Es gibt Geschichten, von denen man glaubt, sie könnten nur aus einem Film stammen. Und doch sind sie wahr. Die Geschichte von Otto Neururer (1882–1940), einem unscheinbaren Pfarrer mit runder Brille, ist so eine. Auch 80 Jahre nach seinem Tod ist es wichtig, sich an stille Helden wie ihn zu erinnern. Darum nehme ich euch heute mit auf einen Exkurs in die Geschichte und den Glauben.

DER WEG ZUM PRIESTER

Otto Neururer wurde 1882 in Piller bei Fließ im Tiroler Oberland geboren. Der gute Schüler besuchte in Brixen das Gymnasium und das Priesterseminar. 1907 wurde er zum Priester geweiht. Danach wirkte er als Kooperator in verschiedenen Tiroler Gemeinden. Während des Ersten Weltkriegs (1914–1918) war er in Hall in Tirol tätig, später in der Stadtpfarrkirche St. Jakob in Innsbruck.

Seitenaltar Dom St. Jakob Innsbruck

Gedenktafel und Reliquiar an einem Seitenaltar (rechts) im Dom St. Jakob in Innsbruck. ©Verena Abenthung

PFARRER IN GÖTZENS

Die Pfarre Götzens am westlichen Mittelgebirge übernahm Otto Neururer im Jahr 1932. Seine Seelsorge war geprägt von tiefer Frömmigkeit, Bescheidenheit und religiösem Ernst. Die Kinder lagen dem Priester besonders am Herzen, und der Religionsunterricht war ihm beispielsweise sehr wichtig.
Mit dem Nationalsozialismus brach ab 1938 eine schwere Zeit herein. Die neuen Verfügungen trafen auch die Kirche hart: Unter anderem wurden kirchliche Kindergärten und Schulen verboten, kirchliches Vermögen aufgelöst, Klöster geplündert und viele Priester und Ordensleute aus dem Schuldienst entlassen.

Otto Neururers Widerstand

Der Götzner Pfarrer aber wehrte sich! So zum Beispiel gegen die Beschlagnahme des Kindergartens der Franziskaner-Tertiarinnen und deren Vertreibung aus dem Dorf. Auch führte er seinen Religionsunterricht nach seiner Überzeugung fort, wodurch er sich mit dem NS-Schulinspektor anlegte.
Schließlich half Otto Neururer einem jungen Mädchen aus Götzens, das einen geschiedenen und aus der Kirche ausgetretenen Nationalsozialisten heiraten sollte. Der über 50-jährige Bräutigam drängte auf eine rasche standesamtliche Hochzeit. Neururer setzte sich stets für die Sakramente ein, also auch für die christliche Ehe. Er riet dem Mädchen, diese Heirat nicht einzugehen, und unterstützte sie beim Verfassen eines Absagebriefes an den SA-Mann Georg Weirather.

VERHAFTUNG UND KONZENTRATIONSLAGER

Gestapomänner verhafteten Otto Neururer nach einer Anzeige Weirathers im Dezember 1938, weil er „eine deutsche Ehe besonders hinterhältig verhindert habe.“ Die Abschiedsworte des Pfarrers zeigten seinen unerschütterlichen Glauben und lauteten: „Der Herrgott hat’s geschickt, er wird’s auch tragen helfen!“
Zunächst kam Neururer in die berüchtigte „Sonne“, das Polizeigefängnis in der Salurner Straße in Innsbruck. Seit jeher war der Priester von eher schwacher körperlicher Konstitution, die Misshandlungen der Gestapo trafen ihn umso härter.

Denkmal Otto Neururer

Das eindrucksvolle Denkmal (2015) nach einem Entwurf von Bildhauer Manuel Schmid vor der Götzner Wallfahrtskirche zeigt die Schrecken der Konzentrationslager. ©Verena Abenthung

KZ DACHAU

Im März 1939 wurde Otto Neururer ohne Hoffnung auf ein Gerichtsverfahren ins KZ Dachau gebracht. Als Nummer 32.615 der Strafkompanie auf Block 15/2 musste er schwere Erdarbeiten verrichten.

