Auf der Suche nach den Letzten ihrer Art kam ich diesmal zu einem Braumeister, der ein fruchtig bernsteinfarbenes Bier herstellt. Seit 1999 entsteht in der Brauerei Tiroler Bier das feinste Craft Bier der Stadt sowie Schnaps, Whisky und Bieressig.

Wir gehen vorbei am Stift Wilten hinter den Westbahnhof. „Hier kann das nicht sein“, meint Bloggerkollege Carlos, der mit mir zu Braumeister Harald Baumgartner geht. Eine Lagerhalle reiht sich an die andere, Züge werden neben uns am Gleis abgestellt, Bremsen quietschen. Das Rocky I Ambiente ist eigentlich ein passender Ort für eine Brauerei.

Auf einer Laderampe wartet Harald neugierig auf uns. Noch nicht ganz wissend, wer zu ihm kommt, grüßt er freundlich. Was Blogger sind und was diese so tun, weiß nämlich nicht jeder. Hinter dem elektrischen Garagentor stehen Gäste bei der Verkostung: Um 4 nachmittags das erste Bier tanken ist schon früh, aber geschmeidig. Direkt am Eingang steht ein Destiller, der von Harald emsig betreut wird – es duftet nach Schnaps. Er drückt uns gleich ein Bier in die Hand. Wir nehmen einen ordentlichen Schluck, den immer schönen ersten Schluck. Tochter Tamara und Sohn Niklas füllen leere Bierkisten mit Flaschen auf. Bei einem kühlen Bier jemandem beim Arbeiten zusehen hat etwas.

Carlos Philipp klein

Kurzen Prozess macht der Braumeister und lässt uns sofort kosten, über was wir mit ihm reden. Foto: Vil Joda.

„Mein Keller- oder Zwickel-Bier ist rein, natürlich, unbehandelt, nicht stabilisiert und unfiltriert,“ erzählt Harald. „Darum hält es nicht so lange wie Bier aus Großbrauerein.“ Bernsteinern ist die Farbe, es schmeckt fruchtig und vollmundig, der Alkoholgehalt ist etwas geringer. Gebraut wird nach der älteren Niedertemperatur-Methode, also untergärig bei 4-9 Grad Celsius. „Die Lagerung dauert damit 4-6 Wochen, in Industriebetrieben ist sie kürzer,“ sagt der Meister. Immer wieder übersetze ich ins Englische, denn Carlos ist aus Honduras. Harry produziert ein in Mode gekommenes Craft Bier, ohne es so zu nennen: Dabei legt man viel Wert auf die Variation des Geschmacks, oftmals entstehen ausgefallene Noten wie Gräser, Schokolade oder Vanille entfalten sich im Glas. Niemals hätte man Bier früher so beschrieben, sondern nur guten Wein. Die Bierkultur hat sich nun auch weiterentwickelt und ist sprichwörtlich gereift.

Seit 38 Jahren braut Harald Bier und er ist Braumeister. Früher kochte er noch im alten Adam Bräu und im Bürger Bräu der Stadt. Die Globalisierung hat auch hier das Ihre getan und so gab es die Brauereien bald nicht mehr. „Mit der Schließung stand für mich fest: Ich mache mich selbstständig.“ Seither versorgt er über 20 Lokale in Tirol mit ca. 100.000 Litern pro Jahr:  Darunter das 11er-Haus, das Goldene Dachl, der Bierwirt, das Crocodiles, die Wilderin, das Kröll oder das Anich. Auch in diversen Supermärkten ist es erhältlich.

Immer wieder schenkt er ein Bier aus, denn so langsam füllt sich die Halle mit Blick auf die Nordkette. Heute hat er Rampenverkauf. Neben uns am Tisch sitzen Pensionisten, eine Gruppe Jüngerer kommt herein und bietet sich als dankbares Fotomotiv. Für ein wenig Taschengeld gibt es eine Führung, dazu ein paar Bier und Brezen. So ein Bier am Nachmittag macht recht locker – auch Carlos und mich.

