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Glasklare Sicht: Interview mit dem Fensterreiniger am Bergisel

Als ich Ende November für einen Video am Dach der Bergisel Skisprungschanze vorsichtig einen Fuß vor den anderen gesetzt habe, gab es jemand, dessen Füße locker in der Luft baumelten. Hinter den dicken Glasscheiben der Skisprungschanze war gerade eine Industriekletterer am Werk, der konzentriert Zug um Zug die Scheiben putzte. Moment mal, einen Fensterputzer am Bergisel – das sieht man doch nicht alle Tage!
Genau genommen hat man nur einmal im Jahr circa eine Woche Zeit ihn zu erspähen. Denn dann wird der Bergführer Andreas Höller vom Bergisel engagiert, um die Skisprungschanze wieder glänzend zu machen. Spätestens für die Vierschanzentournee [1] will man sich schließlich in voller Pracht zeigen und dazu gehören saubere Glasscheiben. Da für den Videodreh eine Drohne unterwegs war, haben wir auch tolle Luftaufnahmen bekommen, die ich euch nicht vorenthalten möchte.

Der vielleicht schönste Arbeitsplatz der Stadt

Ich durfte den gebürtigen Niederösterreicher kürzlich interviewen. Andreas ist eigentlich Tischler, arbeitet aber hauptsächlich als Diplomskilehrer, Berg- und Skiführer. Als Industriekletterer arbeitet er meist ein paar Wochen im Herbst. Diesen Herbst hat er zum dritten Mal die Scheiben an der Schanze ins Visier genommen… Mehr darüber erzählt er gleich selbst im Interview!
Was für ein Arbeitsplatz! ©Innsbruck Tourismus

Die Skisprungschanze mit Blick auf die Serles im Hintergrund. Rechts an der Schanze kann man die Seile gut erkennen. ©Innsbruck Tourismus

Der Industriekletterer Andreas Höllerer im Interview

Andreas, welche Ausbildung braucht man, um diesen ungewöhnlichen Job an der Skisprungschanze überhaupt antreten zu können?

Um den seiltechnischen Anforderungen gewachsen zu sein und um ohne Zwischenfälle die Arbeiten durchführen zu können, ist meines Erachtens eine Ausbildung als Industriekletterer beziehungsweise Höhenbergsteiger sehr wichtig. Es gibt verschiedene Institutionen, die solche Ausbildungen anbieten (IRATA, FISAT, der österreichische Berg- u. Skiführerverband, Höhenwerkstatt,…).
Das Reinigen der Glasflächen bedarf dann Geduld und Genauigkeit und eine gewisse Beharrlichkeit. Wenn zu oberflächlich beziehungsweise nachlässig gereinigt wird, ist das Ergebnis wirklich nicht gut – und jeder, der durch das Glas schaut, kann es erkennen. Das Erreichen des Arbeitslatzes ist mit viel Vorbereitung verbunden – daher fällt es dann auch nicht schwer, einen genauen Job beim Putzen zu verrichten.

Als Bergführer bist du gute Aussicht am Arbeitsplatz ja vermutlich gewöhnt, welchen Ausblick findest du persönlich von der Skisprungschanze aus am Schönsten?

Das gesamte 360°-Panorama ist für mich sehr speziell. Die Kombination aus dem Blick in die Stadt hinunter und in die verschiedenen Gebirge rund um Innsbruck ist einzigartig.
6-7 Stunden täglich hängt Andreas im Seil und reinigt die Glasscheiben. ©Innsbruck Tourismus

6 bis 7 Stunden täglich hängt Andreas im Seil und reinigt die Glasscheiben. ©Innsbruck Tourismus

Von der Besucherplattform sieht man ihn hinter der Scheibe beim Arbeiten. ©Lea Hajner

Von der Besucherplattform sieht man ihn hinter der Scheibe beim Arbeiten. ©Lea Hajner

Wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen für die Aktion? Welche Wettervorhersage ist ideal und wann geht es auf keinen Fall? Wie viele Stunden am Tag hängst du in der „Putzwoche“ durchschnittlich in den Seilen? 

Kühles, windstilles und niederschlagsfreies Herbstwetter ist optimal. Keine Chance bei Regen oder Schnee. Gefährlich bei Wind. Vor allem wenn Südföhn weht! Sechs bis sieben Stunden hänge ich im Seil und putze – der Rest des 10- bis 11-Stunden-Tages sind Vorbereitungen wie Seile versetzen, Vorbereiten der Arbeitsmittel und meiner Ausrüstung, Reinigen der Arbeitsmittel und Nachbereitung, Absperrungen am Boden (bei Notwendigkeit).

Woraus besteht dein Equipment bei einem solchen Einsatz? 

2003 wurde die Schanze nach Entwürfen von Zaha Hadid neu in Szene gebaut. ©Innsbruck Tourismus

2003 wurde die Schanze nach Entwürfen von Zaha Hadid neu in Szene gebaut. ©Innsbruck Tourismus

Blick nach unten. © Andreas Höller

Der Blick nach unten – ganze 50 Meter müsste sich Andreas im Notfall zum Boden abseilen. ©Andreas Höller

Reinigst du immer mit den gleichen Mittel oder gibt es temperaturbedingte Unterschiede?

Das Reinigungsequipment besteht aus Kübel mit Putzmittellösung, mehreren sauberen Baumwoll-Putztüchern, Glaseinwascher inklusive Gummi-Abziehlippe, Kunststoff-Reibschwamm, kleinem Schaber mit Metallklinge und Glasreinigungskonzentrat in einer kleinen Flasche.

Wie putzt man ein solches Gebäude logistisch, in horizontalen Schleifen oder horizontalen Abschnitten? Was ist die schwierigste Stelle?

Die Seile hängen vertikal nach unten. Aufgrund dessen kann ich pro 1 x Abseilen eine Breite von circa 180 cm reinigen. Zuerst wird das Glas mit einem herkömmlichen beziehungsweise handelsüblichen Glasreiniger eingewaschen, danach werden mit horizontalen Abziehbewegungen mit dem Abziehgerät der Schmutz-Wasser-Film entfernt. Durch den horizontalen Abziehvorgang fließt das Schmutzwasser immer nach unten weg. So können systematisch relativ rasch und unkompliziert große glatte Flächen gereinigt werden. Ein Nachpolieren ist nur an den Rändern notwendig. Die große Glasfläche ist nach dem Abzieharbeitsschritt trocken und sauber.
Der schwierigste Bereich sind die schrägen Panoramafenster Richtung Stadt. Das Erreichen ist etwas komplexer als bei den horizontalen Glasflächen. Zum Positionieren beim Reinigen benötige ich zwei Vakuum-Sauggriffe, mit denen ich mich an die Glasscheiben “heranziehen” kann.

Ende November fand ja ein Videodreh für ein DJ-Set am Dach statt. Wie war es für dich zur Abwechslung mal mit Musik den Tag am Dach zu beenden?

Die Musik klang sehr entspannt, die Lautstärke war genau passend und es war eine willkommene akustische Abwechslung zum sonst recht stark hörbaren Lärm der Brenner-Autobahn.
Zugegeben, so hat das Interview nicht stattgefunden. Hätte es theoretisch aber. ©Innsbruck Tourismus

Zugegeben, so hat das Interview nicht stattgefunden. Hätte es theoretisch aber. ©Innsbruck Tourismus

Bei Einbruch der Dunkelheit beendet auch Andreas seinen Tag. ©Lea Hajner

Bei Einbruch der Dunkelheit beendet auch Andreas seinen Tag. ©Lea Hajner

Vielen Dank für das spannende Interview! 

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