Die Universität und die Tiroler Landesmuseen (TLM) sind zwei prägende Institutionen in Innsbruck. Was wäre diese Stadt ohne die verschiedenen universitären Einrichtungen, ohne Studenten? Was ohne die TLM, die sieben Sammlungen betreuen und, neben den Dauerausstellungen in fünf Häusern, zahlreiche Sonderausstellungen konzipieren?

Meine Alma Mater

Wenn also meine Alma Mater und die TLM gemeinsam eine große Ausstellung auf die Beine stellen, in der es um das Verhältnis zwischen Kunst und Wissenschaft geht, um das Wissen der Kunst, die Kunst der Wissenschaft, dann muss ich mir die natürlich anschauen. Zumal die Uni damit auch ihr 350-jähriges Bestehen feiert und teilweise Sammlungen zugänglich macht, die sonst im stillen Kämmerlein schlummern.

Lois Weinberger durchforstete den Dachboden des elterlichen Bauernhauses und versammelte die Fundstücke zu „Debris Field – Erkundungen im Abgelebten“.

Das Thema

Schönheit vor Weisheit – ist ein Spruch des Künstlers FLATZ, den sich das Kuratorenteam für die Ausstellung angeeignet hat. Das entsprechende Bild hängt in der Ausstellung – etwas versteckt allerdings, man geht leicht daran vorbei, ohne es zu bemerken (Raum 7)!
15 Räume des Ferdinandeums sind der Ausstellung gewidmet, die Arbeiten von mehr als 30 Künstlern zu sehen. Allen gemeinsam: Sie stellen Bezüge zwischen Kunst und Wissenschaft her, zu wissenschaftlichen Methoden und Sammlungspraktiken, zu Abläufen und Forschungsergebnissen. Ich habe ein paar Beispiele aus der umfangreichen Schau ausgewählt, die hoffentlich Gusto auf mehr machen. Die Ausstellung ist nämlich absolut sehenswert!

Gespräche zwischen Künstlern und Wissenschaftern: (links im Bild) Francesca Ferlaino, Dmitry Gelfand und Evelina Domnitch

Im Gespräch

Einen guten Einstieg vermitteln die sechs Videoinstallationen gleich zu Beginn von „„Schönheit vor Weisheit. Das Wissen der Kunst. Die Kunst der Wissenschaft“. Der Dialog zwischen den Disziplinen ist hier wörtlich genommen: Zu hören und sehen sind Künstler und Wissenschafter im Gespräch. So unterhält sich die Physikerin Francesca Ferlaino mit dem Künstlerduo Evelina Domnitch und Dmitry Delfand über die Welt der Quanten, über Wahrscheinlichkeit in der Wissenschaft und in der Kunst. Die beiden Künstler machen in ihrer Installation „Quantum Lattice“ die Bewegung von eigentlich unsichtbaren Teilchen sichtbar. Ein beinahe mystisches Erlebnis für den Betrachter. Wissenschaft ganz unmittelbar, aber schwer in Worte zu fassen.

Starker Kontrast: Stillleben aus dem 17. Jahrhundert und Thomas Feuersteins naturwissenschaftliche Installation „FUTUR II”

Coole Prozesse

Ein imponierendes Ungetüm aus Schläuchen, Stahl, Glas und Kunststoff wiederum die Installationen „Praesens“ und „Futur II“ von Thomas Feuerstein. Grünalgen wachsen in Bioreaktoren heran und werden in einer riesigen Trommel karbonisiert. Die so entstandene Kohle lässt Feuerstein zu Stiften pressen und verwendet diese für seine Zeichnungen. Die naturwissenschaftliche Anordnung steht in starkem Kontrast zu den Stillleben aus dem 17. Jahrhundert, die an den Wänden hängen. Allerdings: Sie sind bei weitem nicht so eindeutig, wie man auf den ersten Blick vermuten würde. Genaueres Betrachten lohnt sich!

