Die Freeride Szene spricht nicht mehr, wie vor 20 Jahren, nur über’s Freeriden. Sie erzählt nicht mehr nur Geschichten über das Freeriden. Sie spricht heute über das Heute: über Geschichten über’s Freeriden und darüber hinaus. Das Herz und Hirn der Freeride Filmbase bilden neben ihrem Sprachrohr, dem unermüdlichen Dr. Manfred Pascher, Filmemacher wie Hauptakteure aus dem Großraum der Freeride City Innsbruck. Und kommendes Wochenende geht’s beim Freeride Film Festival gleich weiter.

Sie beeindrucken mit Bildern, die den Atem stocken lassen, und mit Lebensweisheiten sowie Denkanstößen für den Alltag. Gleichsam eloquent und stilsicher, wie immer, führt die Snowboard Freeride Legende Flo Orley, amtierender Vizeweltmeister der Freeride World Tour, durch den Abend. Und schon geht es los: Leinwand frei für das erste von sechs Filmspektakeln im gut gefüllten großen Saal des Metropol Kino. Ich bin gespannt.

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Der große Saal im Innsbrucker Metropol war bei der Freeride Filmbase gut gefüllt. Fotocredit: Simon Rainer

Geht nicht gibt es nicht

Der Gora Pobeda, der höchste Berg des Tscherskigebirges im tiefsten Nordosten Russlands, gilt als unbefahrbar. Die abenteuerlustigen Freerider Matthias Mayr und Matthias Haunholder setzen alles daran, um sich und den hilfsbereiten Nomaden vor Ort das Gegenteil zu beweisen. Nach einer ersten Erkundung der Gegend Ende Jänner 2016 kehren sie und die Filmcrew Johannes, Moritz und Jonas ernüchtert zurück: Temperaturen bis minus 72 Grad, keine medizinische Versorgung, keine Bergestellen, unbefestigte Straßen, Hangneigungen bis 70 Grad. “Trainieren, um zu überleben” lautet der Tenor bei den folgenden Team-Building-Einheiten am Kitzsteinhorn.

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Matthias Haunholder am kältesten Ort Sibiriens. Standbild: Johannes Aitzetmüller

Top in Form rollt das Projekt Gora Pobeda im April 2016 tatsächlich an. Dem Tod der langen unwegsamen Straße, road of bones, trotzend leistet Pasha, Halbnomade und Fahrer der Crew, an jeder gefährlichen Stelle Opfergaben für die Götter. Alle bewältigen den beschwerlichen Weg zu den Nomaden in einem Stück. Die ursprüngliche Idee mit Rentieren hinein ins Tal zum Fuße de Gora Pobedas zu gelangen, verflüchtigt sich ebenso wie die Rentiere. Die sind nicht da, weil sie ihre Jungen woanders gebären. Also fährt die Crew mit Skidoos hinein ins Tal. Bevor sie das massive Gepäck reduzieren, bitten sie die Götter um schönes Wetter: Opfergaben inklusive. Doch mit jedem Meter Tal einwärts gestaltet sich das Vordringen schwierig. Dafür lernen sie ein Naturschauspiel kennen: Aufeis.

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Zauberhaftes Sibirien. Standbild: Johannes Aitzetmüller

15 Kilometer vor dem geplanten Basislager ist ein Weiterkommen unmöglich. Die Abenteurer brechen bis auf die Steine durch und stehen Bauch hoch im Schnee. Jetzt gilt es die 300 Kilogramm Gepäck so nah wie möglich an die Gletscherflanken zu schaffen, um beweglich zu bleiben. Auch die Schneeverhältnisse bleiben Unbekannte. Wie ist der Schnee in den Gletscherflanken? Können sie nur Rinnen fahren? Sie legen zuerst Spuren, um dann den Weg nochmal mit dem Material zu bestreiten. Nach den körperlichen Strapazen kommen mentale hinzu. Die Gipfel am Ende des Tals liegen endlos weit entfernt. Und das Wetter kann jederzeit umschlagen. Die Bedenken der Nomaden und die Opfergaben werden plausibel.

Doch der nächste Morgen wartet schon und Matthias eins und zwei erkunden die Südseite des Gora Popeda mit Steigeisen und Eispickel, doch selbst 500 Höhenmeter unter dem Gipfel sind sie nicht schlauer, ob die Südseite möglich ist. Dafür belohnt sie ein unfassbares Panorama von ihrem erklommenen Standort, der Eisflanke. Und siehe da! Die dünne Schneeschicht auf dem Eispanzer hält und sie verewigen sich für immer. Nach dieser erfolgreichen Abfahrt ist der Aufstieg auf den Mythos Südseite beschlossen.

Und ich bin nach 52 Minuten The White Maze einfach nur froh, dass ich da bin und jetzt kommt auch noch die Crew auf die Bühne. Geil.

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Geschafft: Mattias im Doppelpack auf ihrer Mission den unbefahrbaren Gore Pobeda befahrbar zu machen. Fotocredit: Jonas Blum

Sie haben‘s einfach drauf

Raphael Webhofer, Max Zipser und Alexander Hoffmann machen alles im Trio. Was dabei herauskommt ist Fantastisches. Mit einem kleinen Zelt reisen sie via Luftweg durch das Karwendel und die Ötztaler Alpen. Die mit Drohnen gefilmten Aufnahmen wirken surreal, ob ihrer Genialität. Ich werde Leinwandzeuge von Snowboardritten durch schmalste Rinnen bei Höllentempo; von hohen Luftständen unfassbarer Sprünge auf zwei Brettern: bei Nebel und Schneetreiben. A mord’s Suahaufen in an z’kloan Zelt geht rein in das Tiroler Herz, auch ob des Erzählers, der des Tirolerischen mehr als mächtig ist. Bei allem Spaß beeindruckt der nur 10 Minuten lange Film durch seine Bildgewalt. Nicht umsonst erhielt Whiteroom Productions dafür den Preis der Jury beim Filmfest in St. Anton. Schade, dass es schon vorbei ist.

