Auf Filmrollen im Original mit Untertitel im Arthouse

Ich sitze im Foyer des Cinematographen, das letzte kleine Arthouse-, Alternativ- oder Programmkino in Innsbruck. Der Mann an der Kasse und hinter der Bar macht Musik: Cinematic Orchestra. Ob das ein Zufall ist? Gemütlich ist der Sound, er summt dazu, macht Kaffee, öffnet ein Bier und trägt eine Filmrolle in den Projektionsraum. Ich warte auf Dietmar Zingl, Mitbegründer und Gestalter der Arthouse-Szene in Innsbruck.

Das Gefühl Arthouse

Hier vergeht die Zeit anders: Eine gewisse Trägheit liegt im Raum, aber eine gemütliche. Besucher sind Alternative, Menschen mit hohem Interesse an Politik, Gesellschaft, Natur und Sachthemen. Kommerzkino, das sogenannte Plexx, ist eine andere Baustelle. Kino und Filmrollen gehören hier noch zusammen; digitaler Film interessiert hier keinen.

Cinematograph Innsbruck

Ins Cinematograph gehen Menschen mit hohem Interesse an Politik, Gesellschaft, Natur und Sachthemen. Das Kino ist ein Institution der Stadt.

Tonalität durch Sprache

Übersetzen verändert den Film und das Gefühl, das mitschwingt, die Tonalität ist eine andere. Im Original ist alles so, wie es gemacht wurde, wie die Schauspieler spielen und wie es der Regisseur ausdrücken will. Sprache kann bestimmte Stimmungen und Gefühle vermitteln: Japanisch klingt melodisch und dennoch hart; das ist Martial Art. Französisch ist elegant, Italienisch eher blumig; das sind Liebesfilme. Finnisch tönt trocken wie der Mann ohne Vergangenheit. Dänisch hört sich reduziert und schwarz an; das ist Adams Äpfel. Serbisch klingt zischend gesungen; das sind Emir Kusturicas Filme. Polnisches Fluchen würde ich als Fleisch hacken beschreiben. Schön ist das Original, Übersetzung bedeutet Verlust!

Dietmar trudelt herein, ein Mann mit weißen Haaren und Bart, seinen Pullover lässig über die Schulter gehängt. Er sieht aus wie der Sir des Innsbrucker Arthouse und hat es eilig: Abends hat er eine Filmpremiere im Leokino, ich stelle ihm 12 kurze Fragen:

Was ist das Besondere an Filmrollen?
Der Film wird so gezeigt, wie er gemacht wurde, und es erfolgt keine Reduktion durch ein Format. Das Digitale imitiert das Analoge nur, was dem zwar täuschend ähnlich sieht, aber nicht wirklich das Gleiche ist.

Warum legst du aufs Analoge so viel Wert?
Es eignet sich gut zum Archivieren; leider bekommt man nicht mehr alles Analog. Digitalisieren ist sehr teuer, ein Film kostet 20.000 bis 100.000 Euro.

Was für Formate gibt es?
70 mm ist das Überdrüberformat, 35 mm ist das normale Kinoformat, seltener gibt es 16 mm. Je größer das Format ist, desto besser ist die Qualität.

Was sagst du zum illegalen Download?
Den spüren wir bisher nicht, aber er wird sich irgendwann auswirken. Dieser betrifft zurzeit mehr die Kommerzkinos, obwohl sich sehr viele im Internet bedienen.

Stimmt es, dass jene, die heute Downloaden eh nicht ins Kino gehen? Oder, dass jene, die in Kommerzkinos gehen mehr downloaden?
Glaube ich nicht! Wir haben in den 90ern eine Umfrage gemacht bei der herauskam, dass jene Besucher, die am häufigsten zu uns kommen, auch ins Plexx (Kommerzkino) gehen.

Du bist einer der wenigen, die noch Filmrollen einlegen und damit den Cinematographen bedienen können? Was bedeutet das für dich?
Es ist etwas anderes, eine Filmrolle in der Hand zu haben. Ich bin mit ihnen aufgewachsen und verbinde sehr viele Gefühle damit. 70mm sind das Schönste für mich.

Ihr habt einen der letzten Cinematographen der Stadt. Was ist das für ein Gerät?

Die Maschine ist eine Phillips DP 70, entwickelt wurde sie 1954, das erste Mal aufgestellt 1955 in New York, Los Angeles und Chicago; weltweit gibt es nur 3.600 Exemplare davon.

Wer kann sie reparieren?
Ein Feinmechaniker aus Innsbruck, der sich damit auskennt und ein Spezialist für Magnetton aus Karlsruhe.

Werden solche Geräte heute noch hergestellt?
Ja, in vielen Ländern sind 35mm das gängige Format.

Und in Österreich?
Wir waren ein Versuchsland fürs Digitale, vorangetrieben von den Cineplexx-Kinos.

Was haltest du von den Kommerzkinos?
Sie verstehen ihr Geschäft sehr gut und für Alternativkinos ist es wichtig, dass es sie gibt: ohne Plexx keine Alternative.

Was wünschst du dir fürs Kino?
Dass die Menschen weiterhin ins Kino kommen und nicht nur digitale Raubkopien aus dem Netz ziehen. Kino ist ein tolles Gemeinschaftserlebnis und das kann es ruhig bleiben.

Projektionsraum

Wie im Raumschiff Orion oder der Enterprise sieht der Projektionsraum im Cinematopraph aus: “On Screen, auf den Schirm”, so Captain Kirk oder Picard.

Bleibt eigentlich nur noch, Dietmar Glück zu wünschen und ein Aufruf: Liebe Cineasten, geht’s ins Arthouse-Kino, damit es uns erhalten bleibt. In Innsbruck ist der letzte Cinematograph, das Gerät und das Kino mit Kult- und Museumscharakter.

Kontakt:
Cinematograph
Museumstraße 31
A – 6020 Innsbruck
T. +43 512 578500