Es war der Tag des ersten herbstlichen Raureifs 2019, als in Telfs 52 Männer schlagartig aufhörten, sich zu rasieren. Noch bis zum 2. Februar 2020 sprießen nun die Bärte in alle Himmelsrichtungen. So lange nämlich werden die Mitglieder der  Fasnachtsgruppe namens ‚Bären und Exoten‘ durchhalten und sich ihr Gesicht zuwachsen lassen. Denn ‘Maria Lichtmess’ ist heuer auch der Tag des Telfer Schleicherlaufens. Und das findet nur einmal in fünf Jahren statt.

Es ist ein alter Hut: helles Licht wirft klare Schatten. Das gilt auch für die Fasnachtsbräuche im Alpenraum. Und so wirft das Telfer Schleicherlaufen, 2010 von der UNESCO in das österreichische Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen, seit dem 6. Jänner seine glasklaren Schatten voraus. Und wie.

Schleicherlauf 2020

Die Gruppe der ‘Bären und Exoten’ auf ihrem Weg durch die Gasthäuser von Telfs. Ausnahmslos alle tragen einen Vollbart.

 

Das Ballyhoo zum Schleicherlauf

Die Marktgemeinde am sonnigen Fuß der Hohen Munde befindet sich seit dem Dreikönigstag mehr oder minder im Ausnahmezustand. Da zieren urplötzlich Wägen mit eigenartigen Aufschriften und Zeichnungen das Ortsbild: Bease-Buam, Musibanda oder Kurpfuscher sind nur drei davon. Es handelt sich dabei jeweils um die „Hauptquartiere“ jener Gruppen, aus denen sich der historische Schleicherlauf zusammen setzt. In diesen Hauptquartieren wird jeden Donnerstag bis Samstag gefeiert, dass sich die Balken biegen. Und überhaupt: Wer sich den in Fasnachtskreisen kursierenden Terminkalender anschaut bezweifelt ernsthaft, ob in Telfs bis zum 2. Februar überhaupt gearbeitet wird. 

Wagen der Musibanda in Telfs

Wenn in Telfs urplötzlich neue ‘Gebäude’ auftauchen ist’s Zeit für das Schleicherlaufen. Jede Gruppe hat ihren Wagen, in dem weit vor dem Fasnachtshöhepukt bereits kräftig gefeiert wird. Hier das Gefährt – oder sollte man sagen die Bar – der Musibanda.

Die Papierkrippe zum Schleicherlauf

Mir ist so ein interner Terminkalender bei einer Veranstaltung im Tiroler Volkskunstmuseum in die Hände gefallen. Und zwar anlässlich der Präsentation der ersten Tiroler „Fasnachtskrippe“. Der Telfer Künstler Heinrich Tilly hat dieses einzigartige künstlerische Kleinod geschaffen, das den Schleicherlauf im Miniaturformat darstellt. Die Krippe ist übrigens noch bis 25. Februar im Volkskunstmuseum in Innsbruck zu besichtigen.

Der Künstler hat dabei – ganz in der Tradition uralter Weihnachtskrippen – insgesamt 150 jener Figuren auf Papier gezeichnet, bemalt und auf eine feste Unterlage geklebt, die den Schleicherlauf ausmachen. All die historischen Gruppen und Figuren wie der „Laternentrager“, „Pånznåff“, „Bötlstanzer“, „Tschapfler“ und der „Säckelmeister“ sind dargestellt. In den historischen Gruppen zusammengefasst kann man somit den Schleicherlauf im Kleinstformat vor der Kulisse der Telfer Bauern- und Bürgerhäuser erleben.

Was ist denn ein “Eseleinführen”?

Zurück zum internen Fasnachts-Terminkalender. Was mich an diesem Abend im Volkskunstmuseum faszinierte waren Schilderungen einer Aktion, die zwei Tage später stattfinden sollte. Da war von einem „Eseleinführen“ die Rede, das am helllichten Tag mitten in der Stadt über die Bühne gehen sollte. Das sei, wurde mir beschieden, eine ‚berühmt-berüchtigte‘ Veranstaltung im Vorfeld des Schleicherlaufes. Ausführende Gruppe seien die „Bären und Exoten“. Zudem werde neben einem Esel  auch noch ein ausgewachsener Ziegenbock auftauchen. Mit den beiden zögen die ‘Bären und Exoten’ dann durch die Gasthäuser von Telfs um den Wirten die Tiere und den Tieren die Wirte vorzustellen. Und vom tierischen Verhalten  hänge es schlußendlich ab, ob das neue Jahr für einen Wirt Glück bringe. Eine Art Orakelbrauch? Dieses Spektakel durfte ich mir keinesfalls entgehen lassen.

Vorher wollte ich mir als Schleicherlauf-Laie noch einen Überblick über das Schleicherlaufen selbst verschaffen. Vor allem über jene Gruppe, die der Fasnacht den Namen leiht: die Schleicher.

