„In keiner anderen Stadt der Welt kannst du bis 18 Uhr arbeiten und dann biken oder eine Skitour vor der Haustür machen.“

Univ.-Prof. Dr. Johann Füller ist Wahlinnsbrucker und Unternehmer. An der Uni Innsbruck unterrichtet er „Innovation und Entrepreneurship“, was so viel heißt wie Unternehmertum. Menschen, die Innsbruck als Heimatstadt wählen, gibt es einige. Gründe dafür noch viel mehr: Uni, Sport, Freizeit und die Liebe. Eine Geschichte über Innovation, Tradition, Freizeit, Mentalitäten und eine Stadt.


Ein Interview mit einem Universitätsprofessor und Unternehmer? Ich bekomme eine Handynummer und einen Termin an der SOWI, die Universität für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften: Spitzenforschung wird hier betrieben. International ist das Institut für Strategisches Management, Marketing und Tourismus, an dem Johann Füller forscht, ganz weit vorne. Sicherheitshalber rufe ich auf der deutschen Handynummer an: Johann wusste, dass ich mich melde, wir sind gleich per du – ein Bayer eben. Sehr sympathisch! Flott rennt er die Stiege rauf, ein sportlicher Mann? Jung und dynamisch wirkt er, trotz schwarzem Anzug sehr leger. Glatze und Spitzbart zieren sein Äußeres. Wir setzen uns in sein Büro und sind gleich beim Thema.

Innsbruck ist eine kleine Großstadt, die etwas zu bieten hat. Was ist das für dich?
Ich finde Innsbruck nicht so klein, die Stadt hat eine sehr schöne Größe und alles, was man braucht: Ich komme hier schnell von A nach B und lebe nicht nur in einem Stadtviertel wie in München. Es gibt hier eine super Uni und eine schöne Kulisse (Johann zeigt von seinem Büro aus dem Fenster mit Blick auf die Stadt und die Berge im Süden). Innsbruck hat etwas, das sonst keine Stadt der Welt bietet: ein alpines Umfeld, Dörfer, die sich um die Stadt anordnen und einen kleinen Flughafen. In zweieinhalb Stunden bin ich am Gardasee, in zwei Stunden in München.

Johann Füller

Ein bunter Hund ist er schon, der Universitätsprofessor und Firmenchef. Trotz Anzug wirkt er stets leger.

 

Wie würdest du den Wirtschaftsstandort Innsbruck beschreiben?
Meine Vision wäre es, aus dem „Inn Valley“ wie ich das Inntal gerne nenne, eine Art „Silicon Valley“ zu machen. Das Silicon Valley in Kalifornien ist eine der innovativsten und wirtschaftlich erfolgreichsten Gegenden weltweit. Es zeichnet sich durch erfolgreiche Unternehmensgründungen in High-Tech Bereichen aus – rund um die Universität Stanford. Viele solcher schlauen Köpfe gibt es auch in Innsbruck. Die Innsbrucker Uni ist eine Volluniversität und bringt eine ganze Schar gut ausgebildeter Absolventen unterschiedlichster Disziplinen hervor.

Seit wann bist du in Innsbruck und warum?
Seit 2000 bin ich wegen meiner Dissertation hergekommen. Ich habe mich bewusst für die Stadt entschieden, weil ich die Berge mag, damals noch kletterte und Gleitschirm flog. Eure Uni ist nebenbei gesagt auch sehr gut: Die Kombination macht es einfach aus. Hängen geblieben bin ich aber auch wegen der Liebe.

Wo hast du überall studiert?
In München Maschinenbau und Wirtschaft. Ich war aber auch in Frankreich, Spanien und USA. Trotzdem bin ich nach Innsbruck: Die Lebensqualität ist hier ein Wahnsinn.

Sportelst du heute noch so viel wie früher?
Ich beschränke mich auf Skitouren und Mountainbiken: In keiner Stadt der Welt kann man bis 18 Uhr arbeiten und dann noch vor der Haustür eine Skitour gehen und auf eine Alm radeln.

Erzähl mir ein wenig über deine Firma.
Bei „HYVE“ arbeiten 80 Mitarbeiter, richtig? Ja, wenn man Praktikanten und Freie mit berücksichtigt. HYVE ist eine Innovationsagentur. Wir helfen großen Unternehmen, innovative und kundenzentrierte Lösungen zu finden und diese umzusetzen: Das können Designs für Fernseher, Bügeleisen oder Software sein. Zu unseren Kunden zählen unter anderem Miele, Doppelmayr, BMW, Adidas, Gore, Lufthansa oder Daimler, aber auch Swarovski, OMV, Medel und die Erste Bank.

Geht sich das aus? Firma und Uni gleichzeitig? Wie ist das entstanden?
Na ja, zu wenig zu tun habe ich nicht. Das funktioniert, weil ich bei HYVE weniger operativ tätig sein muss und ich an der Uni eine halbe Stelle habe, die übrigens von Magna gestiftet wurde. Während meiner Dissertation habe ich ein spannendes Thema gefunden, das mich so begeistert hat, dass gleich eine Firma daraus geworden ist.