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Max Zipser braucht nicht viel Platz. Fotocredit: Alex Hoffmann

 

Mikroabenteurerinnen

Die zwei Mädels Verena Fendl und Lisa Schmölzl entführen mit Schneewittchen alle im Kino in nur sechs Minuten in die Bergwelt rund um Innsbruck. Dort, wo die Abenteuer direkt vor der Haustüre liegen. Der Film zeigt vertraute Gegenden auf der Nordkette, den Kalkkögeln und dem Stubaier Gletscher. Die sensationellen Aufnahmen machen der Freeride City Innsbruck alle Ehre. Dort, wo so viele Menschen wie nirgendwo Sport treiben. Verena und Lisa sind Verfechter von Kurzurlauben, in Form von mehrtägigen Skitouren. In den Bergen spüren sie sich richtig und gehen gern ans Limit. Dabei sind sie für ihre Abenteuer immer top vorbereitet und in Form sowieso. Flo Orley sagt: „Pause und Zeit für ein Getränk.“ Finde ich eine exzellente Idee. Ich freue mich jetzt schon auf alles, was noch kommt.

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Die zwei Schneewittchen, Verena Fendl und Lisa Schmölzl, finden perfekten Pulver im Stubaital. Fotocredit: Johannes Mair

Skifahren ohne Lift

Im Film Ski for Freedom in Pakistan leisten Stefan Ager und Andreas Gumpenberger, beide Skiguides, Skikurse der besonderen Art in Pakistan. Exponierte gestapelte Schotterstraßen, die nur Platz für ein Auto bieten, führen sie ins Skicamp auf 4000 Meter Höhe. Dort gibt es weder Pisten noch Lifte. Also gehen sie täglich 20 bis 30mal zu Fuß mit ihren Schülern den Hang hinauf. Am Camp können neben Jungen auch Mädchen teilnehmen, für pakistanische Sitten ungewöhnlich dafür umso einzigartiger. Die Mädchen entdecken hier auch kurz ihre Freiheit, ganz ohne Kopftuch und Burka. Nach dem Skikurs werden Stefan und Andreas zu Alpinisten in Pakistan und genießen Skitouren umringt von Sechstausendern. Vielleicht entwickelt sich aus dem Camp der eine oder andere pakistanische Olympionike. Oder noch besser die erste Winter-Olympionikin der Geschichte.

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Skikurse für die Jugend und ihre Freiheit in Pakistan. Fotocredit: Jan Eric Euler

Nicht ohne meinen Geigerzähler

Der nächste Film, Konichiwa Japan – Surf & Snow in Hokkaido, schenkt den Kinobesuchern gewaltiges zu Lande wie zu Wasser und viel Tiefgang. Wie tief ein Teil der japanischen Kultur gesunken ist, die Fukushima einfach totschweigt, überrascht Aline Bock und Lena Stoffel dann doch. Sie blicken hinter die Kulissen der Atomkraft, die weiterhin nicht auf zukünftige Profite verzichten wird, obwohl genügend Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt werden kann. Der Film besticht durch den Kontrast aus Berg und Meer. Die Bildschnitte zeigen Aline und Lena innerhalb von 30 Sekunden bei fantastischen Wellen im Neopren und in der Skimontur durch japanischen Pulver reiten: perfekt eingefangen von Mathias Kögl. Dort im Osten sind Wasser und Luft sicher. Das bestätigt auch ihr Geigerzähler. Wie genau es sich rund um Fukushima verhält, weiß man nicht genau. Locals gehen dort jedenfalls nicht mehr ins Meer.

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Snow and Surf: Auf der Vulkaninsel Rishiri werden Träume wahr. Fotocredit: Aaron Jamieson

„Street Skiing is a Bitch“

Den Abschluss des grandiosen Filmabends macht der Film Escapades von der Freeski Crew. Es geht auf und ab. Brutale Stürze beim Street Skiing über Metallgeländer in einer unwirtlich klirrend kalten Stadt. Unfassbare Sprünge über Rampen und Dächer. Powder-Ritte durch den Wald. Abfahrten über Felsen und steile Rinnen. Feinster Sound, der die Bilder noch bewegender macht. Egal, wo auf der Welt die Crew ihre Fußstapfen hinterlässt, sie sind Freunde, die sich über ihre Leidenschaft des Skifahrens definieren. Dadurch hat der Film einen durchgängigen Flow und man weiß, dass die Entourage alles, was sie anpackt, bewältigen wird. Gedreht wurde der Film in Österreich, Deutschland, Italien, Spanien, Japan, Kanada, Russland, Kirgistan, Chile und in der Schweiz. Einen Spot habe ich dann sofort erkannt. Am Anfang meiner Laufstrecke zum Schloss Ambras hat die Crew doch tatsächlich die Umhausung der Autobahn für einen feinen Sprung verwendet.

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Abendstimmung auf dem Elbrus: 4000 Meter über dem Meer. Fotocredit: Freeskicrew

Nach diesem vielfältigen Filmabend, mit so gewaltigen Bildern und so viel Erzählstoff, verselbständigen sich meine Finger beim Tippen. Ihr wollt mehr Freeride? Dann müsst ihr nicht lange warten. Das Freeride Filmfestival steht  vor der Tür. Am 5.11.2016 in Innsbruck. Also schnell noch Tickets sichern und ab zum Freeride Film Festival in Innsbruck!