Man möchte es nicht für möglich halten. 11.000 Jahre vor heute zogen Jäger der Mittleren Steinzeit Sommer für Sommer ins Fotschertal, also in einen Seitenarm des Sellraintales. Geschätzte 1.000 Jahre lang suchten sie wohl Sommer für Sommer ihr Jagdlager in 1.869 Metern Seehöhe auf. Woher sie kamen, ist nicht wirklich rekonstruierbar.

Genau bekannt ist hingegen, was sie dort taten und woher die Silex-Steine ihrer Jagdwaffen stammten. Erkenntnisse, die auf die akribische Arbeit Innsbrucker Wissenschafter zurückgehen. Zwei interessante Fragen aber konnten die Experten nicht beantworten: Woher diese Menschen kamen und wo und wie sie massive Hindernisse wie etwa Flüsse auf dem Weg ins Sellrain überwunden haben.

Am Eingang des Fotschertales. Heute führen kleine Brücken über jeden Bach.

Schon einige hundert Jahre nach Ende der Eiszeit kamen die kühnen Jäger

Es bedurfte des Fundes von Ötzi, dem Eismann, dass in der Archäologie ein Umdenken eingesetzt hat. Denn bis dahin gingen die Meinungen der Wissenschafter auseinander. Die einen behaupteten, die Alpen seien ob ihrer Wildheit von den Menschen der Vorzeit kaum oder gar nicht begangen worden. Schon gar nicht kurz nach Ende der letzten Eiszeit. Andere vertraten die Ansicht, dass die Alpen ein Jahrtausende alter Kulturraum ist und natürlich auch von prähistorischen Menschen genützt wurde. Mit den Erkenntnissen der Ausgrabung am Ullafelsen ist es bewiesen: Schon vor 11.000 Jahren passierten die Menschen den Alpenhauptkamm und zogen im Sommer zur Jagd ins Hochgebirge.

Fotschertal, Sellrain

Das Fotschertal, ein Nebental des Sellrain

Tirol, schon vor 11.000 Jahren ein Transitland

Den überaus wertvollen Beitrag zur Erforschung der menschlichen Nutzung hochalpiner Zonen in prähistorischen Zeiten leistete ein Team unter dem Archäologen ao. Univ.-Prof. Dr. Dieter Schäfer und dem Geografen assoz.-Univ.-Prof. Dr. Clemens Geitner. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse ihrer Ausgrabungen im Fotschertal sind spektakulär. Beweisen sie doch zweierlei: dass es damals schon über den Alpenhauptkamm hinweg Handelsbeziehungen gegeben haben musste. Tirol war also damals schon ein Transitland. Und dass begehrte Handelswaren wie Silex – bisweilen auch Feuerstein genannt – über hunderte Kilometer hinweg transportiert und ausgetauscht worden waren. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Das alles spielte sich vor 11.000 Jahren ab.

Ullafelsen im Fotschertal

Der ‘Ullafelsen’ oder ‘Riegelschrofen’ ist die Felsnase in der Bildmitte.

Der ‘Ullafelsen’ im Fotschertal: ein idealer Sommersitz

Das Sellrain reicht vom Inntal, genauer gesagt von Kematen bis nach Kühtai, dem Skidorado auf über 2.000 Metern Seehöhe. Eines der Seitentäler des Sellrain ist das Fotschertal. Es führt vom Ort Sellrain aus nach Süden. Zu Fuß erreicht man nach etwa eineinhalb Stunden das legendäre Bergheim Fotsch. Wer in Richtung Potsdamer Hütte weiterwandert, passiert auf dem Fahrweg nach rund einer Stunde Fußmarsch jene Stelle, an der ab 1995 eine Ausgrabung Ergebnisse lieferte, die die prähistorische Nutzung des Hochgebirges in einem gänzlich neuen Licht erscheinen ließen. Von den Einheimischen wird die links des Weges gelegene und von Zirben umkränzte Felsnase Riegelschrofen genannt. In der Forschung hat sich der Name Ullafelsen eingebürgert, da der Lokalname lange unbekannt blieb.

Bergheim Fotsch

Das Bergheim Fotsch. Von hier aus ist es nicht mehr weit zum einstigen Jagdlager der Steinzeitjäger.

Man muss sich nun vor Augen halten, dass Menschen vor 11.000 Jahren jeweils im Sommer genau hierher gezogen sind, um einige Wochen zu jagen. Die Eiszeit war erst vor einigen hundert Jahren zu Ende gegangen. Und hoch oben im Fotschertal, wo sie ihr Sommerlager aufschlugen, waren die Eismassen vermutlich erst einige Jahrzehnte vorher abgeschmolzen.

Wie und wo haben die Jäger vor 11.000 Jahren reissende Flüsse überwunden?

Mich treibt eine Frage ganz besonders um: Woher kamen die Jäger des Fotschertales und wie haben sie die Alpenflüsse im Frühsommer überwunden? Sie mussten sich ja ihren Weg durch die nacheiszeitliche Wildnis bahnen. Zuerst durch die breiten, meist von stark verzweigten Flüssen durchzogenen Tälern. Zudem: Wege im heutigen Sinn existierten nicht. Hie und da Pfade durch den Wildwechsel.

