Im Foyer gab es das gleiche, wenn nicht in noch besserer Qualität. Gute zweihundert, der statistisch nicht exakt erfassten tausend Bergbegeisterten, harrten dort, gebannt vor einem großen Screen. Der Rest nützte im Zirler Veranstaltungszentrum B4 die Bestuhlung im Saal Solstein bis auf den letzten Platz, und verfolgte das Geschehen des 16. Zirler Bergfilmfestival auf der Bühne; live und zwecks Detailtreue unterstützend auf einer Riesen-Leinwand. Keiner schafft den Spagat so gekonnt zwischen Berggipfel und Barhocker, kündigte der souveräne Moderator des Abends, Florian Neuner, das Unikum in Person an: Ossi Miller, Leiter der Alpenvereinsjugend Zirl, hielt sich kurz, Sponsoren, Politikern und Protagonisten dankend. Und dann kam er schon auf die Bühne, der Publikumsmagnet des 16. Zirler Bergfilmfestivals. Walter Spitzenstätter, seines Zeichens Besteiger aller 489 Berggipfel, die Nordtirol begrenzen.

 

Zirler Bergfilmfestival: Watler Spitzenstätter in der Wand

Walter Spitzenstätter 1978 mit Rolf Walter an den Pumprissen (1. Österreichische Begehung einer Alpintour im 7. Grad) Fotocredit: Walter Spitzenstätter

 

 

Berge als Benefit

Walter Spitzenstätter, alias Spitz, ist ein begnadeter Bergretter, Alpinist, Bergsteiger und Kletterer. Die Berge geben ihm frische Luft, ausreichend Bewegung, ein hohes Maß an Zufriedenheit durch die Erfüllung seiner Wünsche, die er selbst gestalten kann. Mehr Nutzen geht nicht und das in jedem Alter, wie er am eigenen Beispiel beweist. So hat er sich 2010 mit 70 Jahren einen Traum erfüllt und die Zinnen-Nordwand bestiegen. Mit 75 erklomm er mit dem Nördlichen Schwarzkopf den letzten Grenzgipfel Nordtirols. Wie unfassbar das alpine Schaffen von Spitz mit bahnbrechenden Erstbegehungen in Sommer wie Winter ist, kann man hier im Überblick erahnen.  

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Berggefährtern der ersten Stunden: v.l. Otti Wiedmann und Walter Spitzenstätter 1967 nach der Marmolada-Vinatzer im Winter. Fotocredit: Walter Spitenstätter

Die Schneeverhältnisse müssen passen

Die Matterhorn Ostwand ist steil. Extrem steil. Diese Wand mit Skier zu fahren scheint nicht machbar. Doch die vier Mädels Giulia Monego, Liv Sansoz, Lorraine Huber und Melissa Presslaber zeigen in ihrem vier minütigen Film, wie sehr sie bei ihrem realisierten Traum im Moment sind. Ständiger Weggefährte ist der Respekt genauso wie die Konzentration: Schwung auf Schwung, den Stürzen ist in diesen Gefilden keine Option. Die Aufnahmen sind mindestens so steil wie die Ostwand. Und ich dachte mir beim Zuschauen, dass es nichts gibt, was es nicht gibt. Respekt!

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Achtung Melissa Presslaber fährt jetzt ab. Die Matterhorn Ostwand! Fotocredit: Lorraine Huber

La vita è bella

Matthias Rasinger erklärt auf der Bühne, wie er vier Stunden Bildmaterial des Alpinlagers der Alpenvereinsjugend Zirl in 12 Minuten verdichtet hat. Nach dem Film denke ich mir, schade, dass ich nicht dabei war, denn wie viel kann man in einer Woche erleben. Mountainbiken inklusive Sturz und Bekanntschaft mit einer Laterne, Wandern, Klettern, Bouldern, Kartenspiele und Schach unter freiem Himmel, Headbangen, Volleyball, Lagerfeuer, Grillen, Canyoning und die epische Weite des Gardasees. Kurzum: Jeder konnte sich in seinem Element selbst verwirklichen. Alles stand unter dem nicht offiziellen Motto „Poah, isch es geil“. Der offizielle Titel des Films trägt den kreativen Namen „bella Italia.“ Wenn man die Bilder in und rund um Arco sieht, kann man dem nur beipflichten.

Zirler Bergfilmfestival: Klettern über dem Gardasee

Das Leben ist schön: Klettern in Arco über der epischen Weite des Gardasee. Fotocredit: Alpenvereinsjugend Zirl

Sie falten den Raum

Die Spots bleiben geheim. Sie sind aber in der Nähe. Mehr verrät Bühnengast, Hauptdarsteller und Produzent Alex Hoffmann der versammelten Menge nicht. Ein Lachen mit Raunen mischt sich unters Bergvolk, dass während den zehn Filmminuten anhält. „A mord’s Sauhaufen in an z’kloan Zelt“ ist jetzt schon dank noch nie da gewesener Aufnahmen ein prämierter Freeride-Klassiker. Der Wagemut und die Raffinesse der Protagonisten vor der Kamera beeindruckt ebenso. Wie man multidimensional mit einem Zelt zu feinen Freeridespots reist, erfährt man ansatzweise im Trailer und greifbar im Film.