Bären und Exoten, Schleicherlauf

Wenn in Telfs ganze Straßenzüge abgesperrt werden ist Fasnacht. Die ‘Bären und Exoten’ mit Eselin Cindy und Saanen-Ziegenbock Priapos auf dem Weg in die Wirtshäuser.

Der Hut macht den Telfer Schleicher

Ich traf mich mit dem Obmann der ‚Schleicher-Gruppe‘, Hans Sterzinger. Im Gespräch mit ihm und seinem Sohn Urban wurde mir bewusst, dass das Schleicherlaufen selbst, vor allem aber das Gefüge der Gruppe der Schleicher, auf strikten Regeln basiert. Das beginnt beim ‚Bau’ der Hüte, dem Gestalten der Kleidung und endet bei den Kreistänzen dieser Gruppe.

Überraschend ist die Tatsache, dass die Telfer Schleicher keine wirkliche Maske tragen. Lediglich eine Drahtmaske verdeckt das Gesicht. Das eigentliche Erkennungsmerkmal der Schleicher sind deren bunte, bisweilen bis zu einem Meter hohen Hüte. Näher besehen sind es regelrechte Kunstwerke. Diese ‚Bühnenbilder am Hut‘ handeln bisweilen vom Beruf des Trägers, vielfach auch von Jagd und Landwirtschaft oder sind der vielgestaltigen Sagenwelt von Telfs entlehnt.

Schleicherlaufen

Die farbenprächtigen Schleicher sind die Namenspatrone des großartigen Fasnachtsumzuges in Telfs. Kunstvolle Hüte, farbenfrohes Aussehen und in der rechten Hand Fahne und Brezn, in der linken ein Seidentuch. So nobel präsentieren sich diese legendären Fasnachtsfiguren alle fünf Jahre.

Urban Sterzinger mit einem kunstvoll gefertigten Hut. Rechts: Hans Sterzinger

Beim Hutbau beginnen die Vorschriften: Keine Heiligenfiguren am Hut, „überhaupt nichts Kirchliches“, erklärt mir Hans Sterzinger. Auch die Kleidervorschriften sind präzise und pingelig. Die Schleicher tragen schwarze Halbschuhe oder farbige, meist bestickte Hausschuhe, weiße Kniestrümpfe, farbige Kniebundhosen aus Seide, Spitzen, Fransen und Borten. Alle tragen weiße Handschuhe, um die Körpermitte einen Ledergurt mit einem Mordstrumm einer Schelle (österreichisch für: mit einer sehr großen Schelle), die am Rücken angebracht ist.

Und die Farbauswahl? „Es sind neben dem Weiß zwei weitere Farben, die der Schleicher selbst wählen kann“ erklärt mir Hans. Und da die Telfer Familien bisweilen seit Generationen derselben Fasnachtsgruppe der Schleicher angehören, sind auch die Farben familienintern so gut wie fixiert. Im Fall der Sterzingers: rot/schwarz.

Ob er denn für jeden Schleicherlauf einen eigenen Hut baue, wollte ich von Urban wissen. Als Sohn des ‘Schleicher-Obmannes’ ist der Künstler und Kunsterzieher logischerweise auch bei den Schleichern. „Nicht immer. Ich bin auch schon mit dem Hut meines Vaters gegangen“ erklärt er mir und zeigt auf ein prächtiges Exemplar. „Da ist die Stammtischfigur des einstigen Gasthauses Schöpfer eingebaut“, sagt er lachend. “Denn in diesem Haus wurde ich geboren.“

Urban und Hans Sterzinger

Schleicher-Obmann Hans Sterzinger und sein Sohn Urban mit dem ‘Stammtisch-Hut’: Zwei engagierte Schleicher.

Die Bestätigung, dass sich die Schleicher nicht nur nobel fühlen sondern das auch sind, wird am Tag des Schleicherlaufens eindrucksvoll bestätigt. Die 60 Mitglieder werden allesamt mit einer Kutsche zuhause abgeholt und zum Sammelplatz beim Maislangerbauern  kutschiert. Denn dort startet um elf Uhr der legendäre Fasnachtsbrauch.

Auf ihrem Weg vom Obermarkt zum Untermarkt führen sie auf insgesamt sechs ‘Spielplätzen’  ihren mythisch anmutenden Kreistanz auf. In einer altüberlieferten Choreografie und unter dem Getöse ihrer Schellen, die während des Laufes dumpf erklingen. Gemeinsam mit den Schleichern treten noch Tuxer und Tuxerin, Senner und Sennerin, Wirt und Kellnerin sowie der Glaslbua und der Goaßer mit seinem Horn auf. 