Und dann mussten sie noch Wege in das enge Fotschertal finden, das damals mit Sicherheit eine totale Wildnis darstellte, gerade mal ein paar tausend Jahre zurück erobert von den Wäldern nach der Eiszeit. Der Initiator der Ausgrabung, Dr. Dieter Schäfer, vermutet, dass die damaligen Jäger und Sammler – ausgehend vom heutigen Birgitz – den Bergklamm zwischen Senders- und Fotschertal erklommen haben, um oberhalb der Waldgrenze bis zum heutigen Kreuzjöchl zu wandern. Von dort stiegen sie dann ins Fotschertal zum Ullafelsen alias Riegelschrofen ab. Denn es war einfacher, in den Hochlagen zu wandern, man hatte weite Sicht und die Zugänge zu benachbarten Tälern über die Jöcher. Die Täler jedoch waren von wilden Wässern durchflossen, dicht bewachsen und großteils versumpft und damit unwegsam.

Sellrain, Ullafelsen

Der Ullafelsen neben dem Wanderweg zur Potsdamer Hütte.

Der Ullafelsen, ein natürlicher Hochsitz

Wer die ebene Fläche auf dem Ullafelsen erreicht hat, weiß, weshalb die Menschen vor etwa 11.000 Jahren während des Sommers genau hier gesessen sind. Sie haben auf dem kleinen Plateau ihre Waffen gepflegt und es sich hier vermutlich ganz gut gehen lassen. Eine Eigenschaft dieses Platzes war mehr wert als alles andere: Von hier aus hatten die Jäger einen wunderbaren Überblick über das ganze Tal. Das heißt, sie konnten in aller Seelenruhe die Wildwechsel beobachten und ihre Jagdstrategie danach ausrichten. Lebenswichtiges Wasser war ganz in der Nähe zur Genüge vorhanden.

Ullafelsen, Sellrain

Ausgrabung am Ullafelsen im Sellrain. Bild: Dieter Schäfer

fotschertal sellrain

Der heutige Blick vom Ullafelsen auf das äußere Fotschertal.

 

Die Beweise

Was sind nun die Belege für die Sommerlager mesolithischer, also mittelsteinzeitlicher, Jäger im Fotschertal? Was man nicht findet, sind Knochen und Holzreste. Der Boden hier ist sauer und nicht dauerhaft durchfeuchtet, weder Knochen noch Holz wurden über die Jahrtausende hin konserviert. Die Anwesenheit der Menschen wird allerdings durch Silex-Fundstücke und Holzkohle aus Feuerstellen belegt. Wie können Archäologen aber behaupten, die Menschen seien hier vor mehr als 11.000 Jahren ums Lagerfeuer gesessen? Weil die Holzkohle mit der C14-Radicarbonmethode zweifelsfrei datiert werden kann.

Silex Ullafelsen

Tausende solche Silex-Abschläge und Silex-Splitter wurden am Ullafelsen ausgegraben. Bild: Dieter Schäfer

Silex – landläufig auch ‚Feuerstein’ genannt – ist geologisch bedingt im Sellrain nicht zu finden. Also muss er hergetragen worden sein. Die unterschiedliche Zusammensetzung von Silex-Steinen ermöglicht es spezialisierten Geologen, deren Herkunft mit großer Sicherheit zu bestimmen. Die Ausgrabungen am Ullafelsen brachten auf diesem Sektor die wohl größten Erkenntnisse. Hier wurde Silex verwendet, der einerseits aus der Nähe von Bozen stammte und andererseits aus dem bayerischen Alpenvorland. Mit anderen Worten: Ein Teil der Steine ‘überquerte’ den Alpenhauptkamm bereits vor 11.000 Jahren. Ein anderer Teil stammte aus einer etwa 250 Kilometer entfernten Fundstelle in Bayern. Daraus schließen die Forscher, dass es schon relativ kurz nach der letzten Eiszeit eine Art Handelswege gegeben haben muss.

Zudem haben tausende der von den Archäologen ausgegrabenen Splitter und größeren Werkzeugteile einen gemeinsamen Nenner: Sie können der mittleren Steinzeit zugeordnet werden und waren die Hauptbestandteile ihrer Pfeile.

Birkenpech. Der steinzeitliche Klebstoff

Ein weiterer Fund belegt, dass die Jäger diese Pfeile an Ort und Stelle anfertigten. Es waren jedoch keine Pfeile, wie wir sie uns heute vorstellen: Schaft und Federn und eine einzige Pfeilspitze. Die Pfeile wurden dadurch scharf gemacht, dass zuerst viele kleine, scharfe trapezförmige Silex-Steine geschlagen wurden. Diese wurden dann mit Birkenpech, dem Uhu der Vorzeit, von der Pfeilspitze abwärts seitlich in Rillen angeklebt. Auch das Birkenpech wurde am Ullafelsen erzeugt. Und zwar durch das unter Luftabschluss erfolgte Verschwelen von Birkenrinde. Die entstehende pechartig-schwarze Masse härtet in erkaltetem Zustand aus. Dieser Beleg ist einzigartig aus dieser Zeit, und einige Birkenbestände finden sich noch heute in der Umgebung des Ullafelsens. Vermutlich waren die Federn damals schon ein wichtiger Bestandteil der Pfeile.

