Das Internet ist eine seltsame Sache. Dort hat man mitunter Freunde, die man gar nie wirklich trifft. Wer sich trotzdem gerne unterhält, pflegt digitale Brieffreundschaften, eigentlich ein schönes Ding. Wenn man sich so mit frischen Sechzehn trifft und schreibt bis jenseits der Dreißig, dann ist das eine ganz schön lange Zeit. Am Wochenende hat mich Mattes dann das erste Mal besucht. Mittags kam sein Zug in Innsbruck an, am Abend war er wieder weg. Dazwischen habe ich ihm in sechs Stunden meine Stadt gezeigt.

Die Stadt im Spazierschritt

Mattes kommt mir am Innsbrucker Hauptbahnhof mit genau dem strahlenden Grinsen entgegen, das ich schon so lange von Fotos kenne. Die Zugverbindung ist sagenhaft pünktlich, für meinen deutschen Freund schon der erste Grund zur Freude. Ich komme nicht umhin ihm nach einer herzlichen Umarmung die beiden riesigen Weiler-Bilder in der Bahnhofshalle vorzustellen – aufwändig restaurierte Relikte aus dem alten Hauptbahnhof meiner Jugend. Als wir aus der Ankunftshalle treten, atmet mein Brieffreund ganz tief durch – die Luft hier ist anders stellt er fest, frisch und köstlich, schmeckt so gar nicht nach Großstadt. Ich kläre an dieser Stelle kurz über unsere unberechenbaren Föhnwinde auf, wir würden sie später noch hautnah erleben. Vorher aber schlendern wir entspannt durch die Wintersonne und machen natürlich im Immerland halt – meinem Wochenend-Wohnzimmer des Vertrauens. Wir probieren zum Kaffee alle drei hausgemachten Kuchen und nehmen die Achse Bergisel-Altstadt anschließend im entspannten Spazierschritt.

Zuhause wo andere Urlaub machen

Unterwegs erzähle ich meinem Gast vom vielfältigen Sport in den Alpen, deute auf die ikonische Skisprungschanze am Bergisel und vergesse auch das legendäre Riesenrundgemälde nicht. Als ich bei den genauen Jahreszahlen der Bauernaufstände um Andreas Hofer dann doch etwas ins Stottern gerate, schlage ich schnell eine erzählerische Brücke auf die andere Talseite und stelle Mattes die imposante Nordkette vor. Der zeigt sich angemessen beeindruckt, schon weil man im deutschen Flachland nirgends so weit hochschauen kann. Wir passieren die Triumphpforte und ich übersetze die lateinischen Inschriften ganz locker aus dem (Smartphone-)Handgelenk. An der Annasäule des Innsbrucker Altstadt-Boulevards erzähle ich vom Mittelalter und den vielen gestalterischen Veränderungen der Fußgängerzone Maria-Theresien-Straße.

Der goldene Weg nach oben

Die goldenen Bänke und Laternen der Innsbrucker Flaniermeile spannen meinen Erzählbogen anschaulich bis zum historischen Stadtturm (anno 1450), dessen 148-stufige Besteigung ich uns heute allerdings erspare. Dafür hat Mattes aber ohnehin kaum Aufmerksamkeit, denn wir müssen am Goldenen Dachl für ein paar Beweisfotos innehalten, während ich einige originelle Fresken des Dachls erläutere. Ein kurzer Abstecher zum Pilgerdom zu St. Jakob, denn auch der Jakobsweg führt hier durch Innsbruck. Von dort durch die kaiserliche Hofburg und am Cafè Sacher vorbei. Aber wir hatten wir heute ja schon unseren Kuchen.

Haus der Musik Innsbruck

Von unten rauf: Der Blick auf die Innsbrucker Nordkette vom Haus der Musik.

Auch das neue Haus der Musik möchte ich meinem Gast nicht vorenthalten, irgendwo drinnen übt jemand leise und wunderschön Klavier. Eine Runde durch den nahen Hofgarten und natürlich ein kurzer Abstecher zum Inn, bevor wir am Congressgebäude die Stufen zur neuen Nordkettenbahn hinabsteigen. Langsam dämmert Mattes was ich vorhabe und er bekommt ganz große Kinderaugen. Direkt von der Stadt auf den Berg ist schon ein besonderes Spektakel – großzügig überlasse ich ihm in der Kabine den allerbesten Zuschauerplatz.

Das Wolkeniglu auf der Seegrube

Von oben hat man meist einen guten Überblick über die Dinge – beim Restaurant Seegrube ist das auf 1.916 Metern über Innsbruck nicht anders. Auf der Sonnenterrasse schnappen wir uns zwei Liegestühle und ich erkläre den Stadtplan von oben, kenne aus dem (Smartphone-)Stehgreif sofort alle Bergspitzen und stelle Mattes im westlichen Tal sogar mein winziges Heimatdorf Inzing vor. Bei einem deftigen Mittagessen mit echten Tiroler Kaspressknödeln wärmen wir uns ausgiebig auf, bevor ich Mattes ins Cloud9-Iglu entführe. Drinnen haben die Schneekünstler von Snoworks nämlich großformatige Tiroler Sagenfiguren aus dem Schnee geschnitzt: Da thront die legendäre Riesin Frau Hitt auf ihrem Pferd, der Silldrache bricht durch die Schneewand, das Kasermandl kocht im Eis und sogar der Kaiser höchstselbst hängt auf der Seegrube in der Kletterwand. Zwischen wechselnden Farblichtern genießen wir dampfenden Glühwein, während ich die Geschichten zu den uralten Tiroler Sagenfiguren erzähle.

Hafelekar: Top of Innsbruck

 

Ich lasse nicht unerwähnt dass man auf der Nordkette allerhand erleben kann: Skifahren, Snowboarden, Figln im Frühling, Wandern, Downhill- und Mountainbiken im Sommer. Abseits von Sport und Pisten bietet das Wolkeniglu auf der Seegrube aber auch vielseitiges Open Air-Kulturprogramm vom entspannten Jazzkonzert bis zu fetzigem Techno von den Turntables. Wirklich oben war man hier aber nur, wenn man auch ganz oben war, deshalb treten wir kurzerhand die letzte Gondelfahrt zum Gipfel an. Dort begrüßt uns der legendäre Tiroler Fönwind mit einer gehörigen “Luftwatschn” (stürmische Ohrfeige) und ich bin echt froh, dass ich “Schneeketten” für unser Schuhwerk eingepackt habe. Auf den letzten Metern Richtung Gipfelkreuz erzähle ich Mattes noch woher genau das köstliche Innsbrucker Trinkwasser kommt – von hier oben nämlich.

Hafelekar Innbsbruck

Vom (Fön-)Winde verweht: Der Mattes und die Anna am Hafelekar, hoch über Innsbruck.

Als dann langsam doch die Dämmerung einsetzt machen wir uns wieder auf den Weg nach unten. Sanft schaukelnd trägt uns die Gondel zurück ins Tal, wo nach und nach unzählige Lichter angehen. Es wird still in der Stadt und wir haben doch noch Zeit für ein kleines Abschiedsbier im Kulturcafé Treibhaus. Von unserem Tisch aus kann ich meine alte Schule sehen – hier hatte ich Mattes vor vielen Jahren im Internet getroffen. Nun haben wir uns an fast demselben Ort auch endlich wirklich kennengelernt.