Heute darf ich Lukas besuchen. Der junge Mann aus dem Bergsteigerdorf St. Sigmund im Sellrain ist ein Sportler, der gerne aus gewöhnlichen Aufstiegsspuren ausschert. Wie ich seinem Blog für Touren und Skialpinismus schon des Öfteren entnehmen konnte, ist der 26-Jährige einer, für den auch das Streben nach gängigen Rekorden unbedeutend ist. Er macht sein eigenes, cooles Ding. Und beeindruckt mit dieser sicherlich reinsten Form des Skibergsteigens nachdrücklich.

Sportliche Gedanken ja, aber dabei steht für Lukas stets der Genuss an oberster Stelle. Foto: privat

Sportliche Gedanken ja, aber dabei steht für Lukas stets der Genuss an oberster Stelle. Foto: privat

Wir treffen uns im Gasthof Ruetz. Hier lebt Lukas und verdient im elterlichen Betrieb auch sein Geld. Das Haus am Ortsrand der Gemeinde ist der Ausgangspunkt für seine – nennen wir sie Exkursionen.

Steilwandfahren können nicht viele. Der 26-jährige zählt das zu seinen Lieblingsdisziplinen. Foto: privat

Steilwandfahren können nicht viele. Der 26-Jährige zählt das zu seinen Lieblingsdisziplinen. Foto: privat

Egal, ob bergauf, oder bergab, Lukas Antrieb ist die pure Leidenschaft. Foto: privat

Egal, ob bergauf, oder bergab, Lukas’ Antrieb ist die pure Leidenschaft. Foto: privat

Lukas erkundet ständig neue Winkel, erschließt neue Routen und bricht zu außergewöhnlichen Abenteuern auf. Die Manöver sind vielfältig. Zu den Spezialdisziplinen zählen jedenfalls das extreme Steilwandfahren und faszinierende Skidurchquerungen. Seine Spielwiese ist fast immer die heimatliche Bergwelt. Genauer: die des Sellraintales, die Teil der Stubaier Alpen ist. Hier lotet er am liebsten die Grenzen des Mach- und Fahrbaren aus. Oder genießt schlicht den Spaß an der sportlichen Freude.

Kenner und Könner

Das macht ihn gleichzeitig zu einem der besten Kenner der Region. „Mit Lawinen beschäftige ich mich genauso eingehend wie ich Schneeprofile erstelle oder die Entwicklung von Gletschern dokumentiere“, lässt er mich wissen, als wir an jenem „Downday“ gemütlich in der Gaststube Platz genommen haben.

Lukas – hier beim Erstellen eines Schneeprofils – ist auch Teil des Rades, das uns mit wichtigen Informationen über Lawinen & Co. versorgt. Foto: privat

Lukas – hier beim Erstellen eines Schneeprofils – ist auch Teil des Rades, das uns mit wichtigen Informationen über Lawinen & Co. versorgt. Foto: privat

Der Sellrainer wird auch immer wieder eingeladen, Vorträge zu halten, wie hier auf der Alpinmesse in Innsbruck. Foto: privat

Der Sellrainer wird auch immer wieder eingeladen, Vorträge zu halten, wie hier auf der Alpinmesse in Innsbruck. Foto: privat

Ruhig und besonnen erzählt er später von ein paar seiner Unternehmungen. Wie er etwa Rinnen abfährt, wo mir beim Hinabschauen allein schon schwindelig würde. „Bei 57, 58 Grad ist Schluss. Ab da kannst du endgültig zu keinem kontrollierten Schwung mehr ansetzen“, erklärt er nüchtern. Stark finde ich auch, wie er den unerklärlicher Weise so betitelten „Orient Express“ gemeistert hat. Im Alleingang spulte er dabei in einem knapp 16-stündigen Gewaltmarsch nahezu 6.000 Höhenmeter ab! Da wackeln Normalos wie mir nur so die Ohren 😉

Altes und Neueres neu entdecken

Wie er auf diese Idee kam? „Mein Vater Engelbert ist selbst Bergsteiger und zwar ein ordentlicher. Unter anderem hat er zwei Achttausender geschafft. Irgendwann war der Orient Express dann bei uns in der Gaststube Thema. Da hab ich mir vorgenommen, das eines Tages ebenfalls zu machen“, lacht Lukas. Jetzt wissen wir also schon mal, woher die Gene für das „Bergln” der intensiveren Art kommen. So richtig durchgestartet ist Lukas trotzdem „erst“ mit 16.

Papa Engelbert hat seinem Sohnemann zweifelsohne die "Bergler"-Gene mit auf den Lebensweg gegeben. Foto: Kainz

Papa Engelbert hat seinem Sohnemann zweifelsohne die “Bergler”-Gene mit auf den Lebensweg gegeben. Foto: Kainz

Die Beiden auf einem ihrer Hausberge: Dem Zwieselbacher Rosskogel (3.080 m). Foto: privat

Die beiden auf einem ihrer Hausberge: Dem Zwieselbacher Rosskogel (3.080 m). Foto: privat

Besonders gerne ist Lukas aber alleine unterwegs. Denn da kriegt der den Kopf so richtig frei, sagt er. Foto: privat

Besonders gerne ist Lukas aber alleine unterwegs. Denn da kriegt er den Kopf so richtig frei, sagt er. Foto: privat

Manchmal sind es also verrückte Eigenkreationen, manchmal Erzählungen der älteren Generation, die in ihm die Lust auf neue Abenteuer entflammen. Mit dem feinen Unterschied, dass Lukas seine Erfahrungen über diese und andere Touren und Entdeckungen heute niederschreibt. In seinem eigenen Blog und neuerdings auch hier im Innsbruck Blog.

