Wegwerfen oder Reparieren? Ich hätte mich schon immer für Reparieren entschieden, wenn dies denn möglich gewesen wäre. War es aber nicht. Als die Schneider ausgestorben waren und die kleinen Elektro-Reparaturwerkstätten dicht gemacht hatten, musste man schadhafte Textilien oder Elektrogeräte ganz einfach wegschmeißen. Aus dem Auge aus dem Sinn quasi. Aber die Zeiten scheinen sich jetzt zu ändern.

Ich kann und konnte es übrigens noch nie verstehen, weshalb Menschen das billigste Textil-Plunder kaufen und sich dann wundern, dass die Nähte zwei Wochen später w.o. geben. Ganz abgesehen davon, dass Billig-Textilien meist unter Bedingungen hergestellt werden, die nur mit “Sklavenarbeit” umschrieben werden können.

Auch wer eine billige chinesische Bohrmaschine anschafft, sollte wissen, dass die meist auf den Tag genau nach einem Jahr das Handtuch wirft. Dann läuft nämlich die Garantie ab. Da wurde jahrzehntelang Geld zum Fenster hinausgeschmissen und eine gewaltige Menge an Ressourcen verschleudert.

Was Textilien angeht, war ich allerdings schon kurz vor dem Verzweifeln. Zuhause stapelten sich Hosen mit gerissenen Nähten, von mehreren Knöpfen befreite Hemden und ein Mantel, dessen Seitentasche einen Riss hatte. Um’s Haar hätte ich schon alles zur Altkleidersammlung gegeben. Aber mein guter Freund und Pilgerkollege Alpi Altenweisl hat mir dann quasi den Weg gewiesen und den Tipp gegeben, ich sollte doch einmal im EKZ west in der Höttinger Au vorbeischauen. Dort habe ein syrischer Schneider eben eine Manufaktur eröffnet. Ich packte meine lädierten Kleidungsstücke in einen Rucksack und machte mich auf zur „Maaz-Schneiderei“.

Das Atelier von Anas Maaz im EKZ West in der Höttinger Au

Das Atelier von Anas Maaz im EKZ West in der Höttinger Au

Nomen est omen, könnte man sagen. Schon als Anas Maaz vor 4 Jahren nach Österreich gekommen ist, wollte er wirtschaftlich so rasch wie möglich auf eigenen Beinen stehen. Anas flüchtete vor dem schrecklichen Bürgerkrieg aus Aleppo erst, nachdem er alles verloren hatte. Dort erlernte er in Friedenszeiten das Schneiderhandwerk zuerst in einer großen Textilfirma und praktizierte es dann im uralten Bazar – einem einstigen Weltkulturerbe.

Im August dieses Jahres wagte der 36-Jährige dann einen Schritt, der vielen von uns zugute kommen wird: Er eröffnete im Einkaufszentrum West in Innsbruck seinen eigenen Schneider-Salon, die „Maaz-Schneiderei“. Die Manufaktur ist kaum zu verfehlen, wenn man mit der Rolltreppe in den 1. Stock fährt.

Nähmaschinen und bunte Fäden

„Immer wenn es kälter wird, häufen sich die Aufträge“, meint er entschuldigend in gutem Deutsch, als ich ihm meine malträtierten Hosen und Hemden hinhalte. Da müsse ich mich nun halt gedulden. Er arbeitet – noch – allein. Sein Atelier: klein aber fein. Jede Menge Nähmaschinen, Fäden in allen Farben und eine große Stange, an der die reparierten oder abgeänderten Kleidungsstücke zum Abholen bereit hängen.

Quasi ein Symbol für die Maaz-Schneiderei, für Ändern und Reparieren: Fäden in allen Farben

Dass der Salon in relativ kurzer Zeit bekannt geworden ist, hat auch mit Christian “Alpi” Altenweisl zu tun. Auch er hatte eine Reparaturschneiderei gesucht. Und hat dann als einer der ersten Kunden des Maaz-Salons gleich eine Facebook-Seite für Anas eingerichtet. Für Alpi ist es selbstverständlich, dafür keinen Groschen zu verlangen. Das sei schlicht und einfach “gelebte Solidarität”. Toll!

Reparieren, Ändern, neu Anfertigen

Die meisten Aufträge, so sagt Anas, seien Änderungen. Die Textilgeschäfte im EKZ west sind bereits froh, dass sie ihren Kunden kleine Änderungen anbieten können, die quasi um die Ecke gemacht werden. Dabei sind Reparaturen und Änderungen nur ein Teil seines Angebotes. Er hat bereits die ersten Aufträge für Neuanfertigungen erhalten. „Wie etwa einen exklusiven Schleier für ein Hochzeitskleid“, wie er stolz bemerkt. Eine Dame holt eben ihr Abendkleid ab, an das Anas Ärmel angefügt hatte. Sichtlich zufrieden begutachtet sie seine Arbeit.

Da wollte ich doch die Probe auf’s Exempel machen. Erst kürzlich hatte ich einen wunderbaren, handgewebten Leinenstoff von Martin Stern in Neustift gekauft. Daraus sollte ein Hemd entstehen. Aber bislang hatte ich noch keinen leistbaren Hemdenschneider gefunden. „Ich kann das machen“, sagt Anas und streicht über den Stoff. „Tolle Qualität!“, meint er und machte sich an die Arbeit.

Schon zwei Wochen später bittet er mich zur Anprobe. Perfekt, meine ich. Und auch der Preis stimmt. Apropos Preise: Anas hat zwar eine Preisliste mit Richtpreisen, betont aber, dass ein fairer Preis erst nach einer Kontrolle am Kleidungsstück gemacht werden könne.

Aber eines ist sicher: Reparieren lohnt sich in den allermeisten Fällen. Und die Tatsache, dass Anas bereits über zahlreiche Stammkunden verfügt, belegt eindrucksvoll, dass er auf dem richtigen Weg ist. Auch der Trend ist auf seiner Seite. Denn Reparieren wird nach Jahren des Prassens und Wegwerfens plötzlich wider hip.

Informationen zur “Maaz-Schneiderei”

Öffnungszeiten: Von Montag bis Freitag von 9 bis 19 Uhr, am Samstag von 9 bis 18 Uhr geöffnet.

Telefon: 0676/48 09 770

E-Mail: anasmaaz04@gmail.com

Facebook: https://www.facebook.com/maazschneiderei/

Ein weiterer, wichtiger Link

Das Reparatur-Café Tirol hat in Innsbruck bereits Tradition. Diese lobenswerte Einrichtung bietet nicht nur in Innsbruck die Möglichkeit, Elektrogeräte, Fahrräder, Textilien und Kleidung, Unterhaltungselektronik, Möbel, Spielzeug, Computer & Co., Haushaltswaren etc. reparieren zu lassen. Informationen auf der Website: http://www.repaircafe-tirol.at/