Ich kann es drehen und wenden wie ich will: die Zeit der Almrosenblüte ist und bleibt für mich die schönste Jahreszeit. Wenn riesige Berghänge plötzlich in die Farbe Rot getaucht sind. Wenn das vertraute, helle Bimmeln der Kuhglocken das dominierende Geräusch ist. Dann – und erst dann – beginnt für mich der Almsommer.

Es ist ohne Zweifel ein Privileg in Innsbruck zu leben. Dies äußert sich in vielen Vorteilen. Einer davon ist die Tatsache, dass es hoch über der Stadt einen ,Zirbenweg‘ gibt, der jährlich ab Ende Juni genausogut ,Almrosenweg‘ heißen könnte. Was ist jetzt das Privileg? Ganz einfach: Dass ich innerhalb einer Stunde unter Benützung öffentlicher Verkehrsmittel am Ausgangspunkt dieses Hochgebirgs-Weges stehe, der konkurrenzlos schön ist. Und ein Panorama vor mir habe, das seinesgleichen sucht.

Mehr noch: Nach der Absolvierung des Zirbenweges werde ich von der Tulfein-Alm aus den Sessellift nach Tulfes nehmen. Und dort wartet wiederum ein Bus, der mich zur Patscherkofel-Talstation nach Igls zurückbringt. Privilegierter kann man nicht sein. Aber aller Privilegien zum Trotz: Ausgerechnet in Sachen Almrosen wurde mein botanisches Wissen heuer ganz grundlegend erweitert. Das war doch einigermaßen peinlich…

Mit der Patscherkofelbahn in den Almsommer

Mit der Patscherkofelbahn in den Almsommer

Als Innsbrucker Privilegienritter nahm ich also den Bus, der mich direkt zur Patscherkofelbahn kutschierte. Der Patscherkofel ist der sogenannte ,Hausberg‘ der InnsbruckerInnen. Das ist allseits bekannt. Auch, dass hier Franz Klammer 1976 zum Olympiasieg raste. Eher weniger bekannt ist die Tatsache, dass entlang des rund acht Kilometer langen Zirbenweges von der Bergstation der Patscherkofelbahn zur Tulfein-Alm vermutlich Europas älteste Zirbenbäume im letzten ‘Zirbenurwald‘ der Alpen wachsen. Bäume, die bis zu 500 Jahre alt sind. Die Zirbe nimmt in den Alpen Tirols eine Sonderstellung ein. Nur noch sie widersteht den Naturgewalten in diesen luftigen und im Winter sehr kalten Höhen zwischen 2.000 und 2.200 m.

Die knorrigen Zirben sind quasi auf 'Rosen' gebettet.

Die knorrigen Zirben sind quasi auf ‘Rosen’ gebettet.

Zwischen Ende Juni und Anfang Juli ändert der Weg dann Jahr für Jahr urplötzlich die Dramaturgie. Er wird zum Almrosenweg. Atemberaubende Ausblicke auf Innsbruck und das Inntal wechseln ab mit prachtvollen Fotomotiven in felsigem, sich mitunter dramatisch auftürmendem Hochgebirge. Besonders heuer hatte ich jedoch das Gefühl, durch eine Zirben-Allee zu spazieren, die von den roten Blütenpolstern der Almrosen überaus üppig und farbenprächtig geschmückt wird.

Der Zirbenweg: unvergleichlich schön und interessant.

Der Zirbenweg: unvergleichlich schön und interessant.

Die Berghänge erblühen jetzt in zartem rosa und rot.

Die Berghänge erblühen jetzt in zartem rosa und rot.

Für eine erste Rast kommt mir der Alpengasthof Boscheben gerade recht. Ungefähr auf der halben Wegstrecke gelegen hat man von hier aus einen schönen Blick auf die Berge des Glungezer-Massivs und einen Teil des Wipptales. Mir wird Boscheben heuer aber aus anderen Gründen in Erinnerung bleiben. Denn ein Gesprächsfetzen vom Nebentisch ließ mich aufhorchen: Bei Almrosen und Almrausch handle es sich um zwei verschiedene Pflanzenarten behauptete da eine ältere Dame stur und steif. Und ich dachte immer, dass sich Almrosen immer nach einem ausgedehnten Hüttenbesuch und reichlichem Alkoholgenuss in Almrausch verwandelten.

Der Blick vom Zirbenweg zur Tulfein-Alm.

Der Blick vom Zirbenweg zur Tulfein-Alm.

Jedenfalls wollte ich mir sofort nach meiner Ankunft auf der Tulfein-Alm mit Google Klarheit verschaffen. Und tatsächlich: Almrosen, genauer ‘Alpenrosen‘ wachsen vor allem in den Urgesteinsgebieten, wie es auch das Patscherkofel-Glungezergebiet eines ist. Der Almrausch wiederum – oder genauer die bewimperte Alpenrose – bevorzugt Kalkböden.

Wie auch immer. Die Schönheit der Berg-Pflanzen verzaubert nicht nur mich jedes Jahr aufs Neue. Genauso wie tausende von naturbegeisterten Menschen, die sich diese Farb-Festspiele nicht entgehen lassen. Die nach dem Genuss des Zirbenweges entspannt mit der Glungezer-Sesselbahn zu Tal gleiten, um mit dem Bus nach Igls zurückgebracht zu werden. So sehen Privilegien aus!

Hier sind weitere Informationen zum Zirbenweg als Rundwanderweg, Preise, Fahrpläne etc. zu finden.