Mit Aria und Bloggerkollege Tobi vom Innsbruck-Blog auf der Lampsenspitze (2.875 m). Foto: privat

Mit Aria und Bloggerkollege Tobi vom Innsbruck Blog auf der Lampsenspitze (2.875 m). Foto: privat

Wie es ihm bei der Herausforderung „Orient Express“ erging, ob und wie er sich vorbereitet hat, welches Equipment er benutzt und wie sich die Wahnsinns-Route überhaupt zusammensetzt, liest du am besten direkt auf Lukas Seite nach. Dort verrät er sehr viel, aber nicht alles. Ein paar wenige Geheimtipps bleiben verständlicherweise seinem ganz privaten Tourenbuch vorbehalten.

Kein Schauspieler

Die Fangemeinde des 26-Jährigen ist inzwischen eine stattliche. Innerhalb und außerhalb des Internets. Obwohl oder wohl gerade deshalb, weil Lukas sich klar von jenen distanziert und abhebt, die meinen, eine hochpreisige Ausrüstung und fünf Skitouren im freien Gelände würden schon dazu befähigen, den Lehrmeister zu geben.

Lukas befasst sich nicht nur mit der Materie, er hebt das Skitourengehen auf eine neue Ebene, indem er neue Parameter setzt. Foto: privat

Lukas befasst sich nicht nur mit der Materie, er hebt das Skitourengehen auf eine neue Ebene, indem er neue Parameter setzt. Foto: privat

Viel zu viele überschätzen sich diesbezüglich leider völlig. Nein, Lukas ist keiner dieser „Schauspieler“. Und er vertritt auch nicht jene Sorte, die sich auf Wettlauf trimmt. Was Lukas tut, passiert ohne Zeitdruck Er braucht kein ultraleichtes Material und verzichtet auch auf sonstige Wundermittel. Der Antrieb ist woanders zu finden. Es ist die Entspannung, die für ihn alles spannend macht. Die ihn immer wieder neu dazu motiviert eine frische Spur im Powder am Nordhang zu ziehen und damit verbundene Anstrengungen auf sich zu nehmen.

Sonnenaufgang bei der "Sellrain Sinfonie" oberhalb von Kühtai. Foto: privat

Sonnenaufgang bei der “Sellrain Sinfonie” oberhalb von Kühtai. Foto: privat

Eine Einstellung, die gefällt. Den Allermeisten. „Es kommt schon auch vor, dass ich als Spinner bezeichnet werde“, gesteht Lukas ein. Die Sponsorenliste ist dennoch lang; seine Vorträge über die Sellraintaler Bergwelt, Lawinenkunde und Co stets sehr gut besucht. Das finanzielle Überleben sichert ihm all das aber dennoch (noch) nicht.

Tief verwurzelt in der Heimat

Wertvolle Arbeit leistet Lukas auch für den Lawinenwarndienst Tirol und die Lawinenkommission in seiner Heimatgemeinde. Er ist außerdem freiwilliges Mitglied der Bergrettung und der örtlichen Feuerwehr. Hier allerdings mit etwas weniger Einsatzstunden, als sie andere Kameraden vorweisen können. Es gilt eben Prioritäten zu setzen: Die optimale Tour für die vorherrschenden Bedingungen am nächsten Tag zu finden zum Beispiel. Da kann dann gut und gerne auch zweimal hintereinander auf den selben Gipfel aufgestiegen werden. Einmal mit Freundin Steffi plus eine Extra-Einheit. Ergänzende Trainings absolviert er keine.

Als Skitouren-Experte hat sich Lukas längst einen Namen gemacht. Davon leben kann er aber (noch) nicht. Foto: privat

Als Skitouren-Experte hat sich Lukas längst einen Namen gemacht. Davon leben kann er aber (noch) nicht. Foto: privat

Neben Hobby und Studium hilft er auch im elterlichen Betrieb fleißig mit. Foto: Kainz

Neben Hobby und Studium hilft er auch im elterlichen Betrieb fleißig mit. Foto: Kainz

„Bergsport wird sowieso mehr durch den Kopf, die Planung, das richtige Einschätzen der Verhältnisse und des eigenen Könnens bestimmt, als rein durch den körperlichen Trainingszustand“, sagt er. Nach konkreten Zielen und Träumen für die Zukunft fragt man ihn – erraten – vergeblich: „Ich habe viele Ideen. Mal sehen, was sich alles ergibt. Regisseur unseres (Berg-)Lebens sind wir ohnehin nur zu maximal 20 Prozent selbst …“

Nur ein Überblick

Dieser Beitrag könnte problemlos seitenweise fortgesetzt werden. „Wir hätten uns noch stundenlang unterhalten können“, sind wir uns am Ende einig. Rund 140 Skitouren pro Jahr ergeben halt jede Menge Gesprächsstoff. Aber ihr wisst ja jetzt, wo ihr noch mehr Details erfahren könnt. Viel Spaß beim Schmökern und eines ist fix: Bei Lukas seid ihr für Skitouren und Ähnliches im Sellrain an der besten Internetadresse. Diesen Eindruck hatte ich ehrlich geschrieben schon vor diesem Treffen. Und er hat sich bestätigt. Mehr noch: Ich habe mitgenommen, wie Ski und Berg noch mehr Sinn ergeben.

Auf Wiedersehen im schönen St. Sigmund im Sellraintal. Foto: Kainz

Auf Wiedersehen im schönen St. Sigmund im Sellraintal. Foto: Kainz