Was verbindet Physiker, Sportler, Rechtswissenschafter, Psycholog, und Mathematiker? Na klar, die berühmte Innsbrucker Sage der Frau Hitt. Was, das macht keinen Sinn? Doch, denn zum 350-jährigen Jubiläum der Universität Innsbruck wurde mit „Frau Hitt und die 19 Fragen“ ein Projekt geschaffen, bei dem alle 16 Fakultäten indirekt zusammenarbeiten. Worum es genau geht, und wie sie es schaffen die Öffentlichkeit mit einzubinden, haben mir die Projektverantwortlichen Michael Kröll und Marina Schmidt erklärt. Bei einem gemeinsamen Stadtrundgang durfte ich viel Neues über die Uni und die Sage der Frau Hitt lernen.

Die Sage

Die so genannte Frau Hitt ist ein markanter Felszacken auf der Nordkette. Man sieht sie von überall in Innsbruck aus, jeder Innsbrucker kennt die Geschichte. Oder zumindest eine Version davon. Bevor sie 1811 erstmalig in einer Zeitschrift veröffentlicht und einige Jahre später von den Brüdern Grimm in deren Sagensammlung aufgenommen wurde, gab es nur mündliche Überlieferungen. Und wie das mit Geschichten so ist, erzählt sie jeder ein bisschen anders. So kam es, dass sich zahlreiche Varianten verbreiteten. Die zwei bekanntesten habe ich hier zusammengefasst:

Brüder Grimm

Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm schrieben die Geschichte der Frau Hitt in ihrer Sagensammlung nieder. © Patrick Bonato

Vor geraumer Zeit herrschte die Riesenkönigin Frau Hitt über Innsbruck. Sie war für ihren Hochmut und ihre Hartherzigkeit ebenso bekannt wie für ihren grenzenlosen Reichtum. Nur ihren kleinen Sohn hatte sie ins Herz geschlossen, er war ihr Ein und Alles. Wie viele Buben war auch er ein Wildfang, der sich gerne in den Wäldern herumtrieb.

Die Strafe für Frau Hitt

Als er eines Tages beim Spiel in einen Sumpf fiel und vollkommen verdreckt nach Hause kam, wusste Frau Hitt nichts Besseres, als ihn in Milch baden und mit Brot trocken tupfen zu lassen. Aber kaum hatten die Diener begonnen, die göttliche Gabe der Milch und des Brotes für ihr schmutziges Werk zu missbrauchen, zog ein schreckliches Gewitter auf. Ein Erdbeben ließ den Palast der Frau Hitt einstürzen, Muren und Steinlawinen verschütteten ihr Reich und all die saftigen Wiesen und Äcker wurden zur unfruchtbaren Steinlandschaft. Sie selbst erstarrte zur schaurigen Felsengestalt, die noch heute auf der Nordkette über Innsbruck thront.

Comic Frau Hitt von Patrick Bonato

Patrick Bonato hat die zwei bekanntesten Varianten der Sage bildlich dargestellt. © Patrick Bonato

Die alternative Handlung

In der zweiten Variante reitet die geizige Frau Hitt an einer armen Bettlerin vorbei, die um ein Stückchen Brot für sich und ihr Kind bittet. Die hartherzige Fürstin wirft ihr aber stattdessen nur einen Stein zu. In ihrer Wut und Verzweiflung verflucht die Bettlerin Frau Hitt und diese erstarrt, wie in der anderen Version auch, auf der Nordkette zu Stein.

Das Projekt:

Das Jubiläumsjahr 2019 wurde zum Anlass für ein Projekt, das die Universität einer breiten Masse näher bringen soll. Wichtig war dabei, dass alle Fakultäten zusammenarbeiten und der Öffentlichkeit zeigen, wie breit gefächert das Angebot an der Universität Innsbruck ist. Gar nicht so einfach! Und ich muss sagen, ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass sich die Sage der Frau Hitt als Thema eignet. Aber als ich mit Marina Schmidt spreche und sie es mir erklärt, scheint mir die Idee, die übrigens von Michael Kröll stammt, ebenso logisch wie genial. Die Geschichte lässt sich ganz einfach zusammenfassen:

Die wohlhabende Riesenkönigin Frau Hitt
wird für ihr moralisch verwerfliches Verhalten
vom höchsten Richter bestraft.
In Begleitung eines Donnerschlags
erstarrt sie auf der Nordkette zu Stein.

In diesen Zeilen findet man Elemente beziehungsweise Anknüpfungspunkte, mit denen sich jede Fakultät, auf die eine oder andere Weise, beschäftigen kann: erstens die Sage, zweitens das moralische Verhalten/die Strafe, drittens der Donner, viertens der Stein und – last but not least – die Nordkette.