KZ BUCHENWALD

Zusammen mit weiteren Priestern verlegte man Neururer im September 1939 ins KZ Buchenwald bei Weimar. Gesuche der Pfarrgemeinde Götzens und der Apostolischen Administratur Innsbruck um eine Haftentlassung blieben unerhört.
Obwohl Otto Neururer von der schweren Arbeit sehr gezeichnet war, übte er trotzdem seinen Beruf – oder vielmehr seine Berufung – als Seelsorger aus. Das war strengstens verboten, denn auf „religiöse Beeinflussung“ stand die Todesstrafe. Trotzdem gab er unter anderem einem Mithäftling Religionsunterricht, weil dieser sich taufen lassen wollte. Otto Neururer nahm ihm sogar die Beichte ab und führte gemeinsam mit dem Pfarrer Matthias Spanlang die Taufe durch.

Martyrium

Die Priester Neururer und Spanlang wurden verraten. Bis heute ist jedoch nicht geklärt, von wem. Schnell stellte man beide unter verschärfte Haft im Bunker, doch Otto Neururer kam gleich in die Todeszelle.
Pfarrer Otto Neururer wurde grausam umgebracht: Er wurde an Eisenketten kopfüber und nackt aufgehängt. Während seines stundenlangen Todeskampfs marterten ihn die SS-Schergen. Er starb schließlich am 30. Mai 1940 nach heftigem Blutandrang im Kopf an einem Gehirnschlag. Otto Neururer war der erste Priester, der im KZ Buchenwald getötet wurde. Als offizielle Todesursache gab man „akute Herzschwäche“ an. Pfarrer Spanlang wurde einige Tage später – vermutlich auf ähnlich grausame Weise – ermordet.

Wallfahrtskirche Götzens

Pfarrkirche Götzens ©Innsbruck Tourismus / Nadja Hudovernik

ZURÜCK IN GÖTZENS

Otto Neururers Leiche wurde im Krematorium des KZ Buchenwald eingeäschert. Seine Urne sandte man dann nach Götzens. Die Beisetzung in seinem letzten Dienstort am 30. Juni 1940 gestaltete sich zu einer großen Glaubensdemonstration.
Die Urne des Märtyrers wurde mehrmals an verschiedene Plätze in der schönen Götzner Rokokokirche verlegt. Schließlich und schlussendlich fand sich in einer kleinen Seitenkapelle gleich links vom Kircheneingang der passende Ort für eine Gedenkstätte. Hier ruht nun Otto Neururers Urne.

Seligsprechung

Eine Seligsprechung ist ein kirchenrechtliches Verfahren, bei dessen Abschluss der Papst nach entsprechender Prüfung erklärt, dass ein Verstorbener als Seliger bezeichnet und als solcher verehrt werden darf. Voraussetzung sind entweder das Martyrium oder ein heroischer Tugendgrad und der Nachweis eines Wunders. Im Unterschied zur Heiligsprechung wird bei der Seligsprechung nur die Verehrung durch die Ortskirche gestattet. (lt. Wikipedia)

EIN LANGES VERFAHREN

Schon bald nach dem Krieg gab es die Forderung, Pfarrer Otto Neururer als Märtyrer der Kirche anzuerkennen. In den Jahrzehnten danach bemühten sich immer wieder Gläubige, Priester und Bischöfe, die Eröffnung eines Seligsprechungsverfahrens zu erreichen. Die Geschichte des besonderen Seelsorgers war nie in Vergessenheit geraten.

1983 erhielt man von der römischen Kongregation für Selig- und Heiligsprechungen schließlich die Bestätigung, das Verfahren eröffnen zu dürfen. Die Vorgaben der Kirche für ein solches Unterfangen sind streng. So wurde die Urne Neururers gehoben und der Inhalt gerichtsmedizinisch sowie röntgentechnisch untersucht. Außerdem wurden 35 Zeugen einvernommen. Insgesamt erarbeitete und sammelte man bis Dezember 1986 Material von elf Aktenordnern.
Diese Ordner wurden anschließend versiegelt und nach Rom überstellt. Dort erfolgte in den kommenden Jahren eine genaue Prüfung der Unterlagen. Die Bearbeitung endete mit der Seligsprechung von Pfarrer Otto Neururer im Jahr 1996.
Heute gilt der selige Pfarrer Otto Neururer vor allem als Fürsprecher für die Ehen und Familien.

