Ich kann’s ja zugeben: der Name Tummelplatz sagte mir bis vor zwei Wochen noch nichts. Was weniger mit meiner Herkunft als Vorarlberger zu tun hat. Schon eher damit, Friedhöfen wenig bis gar nichts abgewinnen zu können. Erst eine Veranstaltungsreihe des Innsbrucker Stadtarchivs machte mich auf dieses Gedenk-Juwel aufmerksam. „Tummelplatz, Friedhof und Soldatengräber“ wurde als einer von neun höchst informativen Stadtspaziergängen in diesem Jahr angekündigt. Dass der Direktor des Stadtarchivs, DDr. Lukas Morscher, höchstselbst als Führer agierte, war für mich quasi das ‘Sahnehäubchen’.

Das unscheinbare Schild vis-a-vis des Einganges zu Schloss Ambras war mir zwar schon früher aufgefallen. Es weist den Weg zur „Landessöhnegedächtnisstätte“, einem Soldatenfriedhof. Dass sich diese Stätte auf einer Lichtung befindet, die einst als Reitplatz für die Pferde der Habsburger diente, verschaffte ihr den Namen Tummelplatz. Es ist eine Groteske der Geschichte, dass dort seit 1796 hunderten Opfern habsburgischer Kriesgslüsternheit gedacht wird. Junge Männer, die den Kaisern stets als Kanonenfutter gedient hatten.

Der erste Wanderweg Innsbrucks führte zum Tummelplatz

Schon der Weg zur Gedenkstätte ist irgendwie historisch. Er wurde 1888 zum ersten offiziellen Innsbrucker Wanderweg und damit zum Grundstein des heutigen 74 Kilometer langen Wanderwegenetzes. Nach kaum zehn Gehminuten erreicht man dann das für mich einzigartige Anti-Kriegsmahnmal mit seinen mehr als 1.000 Gedenkkreuzen, die für mindestens 2.000 Tote stehen. (Andere Quellen schätzen die Zahl jener Soldaten, derer hier gedacht wird, auf 7.000-8.000). Die letzte tatsächliche Beerdigung fand 1856 statt. Das letzte Gedenkkreuz wurde einem Soldaten gewidmet, der 1947 in einem Lazarett seinen Verwundungen erlegen ist.

Ein Soldatenfriedhof wird zum Schmuckstück

Dass sich die Gedenkstätte Tummelplatz heute in einem derart guten, geradezu schönen Zustand präsentiert, ist das Werk eines Vereins, der vor einigen Jahren eine wahrhaftige Wiedergeburt erlebte. Schon seit über 60 Jahren wird die Gedächtnisstätte vom „Verwaltungs- und Betreuungsverein der Landesgedächtnisstätte Tummelplatz Amras-Innsbruck“ betreut. Amraser und Innsbrucker Bürger fassten sich ein Herz und begannen mit Unterstützung der öffentlichen Hand den Tummelplatz samt den fünf Kapellen mit großem Zeitaufwand und noch mehr Hingabe zu pflegen. Ich übertreibe nicht wenn ich den Ort als „Schmuckstück“ bezeichne. Ein Waldfriedhof mit Blick auf Innsbruck, mit Blumen gepflegten Gräbern und schmucken Grabkreuzen.

Der “Tummelplatz Erhaltungsverein”

“Mit der zeitlichen Entfernung vom letzten Krieg nahm auch die Intensität der Grabpflege ab”, begründet Obmann Hans Zimmermann die Aktivitäten seines Vereines.  Die Natur bemächtigte sich der Gedenkstätte immer mehr. Für das Prädikat “sehenswert” sorgen heute jene knapp 300 Mitglieder, die sich an der Erhaltung der Stätte beteiligen. “Ob Rasen mähen, Laub zusammenkehren oder Blumen gießen, neben „gestandenen Mitgliedern“ sind bei uns auch junge Menschen sehr aktiv“ freut sich Zimmermann. Immerhin sind 500 Blumenstöcke und die Grünanlagen auch in den trockenen Zeiten eines Sommers zu pflegen, wozu im Durchschnitt 20 Leute benötigt werden.

Der Vereinsvorstand des Erhaltungsvereines hat es geschafft, aus dem Tummelplatz einen viel besuchten Gedenkplatz zu machen. Von l.n.r.: Obmann Hans Zimmermann, Stadtarchivar DDr. Lukas Morscher, Julia Zimmermann, Herbert Edenhauser, Julius Troniarsky und Christian Haager.

Das Gedenken wird zur Mahnung

Die Gedenkstätte „Tummelplatz“ ist in sechs ‚Grabfelder‘ eingeteilt. Da sind Gräber aus den Franzosenkriegen neben Gedenkgräbern für die Gefallenen der Isonzoschlacht. Oder jener Soldaten, die in den Dolomiten gefallen sind. Ich habe viele der Grabschilder gelesen, die Bilder der toten Soldaten betrachtet. ‚Vermisst in Stalingrad‘, gefallen in Kursk’, ‚gestorben in Jugoslawien’. Kaum 20 Jahre alt fanden viele auf brutalste Art und Weise den Tod. Verheizt in den Schlachten der Habsburger Monarchie oder des verbrecherischen Deutschen Reiches. Mitunter werden die jungen Männer auf den Inschriften an den Kreuzen als ‚Helden‘ bezeichnet. Für mich ist das ein Ausdruck des pervertierten Patriotismus. Besonders tragisch sind für mich jene Gedenkgräber, an denen mehrerer Brüder ein und derselben Familie gedacht wird. Hier wird ein Gedenkfriedhof endgültig zu einem Mahnmal gegen den Wahn des Krieges.

Der Tummelplatz wird zum Wallfahrtsziel

Dass sich am Tummelplatz eine Wunderheilung ereignet hatte, ist ein wichtiger Grund dafür, weshalb dieser Gedenkort in Tirol allseits bekannt ist. Es sei am 19. Mai 1811 gewesen, als am Grab des „Unbekannten Soldaten“ der „9jährige Pfaffenhofener Bauernknabe Josef Seiler den Gebrauch der verlorenen Sprache wieder erlangt“ habe. Was einen regelrechten Ansturm zum Tummelplatz ausgelöst hatte, wie berichtet wird. Tausende Wallfahrer besuchten den Gedenkort.

Die Erinnerungsinschrift: der Vater mit seinem Sohn, im Hintergrund die Lourdeskapelle.

Heute ist die Anlage ein Ort stillen Gedenkens aber auch der Erholung. Innsbruck-Kenner lieben den einmaligen Ausblick auf Innsbruck, einen der Schönsten, wie viele meinen.

Mein Tipp:

Den Tummelplatz erreicht man am Besten mit öffentlichen Verkehrsmitteln: mit dem Bus 4134 und der Linie 6 der Straßenbahn.

Stadtverkehr IVB

Regionallinien VVT