Marina Schmidt

Dank der lieben Marina Schmidt bin ich nun bestens über die Sage und die Uni informiert.

Marina Schmidt und Michael Kröll

Marina Schmidt und Michael Kröll

Die sieben Haltestellen

An sieben Bushaltestellen in Innsbruck wurden insgesamt 19 Stationen aufgebaut. Jede einzelne beschäftigt sich mit einer Frage, die in irgendeiner Weise mit einem der fünf Elemente aus der Sage der Frau Hitt zu tun hat. Die erste Station befindet sich bei der Haltestelle Höttinger Au/West, die Letzte beim Landesmuseum. Dazwischen sind: Fürstenweg, Klinik, Universität, Terminal Marktplatz, Maria-Theresien-Straße und Museumstraße. Die interessanten Gedankenexperimente an jeder dieser Haltestellen laden noch bis zum 25. Oktober zum Staunen, Nachdenken und Mitmachen ein.

Die 19 Fragen

Während man auf den Bus wartet, ist man oft in Gedanken versunken, müde von der Arbeit oder man schenkt seine gesamte Aufmerksamkeit nur dem Smartphone. Aber glaubt mir, es lohnt sich den Blick zu heben und sich mit den Schautafeln zu beschäftigen. Ich durfte so viel Neues und Interessantes erfahren. Hätte ich nicht die wunderbare Marina Schmidt an meiner Seite gehabt, hätte ich vielleicht auch nicht genauer hingesehen, nicht genauer gelesen. Das wäre sehr schade gewesen, denn ich hätte einiges verpasst:

Ist Geiz strafbar? Mit welchen Konsequenzen müsste Frau Hitt heute rechnen, wenn sie der Bettlerin anstatt eines Brotes nur einen Stein zuwirft? Käme sie ungestraft davon? Oder würde sie sich schuldig machen? Aber wie sieht es denn überhaupt mit dem Bettelverbot aus, ist nicht es am Ende die Bettlerin selbst, die ein Gesetz bricht? Mit diesen Fragen beschäftigen sich die JuristInnen. Die Antworten findet ihr bei der Haltestelle Museumsstraße.

Comiczeichnung von Frau Hitt

Ist Geiz Strafbar? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Rechtswissenschaftliche Fakultät.

Einer der vier Nobelpreisträger der Uni Innsbruck ist Victor Franz Hess. Er beschäftigte sich mit kosmischer Höhenstrahlung, die bei der Entstehung von Blitzen eine wichtige Rolle spielt. Alle, die das ebenfalls interessiert, sollten sich die Station in der Maria-Theresien-Straße ansehen.

Der Nobelpreisträger Victor-Franz Hesss

Victor Franz Hess im Jahr 1931 an seinem Messplatz an der Universität Innsbruck. © Victor-Franz-Hess-Gesellschaft – Archiv, Pöllau

Ebenfalls dort geht die Fakultät für Geo- und Atmosphärenwissenschaften der Frage nach, wo der Blitz denn überhaupt einschlägt. Auch Theologen, Sportwissenschafter, Psychologen und viele mehr widmen sich spannenden Fragen.

Frau Hitt in der Stadt

Ob Steine leuchten können, erfahrt ihr an der Station Landesmuseum.

“Hey Digga” das interaktive Bücherregal

Ich fand alle Stationen super. Besonders in Erinnerung ist mir aber die der Fakultät für LehrerInnenbildung geblieben. Hier erzählen Studenten und Schüler die Sage der Frau Hitt in verschiedenen Formen (zum Beispiel als Gedicht oder Lied), Sprachen oder Dialekten. Aufgebaut ist die Station wie ein Bücherregal. Bemerkenswert ist, dass Leute angefangen haben, selbst Bücher dazuzustellen, die sich Auf-den-Bus-Wartende ausleihen können. Es ist einfach interessant zu sehen, wie öffentliche Projekte eine Eigendynamik entwickeln und interaktiv werden.

Frau Hitt in der Stadt

“Hey Digga”: Die mit Abstand lustigsten Varianten der Sage findet man am Fürstenweg.

 

Ich denke, es ist dem gesamten Team rund um Michael Kröll gelungen, ein Projekt zu verwirklichen, das alle Fakultäten miteinander verbindet. Die Uni kommt einer breiten Öffentlichkeit näher und eine alte Innsbrucker Sage wird wieder lebendig.

Alle Illustrationen: © Patrick Bonato 2019
Titelbild: © Innsbruck Tourismus / Mario Webhofer