Mesolithische Pfeilspitzen

Solche Pfeile fertigten die Steinzeitjäger am Ullafelsen. Es sind typisch mesolithische Pfeile. Bild: Archäologisches Museum

Die Wirkung der mesolithischen Pfeile war indes tödlich. Im Gegensatz zu den heutigen Pfeilen rissen sie die Blutgefäße der Tiere auf, die dann meist verbluteten.

Jetzt: Suche nach bronzezeitlichen Almen

10.000 Jahre vor heute, also rund 1.000 Jahre später, war dann Schluss mit lustig im Fotschertal beziehungsweise am Ullafelsen. Vermutlich war der Baumbestand in die Höhe um den Ullafelsen vorgerückt und die freie Sicht auf die Umgebung nicht mehr gewährleistet. Bäume wie vor allem die Zirbe nahmen ihnen die gute Sicht auf Hirsch, Steinbock und Gams. Vermutlich zogen es die mittelsteinzeitlichen Jäger vor, ihr Sommerlager in größeren Höhen aufzuschlagen, zum Beispiel auf die Verflachung der heutigen Potsdamer Hütte auf circa 2.000 Metern Höhe. Feuerstellen nahe der potentiellen Waldgrenze belegen, dass zumindest ab der Bronzezeit die Hochlagen des Fotschertals entwaldet und zu Weidezwecken genutzt worden sind. Ob es womöglich sogar eine Art Siedlungskontinuität seit der Mittelsteinzeit gegeben hat, konnte noch nicht nachgewiesen werden. Dazu werden aktuell die größeren Moore in dem Gebiet als Archive durch Bohrungen erschlossen.

Dr. Dieter Schäfer

Der Initiator der Ausgrabung am Ullafelsen: Dr. Dieter Schäfer. Bild: Clemens Geitner

Bohrer aus Zillertaler Bergkristall

Archäologische Forschungen wie die im Fotschertal eröffnen neue Perspektiven. Das vielleicht interessanteste Ergebnis ist die Frage nach der Herkunft der hier gefundenen Silex-Steine, die im Volksmund auch Feuersteine genannt werden. Sie stammen einerseits aus der Gegend von Bozen und andererseits aus dem bayerischen Alpenvorland. Ein Bohrer aus Bergkristall stammt sogar aus dem Zillertal. Also funktionierte schon damals ein quasi internationaler Handel oder die Jäger kamen von dort.

Feuerstelle Ullafelsen

Eine der Feuerstellen am Ullafelsen. Mit deren Holzkohle konnte das Alter des Jägerlagers bestimmt werden.

Mit dieser Fundstelle verfügt das Fotschertal und damit auch das Bergsteigerdorf Sellrain über ein Alleinstellungsmerkmal, das einzigartig ist. Es gilt jetzt, diese Erkenntnisse interessierten Menschen zu vermitteln.

Respekt vor unseren Bergen

Für mich haben die Forschungsergebnisse der Innsbrucker Wissenschafter einen wichtigen Nebeneffekt. Die Erkenntnis, dass Menschen der Vorzeit unsere Berge vor tausenden von Jahren aufgesucht haben, um hier zu jagen, nötigt nicht nur mir größten Respekt ab. Ich bin mir sicher: Für die prähistorischen Menschen waren die Berge heilig, sie begegneten ihnen voller Ehrfurcht. Etwas, was unsere moderne Gesellschaft in einigen wenigen Jahrzehnten vielleicht verloren haben wird. Wir betrachten die Berge als eine Art Hindernis oder gar nur als Sportgerät, das man sich so zurechtbiegen kann, wie man sie benötigt.

Das kann auf Dauer nicht gut gehen.

Meine Tipps:

Das Buch von Dieter Schäfer ist eine wissenschaftliche Fundgrube.

Veröffentlichung: Im Rahmen einer hervorragenden wissenschaftlichen Aufbereitung der Ergebnisse der Ausgrabungen im Fotschertal sowie der stark interdisziplinär ausgerichteten ergänzenden Studien ist vorerst der 1. Band ‚Das Mesolithikum-Projekt Ullafelsen‘, Hrsg. Dr. Dieter Schäfer erschienen. Zu bestellen beim Herausgeber.

Anreise: Mit dem Auto kann zum Gasthof Bergheim gefahren werden, dort steht ein Parkplatz zur Verfügung. Mit den Öffis erfolgt die Anreise mit dem VVT-Bus bis Sellrain, Haltestelle Gasthof Neuwirt. Von dort zuerst zu Fuß zum Bergheim Fotsch und anschließend in Richtung Potsdamer Hütte zum Ullafelsen.

Website: Website zur Hochgebirgsarchäologie von Prof. Dr. Dieter Schäfer

 Alle Fotos, wenn nichts anderes angegeben: © Werner Kräutler