Als ich 2001 begann, nach meiner Pilgerreise auf dem Jakobsweg nach Santiago für das Projekt ‚Jakobsweg in Tirol‘ Partner in Tirol zu suchen wurde ich – um es höflich auszudrücken – von den sogenannten ‚Touristikern’ belächelt. 20 Jahre später ist Pilgern, Wallfahren oder Weitwandern auch in Tirol zu einem Hit geworden. ‘Fußreisen’, wie es im Mittelalter hieß, sind zu einer Urlaubsbeschäftigung mit jährlich bedeutenden Zuwachsraten geworden. Bemerkenswert: Aus dem altbackenen ‚Wandern‘ ist flugs das ‚Hiken‘ geworden, aus dem religiös verstaubten ‚Wallfahren’ wurde fröhliches Pilgerwandern durch großartige  Landschaften.

Blick der Pilger von Heiligwasser auf Innsbruck

Diesen Blick genießen Pilgersleute von Heiligwasser auf das Mittelgebirge und die Nordkette. © W. Kräutler

Was bringt eigentlich rationale, kritische und von Technik geprägte Menschen dazu, tage- und wochenlang mit einem Rucksack auf dem Buckel auf ein meist weit entferntes Ziel zuzugehen? Ihr Schlaflager in Herbergen mit anderen Schnarchern zu teilen, Wind und Wetter zu trotzen? Sie tauschen die Sicherheit modernen Lebens mit der Unsicherheit, am Abend überhaupt eine Herberge zum Übernachten zu finden. Es ist dieses ,andere, nicht durchorganisierte Leben‘, das wir modernen Menschen auf einer Pilgerreise kennen lernen wollen. Und wenn dann alle sozialen Unterschiede verschwimmen, Rasse oder Religion einerlei wird, reduzieren wir Menschen uns auf das was wir sind: soziale, fühlende und glückliche Wesen, die ihr gesamtes Hab und Gut fröhlich auf dem Rücken tragen. Die sich abends dann zu guter Letzt gegenseitig die Blasen an den Füßen verpflegen.

Triumpfpforte Innsbruck

Pilgersleute lieben sie: die Triumpfpforte samt Servitenkirche und Nordkette. ©W. Kräutler

„Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen

Die Erkenntnis, dass wir in einem Meer des Überflusses unterzugehen drohen, nehmen viele Pilgersleute mit in ihr ‚normales Leben‘. Ein ‚Nebenprodukt‘ der ‚Reise zu sich selbst‘, wie ich Pilgern bezeichnen will, ist die Feststellung, in einem unfassbaren Überfluss zu leben. Aber auch das Reisen an sich erhält eine neue Bedeutung. „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen“ konstatierte schon Johann Wolfgang von Goethe. Nahezu alle Pilgersleute werden ihm zustimmen.

St. Jakob, Innsbruck

Der Dom zu St. Jakob war einst ein Zentrum der Jakobspilger. Deren Erkennungsmerkmal ist eine Muschel. ©W. Kräutler

Wer einmal die Langsamkeit für sich entdeckt hat, wird auch eine völlig neue Sicht auf die kleinen Dinge entwickeln. Es wird regelrecht zu einer Sucht, die Welt in ihren Details zu erfassen. Blumen, Sträucher, Insekten oder Farben werden auf einer ‚Fußreise‘ zu einer völlig neuen Lebens- und Erfahrungspalette gemischt. Wer sich die Zeit nimmt, Pilgerseiten in den Sozialen Medien zu besuchen, sieht überdeutlich, welche neuen Sichtweisen Menschen auf einer Pilgerreise entwickeln.

Einmal Pilger, immer Pilger?

Wer einmal eine längere Pilgerreise gemacht hat, wird das Gefühl innerer Ruhe und Gelassenheit, vor allem aber die Leichtigkeit des Seins im Arbeitsalltag stets vermissen. Das ist der Grund, weshalb sehr viele Pilgersleute die Sehnsucht nach dem langsamen, einfachen Leben durch Tagesausflüge in der engeren Heimat kompensieren. Und genau da klinkt sich das Buch von Susanne und Walter Elsner ein. Pilgern in Tirol ist nicht nur eine Einladung, die schönsten Gebiete unseres Landes wallfahrend-wandernd zu besuchen. Das Buch ist auch eine feine Anleitung zum ‚Training‘ für nachfolgende, ausgedehnte Pilgerreisen.