Das Thema Krieg in Variation – oder: winzige Rasierklinge (in der Vitrine) versus bombastische Schlachtengemälde

Von Raum zu Raum

Wie scharf eine kleine rostige Rasierklinge die Themen Schmerz, Verletzung, Verletzlichkeit treffen kann, zeigt Heidrun Sandbichlers Arbeit „Krieg“ – im Gegensatz dazu riesige Schlachtengemälde, die ebenfalls den Krieg zum Thema haben, aber ganz anders vermitteln, einem Distanz ermöglichen. Die Ausstellung werfe Fragen auf, gebe weniger Antworten – betonte das Kuratorenteam bei der Ausstellungseröffnung. Tatsächlich regen die Objekte dazu an, immer wieder das Gesehene, seine Wirkung zu hinterfragen: Seien es die Manuskriptbücher des Komponisten Peter Zwetkoff zu einem unvollendeten Werk über den Geigenbauer Jakob Stainer.

Fast symbiotisch: die Installation des Architekten Rames Najjar im Rundsaal des Landesmuseums Ferdinandeum

Oder die ins Pantheon, den Rundsaal des Ferdinandeums, wachsende Skulptur des Architekten Rames Najjar. Sei es Renée Stiegers Videoarbeit „… eine Frau“, in der die Künstlerin, als heilige Jungfrau gekleidet, Alltagshandlungen ausführt und damit die an der Wand hängenden historischen Marienbilder konterkariert.

Die Künstlerin Renée Stieger als „… eine Frau“ vor Mariendarstellungen aus vergangenen Jahrhunderten.

Schönheit vor Weisheit

Jeder der 15 Räume bietet besondere Perspektiven auf „Schönheit“ und „Weisheit“, auf das Wissen der Kunst und die Kunst der Wissenschaft. Der letzte schließlich zeigt eine Überfülle an wissenschaftlichen Instrumentarien und Objekten.

Im letzten Raum noch einmal geballte Wissenschaft: Einzelne Sammlungsgegenstände verwoben zu einer Installation.

Was auf den ersten Blick wie eine weitere Installation wirkt, löst sich bei näherer Betrachtung in Sammlungsteile, Einzelstücke, wissenschaftliche Dokumentationen und Kunstobjekte auf. Hier ist der „forschende Blick“ noch einmal stark gefordert: Wo hört die Wissenschaft auf, wo beginnt die Kunst – und umgekehrt?

Was ist Kunst, was ist Wissenschaft? – Im Bildvordergrund eine Pflanze als Kunstwerk: die „Quadratur der Natur“ von Hermann Graber

Wo berühren, überschneiden, befruchten sich die beiden? – Diese Frage begleitet den Besucher durch die Räume. Sie macht „Schönheit vor Weisheit“ zu einer überaus anregenden Schau. Besonders spannend wird es, wenn die Grenzen verschwimmen. Die Vielzahl der Objekte motiviert, sich die Ausstellung öfter anzuschauen. Zeit dafür ist genug: „Schönheit vor Weisheit“ läuft ein ganzes Semester, inklusive Semesterferien!

Schönheit vor Weisheit. Das Wissen der Kunst. Die Kunst der Wissenschaft
Bis 1. März 2020
Kuratiert von: Christoph Bertsch, Rosanna Dematté, Claudia Mark, Helena Pereña
Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum
Museumstraße 15
6020 Innsbruck
Öffnungszeiten: Di–So, 9:00–17:00 Uhr
Tel. +43 512 59489-180
Kontakt für Gruppenführungen: DW -111 oder anmeldung@tiroler-landesmuseen.at bzw. besucherservice@tiroler-landesmuseen.at
www.tiroler-landesmuseen.at

Zur Ausstellung gibt es ein Rahmenprogramm mit über 30 Veranstaltungen, weitere Infos hier. Das Buch zur Ausstellung erscheint im November 2019.

Informationen zu sämtlichen Veranstaltungen in und um Innsbruck unter www.innsbruck.info

Fotos, wenn nicht anders angegeben: © Susanne Gurschler