Vor einigen Monaten stand unsere Welt plötzlich Kopf. Von einem Tag auf den anderen wurde unser Alltag komplett umgekrempelt. Jeder Einzelne musste den persönlichen Mikrokosmos neu ordnen und sich an viele neue Regeln gewöhnen. Für viele Menschen bestimmten Unsicherheit und Ungewissheit über die Zukunft, das Denken und Tun. Eine komplexe Mischung aus allgemeiner Unruhe und einer unfreiwilliger Auszeit stellte so manche vor eine Herausforderung. Viele kreative Bewältigungsstrategien belebten die Innsbrucker Haushalte.

Wir haben mit zwei namhaften Locals gesprochen, deren Alltag ebenfalls plötzlich völlig anders war: Anna Stöhr und Jakob Schubert.

Wie haben die Kletterstars diese ungewöhnliche Zeit erlebt? Wie hat ihr Alltag im Lockdown ausgesehen? Gab es vielleicht sogar positive Aspekte, die sie mitnehmen konnten? Und, was gibt es Neues aus dem Kletterleben der Pros?

Anna, wie hast du den Corona-Lockdown persönlich erlebt?

Anna: Der Lockdown war für mich eine eigenartige und spezielle Zeit – ich schätze, wie für so viele. Es war ein sehr komisches Gefühl so abgeschottet zu sein, und dass ich meine Familie und Freunde nicht sehen konnte. Ich habe viel gelesen, bin spazieren gegangen, habe Yoga gemacht und neue Rezepte ausprobiert. Zum Glück war ich nicht ganz isoliert und konnte viel Zeit mit Kilian, meinem Freund, verbringen.

©Reini Fichtinger/Innsbruck Tourismus

Fiel es dir leicht, dein Training von heute auf morgen auf die eigenen vier Wände umzustellen?

Anna: Prinzipiell ja, aber das Training in meiner Wohnung daheim wurde mir schnell zu langweilig. Beim Klettern hast du stets neue Bewegungen und viele verschiedene Herausforderungen. Ich liebe es, die Tage am Fels zu verbringen, draußen zu sein und die Natur zu erleben – das ist es, was das Klettern für mich mittlerweile ausmacht. Das eintönige Hängen an der Klimmzugstange hat da schnell den Reiz verloren. Sobald es möglich war, bin ich daher in meiner unmittelbaren Umgebung gewandert und habe den Tag draußen verbracht. Und mittlerweile bin ich wieder sehr viel am Fels und weiß es noch mehr zu schätzen als vorher, dass es so viele Topgebiete in der Region Innsbruck gibt.

 

Was hat dir in dieser Zeit am meisten gefehlt? 

Anna: Eigentlich habe ich das Wesentliche vermisst: meine Familie und meine Freunde zu sehen.

©Hannes Mair/Salewa

Vor Kurzem erschien ein neues Video von Anna Stöhr: Evolution. Dabei dürfen wir hautnah miterleben, wie sie sich gemeinsam mit ihrem Freund Kilian Fischhuber an ein für sie neues Spektrum des Klettersports heranwagt. Jahrelang war Annas sportlicher Mittelpunkt das Bouldern. Als erfolgreichste Wettkampfkletterin ihrer Zeit hat sie alles und noch mehr erreicht. Dann kamen immer mehr körperliche Rückschläge. Ihrer Gesundheit zu Liebe verkündete sie 2018 deshalb das Aus ihrer Wettkampf-Karriere. Eindrucksvoll zeigt sie nun, dass sie sich in ihrem Sport weiterentwickelt hat: Mit der Mehrseil-Route Ali Baba in den französischen Seealpen hat sie sich eine extrem anspruchsvolle neue Herausforderung gesucht. Der Film dokumentiert die Höhen und Tiefen die sie dabei durchlebt und gewährt einen erfrischend ehrlichen Einblick in die Gefühlswelt der Profikletterin.

In deinem neuen Film „Evolution“ lässt du uns daran teilhaben wie du dich an eine neue Spielart des Kletterns heranwagst. Du gibst einen ehrlichen Einblick zu einer Komponente, die das Klettern vielleicht mehr als jeden anderen Sport definiert: mentale Stärke und Angst. Hat dich diese Offenheit Überwindung gekostet?

Anna: Ich glaube, die Angst ist ein Themenfeld, das im Klettern noch zu wenig Aufmerksamkeit findet. Und ich bin sicher, dass die Angst sowohl Männern als auch Frauen nicht fremd ist. Klettern ist, vor allem draußen am Fels, nach wie vor ein männerdominierter Sport, und sich seine Angst einzugestehen, ist für viele Männer schwierig. Da habe ich es als Frau leichter, ich kann das ansprechen. Generell denke ich aber, dass es sehr mit der Persönlichkeit zusammenhängt: Die einen reden darüber, die anderen schweigen. Zudem ist Angst etwas Subjektives und irgendwie auch Unerklärliches – ich habe manchmal schon Angst, wo sich andere noch gar nichts dabei denken.

 

Hast du vielleicht eine Strategie oder Herangehensweise, die dir mit der Angstbewältigung in gewissen Situationen hilft, oder gibt es deiner Erfahrung nach Umstände, die dir einen Teil der Angst nehmen?
Anna: Beim Klettern ist es bei der Bewältigung der Angst ganz wichtig, oft genug ins Seil zu fallen. Dadurch überwindet man einerseits die Angst, und andererseits gewinnt man Vertrauen. Und das Vertrauen zu seinem Seilpartner ist sowieso das Um und Auf.

©Hannes Mair/Salewa

Der Klettersport ist seit vielen Jahren dein Lebensmittelpunkt. Findest du trotzdem immer wieder neue Dinge über dich als Sportlerin heraus, indem du dich an neue Arten des Kletterns heranwagst?

Anna: Obwohl ich schon so lange und so intensiv klettere, gibt es immer wieder Neues zu entdecken. Klettern ist einfach ein unglaublich abwechslungsreicher Sport. Jede Route hat ihre gewissen Eigenheiten und Besonderheiten, die das Klettern nie langweilig werden lassen. Aufgrund meiner Rückenverletzung bin ich mittlerweile fast ausschließlich am Seilklettern, das überaus abwechslungsreich ist und mich immer wieder vor neue „Probleme“ stellt.

 

Welche Motivation steckt dahinter, dich immer wieder in schwierige Situationen zu begeben?
Anna: Es ist einfach spannend etwas anzugehen, ohne zu wissen wie es ausgehen wird. Bei der Route Ali Baba war für mich nicht klar, ob ich es schaffen kann die Tour Rotpunkt zu klettern. Als das dann aufgegangen ist, war es ein unglaublich schönes Gefühl.

Wie sehen deine Wünsche, Träume, Ideen für die nahe Kletterzukunft aus? Für welche Art des Kletterns bist du im Moment am motiviertesten? 

Anna: Sehr wahrscheinlich werde ich viel in Österreich unterwegs sein und zahlreiche Gebiete vor meiner Haustüre erkunden. Sportklettern und Mehrseillängenrouten sind dabei meine Favorits, dafür bin ich gerade überaus motiviert. Es gibt einfach noch so vieles zu entdecken! Ich freue mich wahnsinnig auf den Kletter-Sommer!

 

Vielen Dank für das Gespräch!