St. Magdalena im Gschnitztal

St. Magdalena im Gschnitztal liegt auf einem Felssporn hoch über dem Talboden. ©W. Kräutler

Für mich kommt dieser Pilgerführer gerade zu rechten Zeit. Nach einer Pandemie mit ihren Unsicherheiten und Reisebeschränkungen sind die im Führer vorgestellten Wallfahrtsziele und Besinnungswege wie geschaffen dafür, endlich auch einmal das eigene Land zu erforschen. Wenn man zudem noch bedenkt, dass Tirol reich an einzigartigen Wallfahrtszielen ist, wird der Pilgerführer zu einem regelrechten ‚Sommerprogramm naturliebender Pilgersleute‘.

Oben von der schönen Stelle winken Schenke und Kapelle

Die Gliederung des Buches in fünf Tiroler Regionen erleichtert die Auswahl der Ziele im ‚engeren‘ Bereich. Die Beschreibung der 50 Routen beinhaltet neben den direkten Informationen über Länge der Wanderung, Höhenmeter etc. auch Infos zu Öffis und – ganz wichtig – Einkehrmöglichkeiten.

Die Beschreibung einer ausgedehnten Pilgerreise quer durch Innsbruck dokumentiert die einst führende Stellung unserer Stadt als Pilgerzentrum auf dem Weg nach Santiago. Allein der Patron des Domes macht es deutlich: St. Jakob. Die Stadt ist heute noch Ausgangspunkt zahlreicher, höchst erbaulicher Ausflüge in die Umgebung. Wie etwa zum Höttinger Bild oder die Wallfahrt zum Heiligen Wasser nach Heiligwasser. Beides Ziele, wo geistige und geistliche Einkehr eine ideale Partnerschaft eingehen. Schon Wilhelm Busch eilte zum Ziel, denn ‚oben von der schönen Stelle winken Schenke und Kapelle’.

Heiligwasser, Igls

Hatte Wilhelm Busch etwa Heiligwasser ob Igls gemeint, als er den Satz formulierte: Oben von der schönen Stelle winken Schenke und Kapelle? Man möchte es gerne glauben. ©Innsbruck Tourismus/W 9 Studios

Im Buch ist die Innsbruck-Route sehr gut beschrieben: Zuerst zum Höttinger Bild, dann durch die Stadt nach Wilten. Neben der reinen Routenbeschreibung samt Karte erhalten die Leser auch kulturhistorisch interessante Informationen zu den beschriebenen Gebäuden, Kirchen und Kapellen.

Planötzenhof

Der Planötzenhof liegt zufällig am Weg der Wallfahrer zum Höttinger Bild: ©W.Kräutler

Höttinger Bild

Heute noch wallfahrend Studenten vor schweren Prüfungen zum ‘Höttinger Bild’. ©W. Kräutler

Dass es in Innsbrucks weiterer Umgebung viele äußerst attraktive christliche Pilgerziele gibt, belegen von Maria Locherboden und Stams im Oberland, St. Antonius in Rietz und St. Magdalena im Gschnitztal eindrucksvoll.

St. Antonius, Rietz

Die Wallfahrtskirche St. Antonius, Rietz. ©W. Kräutler

Maria Locherboden, Mötz

Maria Locherboden. Die Wallfahrtskirche steht auf einem alten Kultberg bei Mötz © Innsbruck Tourismus/Laichner

Das im Tyrolia-Verlag erschienene Werk ‚Pilgern in Tirol‘ ist ein handlicher Führer, der nicht nur sinnsuchenden Menschen den rechten Weg weist. Er gibt auch einen Überblick über die schönsten Plätze unseres Landes.

© Tyrolia

 

Susanne Elsner; Walter Elsner, Pilgern in Tirol; 50 Wallfahrtsziele und Besinnungswege in Nord- und Osttirol

978-3-7022-3891-9. 2021 Tyrolia, 288 Seiten
319 farb. Abb., 50 farb. Kartenausschnitte, 1 Übersichtskarte, 210 mm x 145 mm
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