Jakob Schubert ist 3-facher Weltmeister und 7-facher Gesamtweltcupsieger in verschiedenen Disziplinen des Wettkampfkletterns. Ihr könnt euch vorstellen, dass sich sein Alltag im Normalfall alles andere als in den eigenen vier Wänden abspielt. Der Lockdown bedeutete für ihn, wie für viele von uns, massive Einschränkungen. Konkret in seinem Fall: keine Kletterhalle, keine langen Tage draußen am aktuellen Felsprojekt, keine Reisen, keine Wettkämpfe. Wie hat er wohl seine bislang längste kletterfreie Zeit erlebt?

Auch bei Jakobs ehemaliger Kletterkollegin Anna Stöhr haben wir nachgefragt, wie es ihr denn so ergangen ist. Lest das Interview mit der Boulderweltmeisterin hier am Blog.

© Simon Rainer

Ganz normal: Handstand-Challenge und Heimwerkeln

35 Tage ohne Klettern. So etwas hätte sich ein Jakob Schubert wohl nicht mal in seinen wildesten (Alb-)Träumen ausmalen können. Aber, Corona stellt auch das Leben eines Weltmeisters auf den Kopf und so musste Jakob seinen Trainings-Alltag umkrempeln. Ein neues Ziel musste her, auch ohne scheinbar unmöglich kletterbaren Felswänden. Die neuen Projekte: endlich Handstand lernen! Und vom Baumarkt Material und Holz für den Bau eines Campusboards liefern lassen.

Mit digitalen Trainingseinheiten bestärkte sich das Österreichische Kletterteam gegenseitig. Die Trainer ließen ihrer Kreativität freien Lauf und sahen zu, dass ihren Athleten daheim nicht langweilig wurde – YouTube und Co sei Dank. Bald war jedoch auch klar: Es werden so schnell keine großen Wettkämpfe stattfinden können, weder im In- noch im Ausland. Und besonders bitter: Aus für Olympia 2020. Für den Profisportler ist so eine Nachricht extrem frustrierend, wenn nicht sogar motivationsraubend. Wie pusht man sich tagtäglich, wenn das große Ziel dafür plötzlich weggefallen ist? Wie verliert man in so einer Situation nicht den Boden unter den Füßen?

Jakob ist zwar Wettkampftyp, aber er ist auch durch und durch Kletterer. Er machte sich an die Recherche und suchte nach Felsprojekten in der näheren Umgebung, die seinen inneren Drive aufleben ließen. Der Olympia-Gedanke rückte vorerst wieder ein Stück weit in den Hinterkopf. Vielleicht fiel damit auch ein wenig vom alltäglichen Druck, der einem der besten Kletterer unserer Zeit auf den Schultern lastet?

Vom Traumschiff zu Johnny Cash bis zur Weißen Rose und (k)einer Unendlichen Geschichte

Jedenfalls wirkte Jakob wie schwerelos, als er direkt nach dem Lockdown-Ende einige unglaubliche Projekte realisieren konnte. Die Kletterwelt staunte nicht schlecht, als der Tiroler zwei der schwierigsten Boulder im Zillertal, „Traumschiff“ und „Nihilist“ (8b+), scheinbar mühelos meisterte. Ebenfalls im Zillertal ging eine eindrucksvolle Erstbegehung auf sein Konto: Eine Route, deren logische Linie sich diagonal durch den gesamten Überhang zeichnet. Jakob benannte seine Tour nach einem guten Song: „Walk the Line“ (9a). Johnny Cash wäre sicher beeindruckt gewesen! 😉

Jakob zog es noch weiter Richtung Tiroler Unterland, zum Wilden Kaiser. Hier wurden schon viele epische Klettergeschichten geschrieben, unter anderem von Alex Huber 1994, der am Schleierwasserfall eine der damals wenigen Routen in diesem Schwierigkeitsgrad eröffnet hat. Jakob holte sich die insgesamt dritte Begehung der legendären „Weißen Rose“ (9a) nach nur wenigen Versuchen.

Nachdem vor Kurzem die Schweizer Grenzen öffneten, gelang Jakob ein weiterer Coup: Ein Flash der Route „Unendliche Geschichte“ in Graubünden. Für all diejenigen, die mit dem Kletterjargon nicht ganz so vertraut sind: Flash bezeichnet die Rotpunkt-Begehung einer unbekannten Route beim ersten Versuch. Also das genaue Gegenteil von einer „unendlichen Geschichte“.

Stronger than ever?

Die Beweislage hinterlässt keinen Zweifel: Jakob kam keinesfalls geschwächt aus dem Lockdown. Vielleicht hat ihn diese „Auszeit“ sogar (noch!) stärker, motivierter, freier klettern lassen. Jakob kann sehr gut mit Druck umgehen, das hat er bei der Heim-WM in Innsbruck deutlich und eindrucksvoll bewiesen. Jedoch tut selbst einem Sportler mit Nerven aus Stahl eine kurzzeitige Entlastung vielleicht mal ganz gut, aber das ist reine Spekulation.
Ganz deutlich zu sehen war aber das Feuer in Jakobs Augen, nach dieser für ihn gefühlten Ewigkeit ohne Klettern, und die Vorfreude endlich wieder seinen Sport ausleben zu dürfen! Und das, nicht allein daheim am selbstgebauten Campusboard, sondern gemeinsam mit Freunden, die seine Leidenschaft teilen und verstehen. Nach diesen Einschränkungen wieder das tun zu können, was man am liebsten macht, so Jakob, war ein einmaliges Gefühl.

 

Ein weiterer Film-TIPP mit Jakob Schubert rund um das Thema Olympia: Bergwelten: Olympiafieber – Der steile Weg nach Tokio