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Auf dem Weg zu einem ihrem geheimen Spots ganz in der Nähe: Max Zipser und Alex Hoffmann. Fotocredit: Jakob Schweighofer

Das Abenteuer ohne Berg

„In Nepal behindert sein ist wie auf der Similaunhütte behindert sein.“ Dieser Satz von Harry Riedl geht unter meine Haut. Genauso wie das Projekt BIA (bodhisattvas in action) in Nepal, wofür er sich seit mehreren Jahren engagiert. Hier helfen Menschen einander übers Malen und Körbe flechten. Menschen mit aller Art von Behinderung finden so in einer Topographie, voll mit Barrieren, einen sinnerfüllten Alltag: Männer wie Frauen. Ein Teil des Filmfestival-Erlöses fließt auch heuer wieder in dieses Projekt.

Zirler Bergfilmfestival: Menschen mit Behinderung beim Malen

Malen in der Gemeinschaft ist ein Quell an Kreativität. Fotocredit: BIA Foundation

Freeriden als Bildungsauftrag

Freireiter nennen sich die ehemaligen Rennläufer Berny Stoll, Ingolf Schmitt und Andi Prielmaier. 2013/ 2014 ist in den Südalpen so viel Schnee, dass sie statt in Pakistan in den Dolomiten den Pulverflug finden. Besonders die Hänge in den Cinque Torri und die steilen Rinnen im Pordoi Gebiet sind Freeriden vom Feinsten. Begleitet wird der Film „Freeride Dolomiti“ mit wissenschaftlichen Fakten vom Geologen Alfred Psenner, der die Dolomiten als einstiges tropisches Meer mit versteinerten Korallenriffen erklärt. Der Film klingt mit einer Kuhglocken-Session eines 80-jährigen Hüttenwirts aus, der seit 50 Jahren auf einer alpinen Hütte lebt. Die Freireiter laden mit ihren Filmen ein, zwischen den Bildern zu lesen. Beeindruckend.

Zirler Bergfilmfestival: Freerider in Dolomiten

Schräglagen bei feinstem Pulver in den Dolomiten bei Cinque Torri und Pordoi. Fotocredit: Franz Faltermaier

Heroisches vor 30 Jahren

Was war das für eine Teamleistung? Was war das für eine Idee, die im Zirler Gasthaus Hirschen definiert und dann mit dem Kaiser-Max-Klettersteig vollendet wurde. Das Werk ist ein Ganzjahresklettersteig mit nur fünf bis zehn Minuten Zustiegszeit. Damals wie heute zählt er zu den selektivsten seiner Zunft in den Ostalpen und ist Teil des Climbers-Paradise von Innsbruck und seinen Feriendörfern. Weder das Bohren noch das Seil einführen waren einfach. Einer der wichtigsten Mannen, war der Mann neben dem Stromaggregat. Im Film „350 Meter reloaded“ versammelt sich die begabte Truppe in der Martinswand und begeistert mit vielen Anekdoten neben genialen auf Super 8 festgehalten bewegenden Dokumenten.  So gesehen ist jeder, der heute den Klettersteig in Zirl geht, ein kleiner Held, hängt man doch am Ende, im schwierigsten Teil, gut 200 Meter über dem Inntal. Ausprobieren lohnt sich.

Bergfilmfestival Zirl: Über den Felsen in den Dolomiten

Die Dolomiten einmal anders: spektakulär bei gleisendem Sonnenlicht aus dem Film Freeride Dolomiti. Fotocredit: Colin Stewart

100 Nächte in den Bergen

Wenn sich zwei Extreme treffen, dann handelt es sich um Norbert Span und Bernd Willinger. Der eine wie der andere extremer Fotograf und Alpinist. Ihre Multivisions-Show „Berge unter Sternen“ zu harmonischen Klängen wirkt galaktisch fern und ist doch so nah. Die Bilder faszinieren. In der nächtlichen Ruhe liegt die Kraft der Berge. Mit der Sonne verschwindet das Heldentum des Tages und die Berge kleiden sich in ein anderes farbliches Gewand. Worauf warte ich noch? Ich muss dieses nächtliche Schauspiel erleben. Danke für den Tipp.

Auch das Rahmenprogramm rund um die an die sechzig helfenden Hände der Alpenvereinsjugend Zirl ließ nichts vermissen. Fotoausstellung, Outdoormesse, Gewinnspiel, Kulinarisches aus der Region, Trinkfreude bei der Yak & Yeti Bar und Livemusik von „Giant Anteater.“

Zirler Bergfilmfestival: Spitz trägt vor

Der legendäre Walter Spitzenstätter alias Spitz bei seinem Vortrag. Fotocredit: Alpenvereinsjugend Zirl

Geheimtipp

Und weil die Alpenvereinsjugend Zirl wirklich etwas Besonderes ist, gibt sie allen Freunden und Rettern der legendären Rettungsaktion rund um den Mount Kenya vor 46 Jahren eine Bühne. Dort schildert Dr. Gert Judmaier, das damalige Sturzopfer, seine Eindrücke live. Verarbeitet wurde das Bergdrama mit dem Film „Still Alive,“ von Regisseur Reinhold Messner. Im Veranstaltungszentrum B4 werden am 7. Dezember 2016 wieder alle Stühle belegt sein. Beginn ist um 20:00 Uhr.

In Summe ist die 16. Auflage des Zirler Bergfilmfestival mehr als gelungen. Die Eindrucke des Abends wirken bei mir noch immer nach.