Wenn Esel oder Goaßbock gacken

Zurück zu den Bären und Exoten. Deren „Esel- und Goaßbockeinführen“ gehört zu den traditionellen Auftaktveranstaltungen im Jahr des Schleicherlaufens. Begleitet von der ‚Musibanda’ werden ein Esel und ein mächtiger Ziegenbock an der Leine in die Gasthäuser von Telfs geführt um sie ‚vorzustellen‘. Die 52 Mitglieder der Gruppe folgen ihnen, gekleidet wie kanadische Trapper. Von ganz besonderem Interesse ist nun, ob der Esel seine ‚Eselsäpfel‘ oder der Bock seine Gagln vielleicht in einem der Gasthäuser auswirft. Das bedeutet nämlich Glück für den Wirt im neuen Jahr. Solches Glück wird heuer mit Bestimmtheit der Brennerei Zeisele zuteil. Denn Eselsdame Cindy erleichterte sich im Hof des renommierten Telfer Edelbrenners. Und ich hatte das Glück, den Haufen fotografieren zu können.

Schleicherlauf Telfs

Der Beweis: Für die Brennerei Zeisele wird 2020 ein glückliches Jahr. Zumindest Cindy, die Eselsdame, glaubt daran. Und gackte in den Hof.

Und zum Abschluss: ein Tänzchen mit dem Goaßbock

Fasnachtsneulinge wie ich reiben sich verdutzt die Augen, wenn der Goasserer beginnt, zu den Klängen der Musibanda mit seinem Goaßbock zu tanzen. Sowas sieht man nicht alle Tage. Das Tänzchen ist mit Sicherheit eine Reminiszenz an ein uraltes Fruchtbarkeitsritual, zeigt jedoch die Verbundenheit des Tierhalters mit seinem wunderschönen Saanenziegen-Bock. 

Das sollte man sich am  2. Februar nicht entgehen lassen:
500 Männer tanzen drei Stunden lang durch Telfs

Gotl beim Schleicherlauf

Jede Gruppe hat mindestens eine “Gotl”.

Es sind beeindruckende Zahlen, die die Bedeutung des Schleicherlaufes für Telfs dokumentieren:  500 Männer werden ihre Tänze und Darbietungen in insgesamt 14 Gruppen auf sechs ‚Spielplätzen‘ zur Aufführung bringen. Frauen bekleiden – wie überall in Tirol – in der Fasnacht nur Nebenrollen. Und zwar als ‚Gotl‘ der einzelnen Gruppen. Anders ausgedrückt: als Betreuerinnen.

Mir ist nach all den Gesprächen und Beobachtungen im Vorfeld des Schleicherlaufes nun klar, weshalb die Telfer über einen derart ausgeprägten Ortspatriotismus verfügen. Dieser Brauch ist der größte gemeinsame Nenner, den ein Ort haben kann. Ich behaupte sogar, dass er die Basis der Telfer Identität ist. Neben der Hohen Munde selbstverständlich.

Detaillierte Informationen zum Schleicherlauf sind auf der Website Schleicherlauf.at zu ersehen.

So geht’s weiter bis zum Höhepunkt der Telfer Fasnacht am 2. Februar:

16.1. Vogler-Fest ab 18:00 Uhr, Gruppenlokal Kindergarten
18.1. Nagleinschlagen der Schleicher, beim Gapp, 14:00 Uhr
18.1. Bease-Buam-Fest, Rathaussaal, ab 19:00 Uhr
24.1. Gamswurstessen der Herolde, Rathaussaal, ab 20:00 Uhr
25.1. Viechertaf der Bären, GannerAreal, 14:30 Uhr
26.1. Generalprobe (Schleicher, 4 Jahreszeiten, Herolde, Wilden) Inntalcentervorplatz, 14:00 Uhr
31.1. Präsentation Sonderbriefmarke, Noaflhaus, 14:00 Uhr; Sonderpostamt mit Sonderstempel im Noaflhaus
31.1. Fasnachtskomitee fährt mit Gotln und Herolden nach Innsbruck zum Laden von LG Platter, LR Palfrader sowie Innsbrucks Bgm. Georg Willi.
1.2.  Auffahren der Wägen vom Untermarkt in den Obermarkt mit Ausschank auf den Wägen, Untermarkt, 13:00 – 18:00 Uhr
2.2.  Schleicherlaufen, Ortszentrum
07:00 Uhr: Die „Sonne“ wir durch den Ort getragen und angebetet
08:45 Uhr:  „Figatter“-Zug der Wilden vom Obermarkt ins Unterdorf
09:00 Uhr: Auffahren der Schleicher
10:00 Uhr: Der „Bär“ wird beim Meaderloch eingefangen
10:30 Uhr: Die „Wilden“ werden von der „Musibanda“ zu Sammelplatz vom Untermarkt zum Obermarkt geleitet
11:00 Uhr: Aufführungsbeginn des Schleicherlaufens 2020 am 1. Spielplatz
ca. 15:00 Uhr: Ausstellung der Schleicherhüte im großen Rathaussaal
3.2.  Wagen-Abfahren, Untermarkt, 13:00hr
22.2. Totengedenken und Fasnachtsball, Rathaussaal, 19:00 Uhr
25.2. Nazeingraben, Parkplatz Wasserbühel, 19:00 Uhr
1.3.  Gedenkgottesdienst für die verstorbenen Fasnachtler, Pfarrkirche Telfs, 8:00 Uhr.