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Schnell wird es gemütlich und locker in der Lagerhalle mit der lustigen Gesellschaft. Foto: Vil Joda.

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Kann ein Schnapsl Sünde sein? Eher nicht, aber lustvoll trinken kann man es. Foto: Vil Joda.

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Hipster oder kein Hipster? Es hat schon etwas Abgehobenes, Urbanes und Dekadentes direkt in einer Stadtbrauerei zu verkosten. Dazu das passende Foto. Foto: Vil Joda.

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Na ja, das bin wohl ich. Foto: Vil Joda.

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Na ja, na ja, das ist wohl Carlos. Foto: Vil Joda.

Unser Braumeister ist ein Idealist, der nur das tut, was er gerne macht: Er braut gutes Bier, im Sommer frisches Pilsner, vergärt Essig, brennt Schnaps und den ersten und einzigen Single Malt Whiskey Tirols seit 1995. Verkauf und Marketing sind ihm nicht so wichtig – das Logo auf den Gläsern sieht nach Word Art aus. Auf Facebook findet man ihn nicht wirklich, seine Website ist antiquiert. Was zählt ist das Produkt und das schmeckt uns sehr gut. Eigentlich schafft es Harald, auf Konventionen ganz gut zu verzichten und verkauft sein Bier trotzdem. Er ist der letzte aktive Braumeister in Innsbruck.

Tipp: Der letzte Hutmacher oder der letzte Pfeifenbauer in Innsbruck verraten ebenso interessante Geheimnisse.

Harald Kessel klein

Bei der Führung durften wir in eine der Braukessel schauen, dort hinein, wo das feinste Innsbrucker Craft Bier entsteht. Foto: Vil Joda.

Produkte

  • Bier: Naturtrübes, unbehandeltes Keller- oder Zwickelbier, 12,3° Stammwürze, besteht aus Malz, Wasser + Hopfen und ist ohne Konservierungsstoffe nur 1 Monat gekühlt lagerfähig. Die Kohlensäure entsteht während der Lagerung und wird nicht zugesetzt. Vitamine (B6, B12), Spurenelemente und Mineralien bleiben zu 100% enthalten. Im Sommer gibt es herberes Pilsner. Produktionsmenge: 100.000 Liter pro Jahr.
    Diverse Hausärzte würden das Bier wegen des Vitamingehaltes unter vorgehaltener Hand sogar empfehlen.
  • Whiskey: Der „Tiroler Single Malt“ (42 Vol%) wird aus Malz mit Innsbrucker Gebirgswasser gebrannt und in Whisky-Limousine-Eichenfässern 3-10 Jahre gelagert. Produktionsmenge: 150 Liter pro Jahr seit 2005.
  • Schnaps: milder Tiroler Bierbrand (42 Vol%), Goldmedaillengewinner der Destillata 2003, hergestellt aus TIROLER Weizen- und Märzenbier. Für 60 Liter Bierschnaps mit 42 Vol% benötigt es etwa 1.000 Liter Bier. Produktionsmenge: 1.000 Liter/Jahr.
  • Essig: Rohstoff ist das Kellerbier, das zu einem 4,5%igen Essig vergoren wird, der hervorragend zu Tiroler Graukäse und Saurer Wurst passt. Produktionsmenge: 200 Liter/Jahr.
Schnaps Whiskey klein

Neben Bier gibt es Essig, Schnaps und den ersten Tiroler Single Malt Whisky. Foto: Vil Joda.

Öffnungszeiten/Hallenverkauf mit Verkostung:

Montag, Mittwoch, Freitag von 14.00 bis 18.00 Uhr
Preis: 10.- Euro
Inkludiert: Führung, Bier und Brezen.

PROST!

Koordinaten:
Harald Baumgartner
Feldstraße 11a
A-6020 Innsbruck
Tel.: +43 664 234 683 9
www.tirolerbier.at