Eine dritte Tiroler Salzstraße verdankte ihren Aufschwung einer Brücke über den Inn bei Zirl. Sie führte in der Folge südlich des Flusses über Inzing, Hatting, Polling, Flaurling und Oberhofen nach Pfaffenhofen und war aufgrund der Schattenlage ideal für Wintertransporte auf Schlitten. Auf einer Trasse, die bereits von den Römern benützt worden war.

Johann Martin Gumpp d.Ä., Inntal und Außerfern, Ende 17. Jhdr., Maßstab 1:65000

Die Salzstraße zwischen Zirl und Pfaffenhofen. Ausschnitt aus der Karte des Johann Martin Gumpp d.Ä., Inntal und Außerfern, Ende 17. Jhdt., Maßstab 1:65000. Bild: tiris

Ich möchte mit der Vorstellung einstiger Tiroler Salzstraßen einerseits die Geschichte von Landschaften in Erinnerung rufen. Andererseits will ich den Blick auf Gebäude, Kirchen und Ansitze lenken, die heute abseits der Hauptverkehrsrouten ein meist dornröschenhaftes Dasein führen. Völlig zu Unrecht, wie ich meine. 

Eine Straße mit prähistorischer Vergangenheit

Ausgrabungen in den vergangenen Jahren belegen eindrucksvoll, dass es südlich des Inns mit Sicherheit eine prähistorische Verkehrsverbindung gegeben hatte. Es ist zwar kaum zu glauben, aber am Abhang der heutigen Burgruine Hörtenberg ob Pfaffenhofen erstreckte sich die größte eisenzeitliche Siedlung Nordtirols. Das bedeutet auch, dass es Verbindungen in Richtung Unterland und auch ins Oberland gegeben haben musste. Weshalb diese große, eisenzeitliche Siedlung samt Kultplatz bereits seit 800 v. Chr. ausgerechnet im heutigen Pfaffenhofen bestanden hatte, ist rasch erklärt: Der Inn verlässt an dieser Stelle erstmals seinen engen Talbereich und verbreiterte sich. Eine erste ideale Stelle, ihn zu überqueren. Pfaffenhofen war somit ein prähistorischer Brückenkopf auf dem Weg ins Voralpengebiet.

Burgruine Hörtenberg, Pfaffenhofen

Hier, am Fuß der Burgruine Hörtenberg ob Pfaffenhofen, befand sich vor rund 2.000 Jahren die größte eisenzeitliche Siedlung Nordtirols.

Ausgrabungen Eisenzeit, Pfaff

Die Ausgrabungen bei Hörtenberg in Pfaffenhofen. Im Hintergrund der Kulthügel der eisenzeitlichen Großsiedlung.

Die Römer nutzten diese Straße intensiv

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Römer Salz von einem Sudhaus in Thaur über Ampass, Wilten, Völs, Kematen und Inzing nach Pfaffenhofen transportiert hatten. Befand sich doch hier die Innbrücke, die eine Verbindung bis zum römischen Limes im heutigen Süddeutschland möglich machte. 

Ampass

Ampass war lange Zeit das ‘Nadelöhr’, durch das die Salztransporte auch in den Westen gelangten.

Zudem benötigten vor allem die römischen Kavallerie-Pferde Salz. Es ist anzunehmen, dass den Römern die ausgedehnten Inn-Auen zwischen Inzing und Pfaffenhofen als Pferdestationen dienten. Also darf mit Fug und Recht angenommen werden, dass die Verbindung zwischen Kematen und Pfaffenhofen schon eine Art ‚römischen Salzstraße‘ gewesen ist. Lange bevor das Salz im Mittelalter zum ‚Weißen Gold‘ Tirols wurde.

Inzing

Der Inn mäanderte im Mittelalter wie eine Schlange durch das Tal. Hier ein einstiger Innarm in Inzing. © Innsbruck Tourismus

In Kematen teilte sich die Römerstraße

Die Entdeckung einer römischen Straßenstation am Michelfeld bei Kematen deutet darauf hin, dass zur römischen Kaiserzeit im heutigen Kematen bereits eine Art Abzweigung existierte. Eine dieser ‚Römerstraßen‘ führte in Richtung Martinsbühel, der damaligen römischen Befestigung ‘Teriolis’. Der dortige Innübergang eröffnete in weiterer Folge via Zirl und den Zirlerberg die Route ins deutsche Alpenvorland. Diese Straßenverbindung war besonders wichtig, sicherte sie doch die Versorgung der römischen Truppen am Limes, dem römischen Schutzwall gegen die anstürmenden Germanenstämme. Die andere ‚Römerstraße‘ folgte der prähistorischen Trasse über Inzing nach Pfaffenhofen. 

Inzing

Der Martinsbühel bei Zirl war einst die römische Befestigungsanlage Teriolis.

