Warum liegt hier eigentlich Schnee? Väterchen Frost hat mit Frau Holle die Betten gemacht. Die weiteren Wetteraussichten sind weiß. Ein urgewaltiger Tiroler Winter wird zur Sehenswürdigkeit in Innsbruck. Auch unsere große weiße Wand im Norden: Die Nordkette wird aus Sicherheitsgründen erstmal nur aus der Ferne bestaunt – bis man sie wieder freigeschaufelt hat. Wenn der Winter kommt, kommen die Schneemänner. Sie ziehen ihre Spuren mit Schaufeln, Salz und schwerem Gerät. Auch auf der Hungerburg konnte man sie kürzlich in ihrem Element erleben.

White Watch.

Meistens kommt der Winter über Nacht. Wenn wir schlafen, fällt der Schnee, aber uns gar nicht auf. Bis wir dann raus müssen, meistens in Eile. Spätestens dann stellt man sich eben eingangs erwähnte Frage. Damit der Alltag in den Alpen auch dann reibungslos rund läuft, muss hier geräumt werden. Auf allen öffentlichen Verkehrsadern kümmert sich in der Tiroler Hauptstadt darum ein städtisches Schnee-Sonderkommando der MA III. Rund um die Uhr. Sinnvoll gestaffelt nach Wichtigkeit der Versorgungswege.

Eigentlich ist das Aufräumen aber überall Anrainersache: Jeder ist für sein Stück Weg also selbst verantwortlich – Gehsteig inklusive. Wer’s dem Nachbarn nochmal unter die Nase reiben will, findet hier (§ 93, StVO) den zu zitierenden Gesetzestext. Im Kernbetreuungsgebiet Innsbruck koordiniert die  Räumungsarbeiten auf Gemeindestraßen das zuständige Amt für Straßenbetrieb (erreichbar via Fon:  0512 5360 7250, oder Mail: post.strassenbetrieb@innsbruck.gv.at). 

Krasses Pferd.

Alles andere als einfach, denn der Schnee macht schwer zu schaffen. Ein Kubikmeter Neuschnee wiegt etwa 200 Kilo, komprimiert  und verdichtet dann bis zu einer Tonne. Schnee schaufeln ist schweißtreibend. Die Schneemänner auf der Hungerburg strahlen trotzdem mit dem Kaiserwetter um die Wette. Und reiten auf zwei riesigen violetten Ungetümen gegen die Schneemassen an. Einmal Schneefräse, einmal Schneepflug, zweimal Steyr 9105: Fünf Tonnen Kampfgewicht, drei Meter hoch, 105 PS wassergekühlter Vierzylinder-Turbo mit Direkteinspritzung. Ein wahrgewordener Männertraum gleitet durch Berge von Schnee wie Butter. Da zieht selbst der wildeste Winter wimmernd den Schwanz ein. Schade Frau Holle.

Wilder Hund.

In Minuten füllen sich die Lastwagen und rollen schwer beladen ins Tal. Irgendwo muss das ganze Weiß dann hin, wohin verrät mir Sebastian Muigg als Koordinator vor Ort. “Der Inn ist ein wilder Hund und fließt das ganze Jahr zu schnell zum frieren. An drei Schnee-Abladerampen wird die Ladung dann in das Fließgewässer eingebracht. Die Strömung taut den Schnee ab und nimmt das Wasser einfach mit. Stark verschmutzter Schnee ist davon allerdings ausgenommen. Der wird auf einem großen Parkplatz zwischengelagert, abgetaut und kontrolliert via Kanalisation gereinigt.”

Snow-How.

Ein Profi-Schneemann kann übrigens eigentlich jeder werden. Die Mitarbeiter des Sonderkommandos sind hauptsächlich angelernte Fachkräfte aus Bau- und Nebengewerben. Im Winter eins mit dem Eis, nur die Stärksten halten durch. Hart im Nehmen muss man nämlich wirklich sein: Schichtarbeit von vor dem Sonnenaufgang (halb vier) bis lange danach (witterungsabhängig, aber etwa elf), dazu Minusgrade an der Schmerzgrenze und die ewige Sisyphosarbeit Schnee. Wer am Ende immer wieder dort anfängt wo er begonnen hat, nimmt’s lieber mit Humor. Trotz Eiswetter und schwerer Arbeit halten sich die Krankenstände aber in Grenzen. Wir sind’s gewohnt, lacht der Schneemann und packt an.

Schwarzarbeit.

Geräumt wird grundsätzlich “schwarz”, also bis auf den Asphalt. Wo weiß übrig bleibt, festgefahren oder vereist (sog. Schneeriegel), kommen Split (abstumpfendes Streumittel) oder Salz/Salzsole (abtauendes Streumittel) zum Einsatz. Den ausgebrachten Split muss man im Frühjahr dann wieder einsammeln und aufwändig reinigen. Salzmaßnahmen belasten dagegen – Umwelt, Lederstiefel und Fahrzeugkarosserien. Der beste Winterdienst ist möglichst viel und frequent zu räumen. Der Winter ist keine Jahreszeit, er ist eine Aufgabe, weiß der Schneemann.

Die weißen Engel.

Eine Aufgabe die man den Winterhelden vielerorts auch einfacher machen kann. Indem man Gehwege freihält (Fahrräder, Streugutcontainer), Autos vorausschauend parkt (Streumittel, Schwenkradius), sich im Verkehr gelassen verhält (situationselastisch) und den eigenen Räumungspflichten nachkommt (von 06 bis 22 Uhr). Dazu zählt auch die gefürchtete Dachlawine, der Stolperstock an der Hausmauer entbindet nämlich nicht von der Haftpflicht. Der Dachdecker des Vertrauens hilft beim Abschöpfen und installiert vorbeugend Rutschbremsen.

Andere Anlaufstellen zum Abräumen sind Hausmeister, Maschinenring, Landwirte und spezialisierte Frächter. Bei Notruf Schnee (Gefahr im Verzug) helfen Feuerwehr und Polizei via Leitstelle Tirol, der ÖAMTC liefert alle Verkehrsbeeinträchtigungen in Echtzeit, auch die alpine Lawinenwarnstufe online auf Abruf. Allgemein gilt aber: Wer freundlich fragt, dem hilft auch der Nachbar. Spätestens gemeinsam wird das Schaufeln zum Schneevergnügen. Die Innsbrucker Schneemänner (und -innen) können davon jedenfalls ein Liedchen singen. Dafür möchte man an dieser Stelle auch einmal DANKE sagen.