aufeinander achtet – denn die Karrinne ist bei einer Steilheit von fast 40 Grad sehr anspruchsvoll und nur den erfahrenen Wintersportlern vorbehalten. Ellbogentaktik, Rivalität oder gar Missgunst sind hier fehl am Platz. Wir teilen dieses Hochgefühl und die Leidenschaft für den Sport. Und wir teilen vor Allem die Wertschätzung dieser Naturgewalten direkt vor unseren Haustüren.

Unverhofft kommt oft

Die Nordkette lässt sich bestimmt nicht immer leicht durchschauen. Belohnt wird nämlich des Öfteren, wer auch mal bei weniger offensichtlich guten Verhältnissen aufs Hafelekar fährt. So passiert letzte Woche, eines ganz gewöhnlichen Mittwoch nachmittags, als Paul und ich nach getaner Arbeit ganz unverhofft noch einige richtig gute Runs machen konnten. Klammheimlich zogen die Wolken kurz nach Mittag weiter und die Nordkette präsentierte uns ganz stolz ihre frisch verschneiten Hänge. Ob nun reiner Zufall oder Schicksal, an diesem Nachmittag feierten wir einmal mehr das Wunder Innsbruck!

Fotos: Paul Hoffmann / Lena Koller