Seliger Pfarrer Otto Neururer

„Pfarrer Otto Neururer wird uns immer an die Heiligkeit der Ehe erinnern, für die er ins Gefängnis ging, und an die Treue zum priesterlichen Dienst, weswegen er ermordet wurde. Sein Zeugnis berührt somit zwei Säulen des christlichen Lebens“, so Papst Johannes Paul II. in seiner Ansprache zur Seligsprechung von Otto Neururer am 24. November 1996.
An diesem Tag wurde ein weiterer Tiroler Geistlicher, der unter den Nationalsozialisten für seinen Glauben sterben musste, seliggesprochen: Pfarrer Jakob Gapp aus Wattens. Etwa 3.000 Tiroler pilgerten damals nach Rom, um bei der Seligsprechung dabei zu sein. Darunter auch die Musikkapelle Götzens.

Musikkapelle Götzens

Die MK Götzens in Rom im November 1996 mit den politischen Vertretern Tirols LH Wendelin Weingartner und EU-Kommissar Franz Fischler (links). (Scans: Chronik MK Götzens (links), Das große Vereinsbuch Götzens (rechts))

EINE BLASMUSIKKAPELLE IM PETERSDOM

Der feierlichen Seligsprechung durch Papst Johannes Paul II. folgten zahlreiche Gläubige im Petersdom, am Petersplatz und in der ganzen Welt via Fernsehübertragung. Für die musikalische Messegestaltung sorgten vor Ort die Musikkapelle Götzens und der Kirchenchor Wattens. Dies war ursprünglich nicht ganz so geplant: Nur durch den beherzten Einsatz des damaligen Obmanns der Musikkapelle Götzens beim Bischof und bei der Kulturabteilung des Landes Tirol wurde schließlich ein Schreiben an den päpstlichen Nuntius aufgesetzt. Somit wurde der Auftritt der Tiroler Musikanten im Petersdom erst ermöglicht. Es folgte eine offizielle Einladung von höchster Stelle in Rom und so stand der Pilgerfahrt nichts mehr im Wege.
Blasmusik im Petersdom hat übrigens Seltenheitswert: So war die Musikkapelle Götzens die erste Blasmusikkapelle in der Geschichte, die an einer Messe im Petersdom mitwirkte. (Bravo!)
In der Chronik der Musikkapelle Götzens kann man dazu neben vielen Details nachlesen: „Es war sowohl kirchlich als auch kulturell und musikalisch ein einmaliges Erlebnis.“ Und so wird es den Musikanten noch lange im Gedächtnis bleiben.

Altar Götzens

Der neue Volksaltar in der Wallfahrtskirche Götzens. ©Verena Abenthung

EIN NEUER ALTAR

Nach der Seligsprechung, im Dezember 1996, wurde ein Teil der Asche Neururers in eine Urne im neuen Volksaltar der Pfarrkirche Götzens eingesetzt. Dieser Altar wurde übrigens von Dr. Reinhold Stecher (1921–2013), Bischof von Innsbruck, mitgestaltet. Zudem wurde die Götzner Kirche zu einer Wallfahrtskirche.

 

Als Götznerin hat mich diese Geschichte seit meiner Volksschulzeit stets begleitet. Ich kann mich noch gut an die Seligsprechung erinnern. 75 Jahre nach Kriegsende ist Otto Neururer immer noch präsent und unvergessen. Er hat sich voll und ganz für seine Überzeugung eingesetzt und hingegeben. Wir sollten stille Helden wie ihn auch weiterhin im Gedächtnis behalten.

Herzlichen Dank an die Musikkapelle Götzens für die freundliche Unterstützung.

QUELLEN

Gemeindebuch Götzens, 2017, „Seliger Pfarrer Otto Neururer“, Beate Fink, S. 207 ff.
Dorfbuch Götzens, 1988, „Pfarrer Otto Neururer (1882–1940)“, S. 142 f.
Das große Vereinsbuch Götzens, 2017, Musikkapelle Götzens, S. 29
Chronik der Musikkapelle Götzens, 1996
https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Neururer
https://www.dibk.at/Meldungen/20-Jahre-Seligsprechung-Otto-Neururer-im-November
https://www.tt.com/artikel/16980174/gedenken-an-mark-otto-mark-mark-neururer-mark-er-segnete-noch-seine-schergen