Zirl – einst ein Knotenpunkt der Warenströme

Für mich ist es immer wieder interessant, welche Vergangenheit Orte haben. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist Zirl. Der Martinsbühel in Zirl war schon zur Römerzeit von großer strategischer Bedeutung. Der Ort hielt diese Stellung bis ins ausgehende Mittelalter. In Zirl wurden Waren aller Art, vor allem aber das wertvolle Salz umgeschlagen, deren Zielorte in Süddeutschland oder in der Schweiz lagen. Der Abstieg Zirls begann erst Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Bau der Arlberg-Eisenbahn.

Die Zirler Innbrücke öffnet neue Verkehrswege

Zurück ins Mittelalter. Als im Jahre 1480 die Zirler Innbrücke gebaut worden war, eröffneten sich zusätzliche neue Verkehrsverbindungen ins Tiroler Oberland. Über Inzing, Hatting, Polling, Flaurling und Oberhofen gelangte man nach Pfaffenhofen zur Innbrücke nach Telfs. Hier ist noch  anzufügen, dass Salztransporte über den Arlberg und in der Folge in die Schweiz lange Zeit unmöglich waren. 

INNBRÜCKE, ZIRL

Die heutige Innbrücke bei Zirl wurde ungefähr an jener Stelle errichtet, an der 1480 die erste Brücke geschlagen worden war.

Die Zollstation von Inzing

Inzing war die erste größere Ansiedlung nach der Überquerung des Inn. Die Erinnerung an die Salzstraße ist nur noch in einer Straßenbezeichnung vorhanden. Inmitten des Ortes hat eine Zollstation – also eine mittelalterliche Mautstelle – bestanden. Die soll sich vis-a-vis des Gasthofes Stollhofer befunden haben. Daraus kann durchaus geschlossen werden, dass das Gasthaus von Händlern und Rodfuhrleuten gleichermaßen aufgesucht worden war. 

Straßenschild Inzing

Das ist übrig geblieben: die ‘Salzstraße’ in Inzing.

Inzing Gasthof Stollhofer

Der Gasthof Stollhofer in Inzing gehört zu den historischen Gasthäusern an der Salzstraße. Vis-a-vis befand sich die Zollstation.

Ob das ‚Schlössl’, einst ein Ansitz neben der Kirche aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine Rolle im Salzhandel gespielt hatte, ist nicht bekannt. Und dennoch dürfte es als Sitz der Herren von Eben und anschließend jener von Völs nicht umsonst an der Waren-Transitstrecke gelegen haben. Der Adel profitierte ja von den Zoll- sprich Mauteinnahmen. Man war es gewohnt, den aufwändigen Lebensstil mit arbeitslosem Einkommen zu finanzieren.

Schlössl, Inzing

Das ‘Schlössl’ in Inzing.

Ein Tränenwunder als mittelalterlicher Marketing-Gag

Auch die Kirche suchte im Inzing des Mittelalters offensichtlich nach zusätzlichen Einkünften. Ein Wunder war vonnöten und wurde in die Form eines Tränenwunders verpackt. Angeblich weinte ein Marienbild unaufhörlich, selbst als man es in einer eigens errichteten – und schon bald wieder abgebrochenen – Kapelle aufgehängt hatte. Ein geistlicher Taschenspielertrick, der vor mehr als 330 Jahren massiv Geld in die klerikalen Kassen spülte.

tränenwunderhaus Inzing

Das Tränenwunderhaus in Inzing. Hier soll das Tränenwunder seinen Ausgang genommen haben.

Nach Inzing durchquert man Toblaten mit seinem berühmten Blasius-Hueber-Haus, dem Adelshof. Jakobspilger schätzen das Haus als Herberge auf dem Weg nach Santiago. Nach Toblaten beherrscht die Hohe Munde die wundervolle landschaftliche Szenerie. Während Polling und Hatting kaum noch bemerkenswerte Bauten aufweisen, gehört Flaurling meines Erachtens zu den ausnehmend schönen Gemeinden dieses Landes.

Adelshof Toblaten

Der Adelshof in Toblaten. Einst Alterssitz des berühmten Tiroler Kartografen Blasius Hueber.

Flaurling, eine Perle an der Salzstraße

Die ‚noble‘ Vergangenheit des Ortes offenbart sich im Ries-Schlössl, das quasi über der Gemeinde thront. Hier stieg Kaiser Maximilian öfters ab, um bei seinem Beichtvater Sünden los zu werden. Oder aber auf die Pirsch nach Gämsen in den Bergen ob Flaurling zu gehen. 

Ris-Schlössl Flaurling

Das Ris-Schlössl in Flaurling

Flaurling besitzt auch eines der bemerkenswerten Gasthäuser Tirols, das an die einst goldene Zeit des Salzhandels erinnert: der Goldene Adler zu Flaurling. Heute noch kann man das riesige Stallgebäude des Gasthauses bewundern, das früher als Pferdewechselstation gedient hat. Selbst Reste der Zollstation sind in Flaurling noch vorhanden, und zwar vis-a-vis des Goldenen Adler. 

Goldener Adler Flaurling

Der legendäre ‘Goldene Adler’ zu Flaurling.

Goldener Adler Flaurling Außenfresken

In Außenfresken am Goldenen Adler verewigt: Die Rodfuhrleute bei der Arbeit.

