Wenn ich Europameisterschaft höre, denke ich sofort an ein riesengroßes Spektakel. Eines, wie wir es beispielsweise vom Fußball kennen. Die Boccia-EM, die heuer vom 10. bis 15. September in Innsbruck stattfand, war etwas beschaulicher, irgendwie gemütlicher. Zumindest kann ich mir jetzt gut erklären, wo der Begriff „eine ruhige Kugel schieben“ herkommt.

Österreichischer Boccia Spieler unter den weltbesten

Ich gebe es offen und ehrlich zu, ich habe noch nie in meinem Leben Boccia gespielt. Nicht einmal im Urlaub am Strand. Für mich ist es also eine vollkommen neue Welt. Ich möchte es nicht noch schlimmer machen, aber ich muss zugeben, ich wusste nicht einmal, dass es in Innsbruck einen Boccia-Verein gibt. Ein großer Fehler, denn wie ich herausfand, hat der ESK-Tivoli mit Niki Natale sogar einen waschechten Weltmeister. 2010 konnte der erfahrene Boccia Spieler in Rom den Titel für Österreich holen. Spoiler Alarm: Auch 2019 sieht es gut für den Champion aus, aber ich will ja nicht zu viel verraten.

Man könnte sich an dieser Stelle nun durchaus die berechtigte Frage stellen, warum ausgerechnet ich über die Boccia-EM schreibe. Ganz einfach, weil ich neugierig war und unbedingt mehr über diesen „Nischen“-Sport erfahren wollte. Und es hat sich auch im Falle Boccia wieder einmal bewahrheitet: Es lohnt sich Neues kennen zu lernen. Im Vorfeld recherchierte ich im Internet, las mich in die Spielregeln ein und erfuhr so, dass es beim Boccia ganz genau zugeht, der Schiedsrichter den genauen Kugelabstand schon mal nachmisst und sich nicht immer aufs Augenmaß verlässt.

Schiedsrichter bei der Boccia EM in Innsbruck

Beim Boccia geht’s genau zu!

Drama, Glitzer und Glamour braucht hier niemand

Als ich am Mittwoch – dem ersten Spieltag – pünktlich zum angekündigten Start um 11:00 Uhr in der Bocciahalle des ESK Tivoli am Bleichenweg 54 (hinterm DEZ unter der Autobahn) eintreffe, sind die Mannschaften immer noch beim Training, gestartet wird doch erst um 12:00 Uhr. Gut, so habe ich noch Zeit mich umzusehen und die Atmosphäre etwas mehr in mich aufzunehmen – sozusagen den Boccia-Vibe zu spüren.

Training vor der Boccia EM

Die Athleten bereiten sich auf den Wettkampf vor.

Es sind kaum Fans anwesend. Das liegt zum einen sicher daran, dass es mitten unter der Woche ist und zum anderen, dass Boccia einfach nicht die gleiche Bekanntheit wie andere Sportarten genießt. Zumindest in Österreich nicht. Soweit ich mitbekommen habe, sieht es anderswo, in Italien zum Beispiel, viel besser aus. Die Athleten kommen aus allen Teilen Europas und scheinen ihren Sport ernst zu nehmen. Aber nicht zu ernst, denn die Stimmung ist locker und – soweit ich das beurteilen kann – herrscht auch zwischen den Konkurrenten eine gute Atmosphäre. Alle gehen freundschaftlich und höflich miteinander um. Irgendwie erinnert es mich an ein großes Familientreffen. Wer also Hooligans, laut kreischende Groupies oder sexy Cheerleader sucht, ist beim Boccia eindeutig falsch. Dafür gibt es Athleten jeden Alters, egal ob jung oder alt, jeder darf mitmachen.

15 Nationen kämpfen um den Titel

Beim Boccia scheint der Spruch „Ladies first“ zu gelten, denn das erste Spiel der Europameisterschaft bestreiten die Damen. Als es endlich losgeht, erwarte ich mir, dass nun die Hymnen gesungen werden, Spieler und Zuschauer aufstehen und sich beim Singen ergriffen auf die Brust fassen. Aber es läuft dann doch etwas unspektakulärer ab. Nach kurzer Einleitung und der Auslosung wer mit welcher Farbe spielt, wird schon gestartet. Es spielen jeweils zwei Nationen auf drei Bahnen gegeneinander. Ich konzentriere mich hauptsächlich auf die Österreicherinnen, die gegen Ungarn antreten und letztendlich als Siegerinnen hervor gehen. Insgesamt treten 15 Nationen in fünf Disziplinen gegeneinander an.

Damen Doppel bei der Boccia EM 2019

Die Österreicherinnen Beate Reinalter und Adrea Steininger spielen gegen Ungarn.

Österreich steht am Podest

Großes Highlight der Boccia-EM ist für mich definitiv die Siegerehrung. Es sind viel mehr Leute anwesend, die Stimmung ist ausgelassener. Wahrscheinlich, weil nun die Anspannung von den Athleten abfällt. Endlich höre ich Nationalhymnen und sehe Zuschauer und Sportler, die mitsingen, Fahnen schwingen und gemeinsam feiern. Ich habe nun wirklich das Gefühl bei einer Europameisterschaft zu sein. Der Obmann des ESK Tivoli Hannes Höfer bedankt sich vor der Siegerehrung besonders bei allen Spielern:“ Ich möchte ein großes Lob an alle Athleten für ihr faires Verhalten aussprechen.“ Damit sagt er genau das, was ich vom Boccia kennengelernt habe. Es scheint ein Sport zu sein, der Leute anzieht, die einfach zusammen spielen und Spaß haben wollen. Die nicht viel Action brauchen, aber das, was sie tun, ernst nehmen.

Siegerehrung bei der Boccia EM

Jeder möchte ein Foto der Boccia Stars.

Besonders freut es mich, dass Niki Natale wieder auf dem Siegertreppchen steht und das sogar zweimal! Einmal belegt er zusammen mit seinem Partner Philipp Wolfgang beim Männer Doppel den zweiten Rang und im Einzelbewerb schafft er es sogar ganz hinauf. Er wird Europameister in der Disziplin „Single Men“ und das mit 66 Jahren! Ansonsten holen die Italiener viermal Gold.

Siegerehrung

Ein gewohnter Anblick: Die Italiener stehen ganz oben auf dem Siegertreppchen.

 

Siegerehrung Boccia EM

Der Boccia Star Niki Natale holt den EM-Titel in der Disziplin “Single Men”.

Zusammengefasst kann man sagen, dass die Boccia EM ein voller Erfolg war. Ein Event, das ohne großes Tamtam auskommt, bei dem der Sport und eine familiäre Atmosphäre im Vordergrund stehen.

Infos:

Adresse:
ESK Tivoli Innsbruck
Bleichenweg 54
6020 Innsbruck
E-Mail: info@esk-tivoli.at
Facebook: facebook.com/esk.tivoli/

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