Prof. Johann Füller

Donnerstags bis freitags ist er immer in Innsbruck. Das Privatleben in ist hier einfach sehr schön. Er ist Wahlinnsbrucker!

 

Themenwechsel. Wie würdest du die Innsbrucker und die Tiroler beschreiben?
Ich habe einen super Zugang zu den Menschen hier, weil wir eine gewisse Seelenverwandtschaft haben: Die Tiroler und die Bayern verbindet bekanntlich mehr als die Tiroler und die Wiener. Ähnlich wie mit Bayern und Norddeutschland. Daher habe ich schnell Anschluss gefunden: Zu Beginn war ich in einer Wohngemeinschaft mit Südtirolern, meine ersten Freunde kamen aus Südtirol, Osttirol und Vorarlberg. Innsbrucker kennen zu lernen, war ein wenig schwieriger.

Liegt das daran, dass die Städter bereits Freunde und Strukturen haben?
Ja, definitiv. Es liegt nicht am Gemüt der Innsbrucker selbst; sie sind eigentlich sehr freundlich und offen.

Haben die Tiroler auch Marotten?
Manchmal seid ihr ein wenig engstirnig. Ihr habt eine „Wir-sind-wir-Mentalität“, die es auch in Bayern gibt. Ich habe Felix Mitterers Piefke Saga deswegen sehr treffend gefunden, in der Deutsche und Tiroler mit ihren Eigenheiten parodiert werden. In einigen Ausnahmefällen ist die Realität aber noch viel wahrer.

Was ist an den Tirolern charmant?
Das Du-Wort, das man hier schnell pflegt, finde ich sehr nett. In Bayern ist das ähnlich, nicht aber in München. Natürlich muss man höflich und professionell bleiben – manche scheinen dies beim Du allerdings abzulegen.

Was sind die Unterschiede zwischen Deutschen und Österreichern?
Für mich ist der typische Österreicher und Tiroler lässig, extrovertiert, nicht um einen witzigen Spruch verlegen und nimmt Dinge selber in die Hand. Während man in Deutschland schnell mal fordert, dass der Staat oder eine Behörde etwas regeln soll, macht man sich hier mehr selbst aus. Der Deutsche ist hingegen sehr organisiert, präzise und überlegt.

Nochmal Themenwechsel. Wo in Innsbruck gehst du gerne essen und aus?
Ausgehen im Ebis, das ist am Adolf Pichler Platz hinter dem Rathaus, eine nette Bar mit gutem Essen. Die Aussicht des Cafe 360 Grad am Dach des Rathauses selbst ist auch sensationell. Ins Schindlers in der Maria-Theresien-Straße gehe ich freitags gerne, dort wird Electro aufgelegt. Den Innkeller bei der Innbrücke mag ich auch, genau so wie die Brixner Weinstube gegenüber dem Dom. Im Treibhaus sind immer feine Konzerte.
Essen verbinde ich oft mit Sport auf der Höttinger Alm. Mit meinen zwei Kindern gehe ich aber lieber auf die Arzler Alm, weil die ein wenig niedriger liegt. Das Gasthaus Lewisch in der Biener Straße ist Kult und sollte sich nie verändern. Die Pizzerei am Boznerplatz hat die besten Pizzas und Drinks der Stadt.

Es scheint dich an authentische Plätze zu ziehen – ein furchtbar abgedroschenes und dennoch schönes Wort, bzw. was sich dahinter verbirgt. Was ist für dich das authentische Innsbruck?
Die Stadt hat sehr viel Substanz. Das sind für mich Gebäude wie das Goldene Dachl. Was da alles dahinter steckt und dort alles passiert ist! Die alte Universität gehört auch dazu. Innsbruck ist eine Alpinschmiede, nicht nur, weil ihr Gäste habt und Sportgeschäfte. Nirgendwo gibt es so viele gute Alpinisten wie in Innsbruck. Das Leokino und der Cinematograph sind wunderbare Art-House-Kinos, die für eine kleine Stadt ungewöhnlich sind. Innsbruck ist sehr nachhaltig: Es gibt viel Grünflächen, das passt einfach zur Stadt. Nachhaltig ist auch das Essen.

Gibt es auch etwas, das du an der Stadt nicht magst?
Die Strafzettelverteiler, die nach zwei Minuten vor meinem Auto stehen (grinst). Sonst mag ich fast alles hier. Ich sehe generell alles sehr positiv und mein Glas ist immer halb voll. Donnerstags bis freitags bin ich immer hier. Das Privatleben in Innsbruck ist einfach sehr schön. Ich bin Wahlinnsbrucker!

Vil Joda dankt fürs Interview und wünscht Johann alles erdenklich Gute in Tirol!