Zollstation Salz Flaurling

Ein Überbleibsel aus längst vergangenen Tagen: die Zollstation in Flaurling. Oder das, was von ihr noch übrig geblieben ist.

Ich empfehle kulturaffinen Menschen einen Gang durch die Gemeinde, samt Besuch der Pfarrkirche. Die ursprünglich im gotischen Stil errichtete Kirche wurde später barockisiert. Für mich normalerweise ein Frevel. Nicht so in Flaurling: Das barocke Interieur versetzt den Betrachter in eine Art Jubelstimmung, wie dies selten in einer Kirche zu spüren ist. Zudem befindet auch das Grabmal des Sigmund Ries, des Beichtvaters von Kaiser Maximilian, in der Kirche.

Stall Flaurling

Ställe im Ortszentrum von Flaurling.

Kirche Flaurling

Die Kirche zu Flaurling

Bauern feiern einen mittelalterliche Anti-Trust-Sieg

In Oberhofen, dem nächsten Ort an der Salzstraße, spielte sich Mitte des 16. Jahrhunderts eine Auseinandersetzung um die ‚Rod‘ und somit um das Recht ab, Salz zu transportieren. 1542 begannen Bauern des Ortes, an der Südseite des Inn einen eigenen Hafen samt Salzstadel anzulegen. Diese ‘Lende’ war strömungstechnisch günstiger gelegen als jener der Telfer auf der gegenüberliegenden Seite. Eine eigene Oberhofer Rodordnung wurde dann aber von Telfs beeinsprucht, die Landesregierung gab aber den Bauern aus Oberhofen Recht. Damit brachen sie ein Quasikartell der Telfer Salzfrächter, die in der Folge nur noch zwei Fünftel der Fässer in Richtung Fernpass führen durften. Der Rest verteilte sich auf Bauern aus Oberhofen, Mieming und Bauern aus der Leutasch. Ein mittelalterlicher Anti-Trust-Sieg quasi.

OBERHOFEN, ANLEGESTELLE SALZSCHIFFFAHRT

Ungefähr an dieser Stelle legten Bauern aus Oberhofen 1542 eine eigene ‘Lende’, also einen Hafen am Inn an.

Oberhofen ist auch noch aus anderen Gründen interessant. Funde aus der Eisenzeit belegen die jahrtausendealte Besiedlung des Ortes. Sehr empfehlenswert ist die archäologische Dauerausstellung im Heimatmuseum Oberhofen, das sich im Gebäude des Gemeindehauses befindet. Hier werden die teils einzigartigen Funde präsentiert. Eine Präsentation der Funde in pdf-Format habe ich am Ende dieses Textes eingefügt.

Pfaffenhofen und seine prähistorische Vergangenheit

Pfaffenhofen gehört für mich zu den interessantesten Orten an dieser Salzstraße. Hier hatte nicht nur die größte rätische Siedlung Nordtirols bestanden. Auch die Römer schätzten das heutige Pfaffenhofen bereits vor 2.000 Jahren. Archäologen vermuten, dass just unter der heutigen Pfarrkirche einst eine römische Pferdestation bestanden hatte. Eigentlich logisch, wenn man bedenkt, dass eine Reise über den damaligen Fernpass für Mensch und Tier eine echte Prüfung war. Andererseits verstehe ich jetzt auch, weshalb Pfaffenhofen schon im fünften Jahrhundert ein Bischofsitz gewesen war. Hatten die Christen doch ihre Missionstätigkeit zuerst an den Römerstraßen voll entfaltet.

Burgruine Hörtenberg mit Hoher Munde

Burgruine Hörtenberg mit Hoher Munde.

Pfaffenhofen

Pfaffenhofen ist auch ein Ort am Tiroler Jakobsweg. Hier der Blick auf die Hohe Munde.

Meine Tipps für eine Kulturreise an der Salzstraße:

  • Die Strecke von Innsbruck nach Pfaffenhofen bzw. Telfs beträgt etwa 32 Kilometer.
  • Für Radfahrer ist die Strecke ganz wunderbar. Der Radweg zwischen Inzing und Pfaffenhofen verläuft am Innufer. Die im Blog beschriebenen Gebäude und Orte können innerhalb kürzester Zeit vom Radweg aus erreicht werden. HIER geht’s zur Karte.
  • Die Rückfahrt von Pfaffenhofen nach Innsbruck ist kein Problem, der Bahnhof Telfs-Pfaffenhofen befindet sich im Ortszentrum von Pfaffenhofen.
  • Feinstes Trinkwasser rinnt in allen Dörfern an der Strecke aus den Brunnen.
  • Wie angekündigt, die schönsten prähistorischen Fundstücke aus Oberhofen.

Links zu Geschichten an der Salzstraße:

Inzing, Wohnort berühmter Männer

Das lukrative Tränenwunder

Kaiser Maximilian in Flaurling

Flaurling, die Perle an der Salzstraße

Pfaffenhofen, ein einstiger Bischofssitz

Zum Nachlesen: Teil eins und Teil zwei meiner Salzstraßentrilogie.

Alle Fotos, sofern nicht anders angegeben: © Werner Kräutler