Seine Kenntnisse des historischen Bergbaus in Tirol sind legendär. Er kennt die meisten der‚Knappenlöcher’ in Tirol, war Landesgeologe und führt seit 38 Jahren (!) Studenten der  Volkshochschule Innsbruck durch muffige, dunkle und vor allem enge mittelalterliche Stollen der einstigen Bergbaustadt Innsbruck. Sein Name: Peter Gstrein.

Die einen bezeichnen ihn als den ‚letzten Knappen‘ Tirols. Für andere ist er schon zu Lebzeiten eine Legende. Der Mann kennt die geologischen ‚Innereien‘ unseres Landes wie nur sehr wenige. Mehr noch: Er ist es auch, der gemeinsam mit seiner Schwester Marianne Brewel die uralte Prospektionstechnik der sogenannten ‚Venediger-Mandl’ wieder entdeckte. Und wer das Vergnügen hat, mit diesem hoch gebildeten Mann auf eine Stollen-Inspektion gehen zu dürfen, sollte diese Gelegenheit beim Schopf packen. Ich hab’ es getan und mit Peter ein ganz außergewöhnliches mittelalterliches Bergwerk inmitten von Innsbruck erkundet: den Maximilianstollen in St. Nikolaus.

Peter Gstrein, Bergknappe

Peter Gstrein in der Kleidung eines spätmittelalterlichen Erzsuchers. ©Knappenwelt Gurgltal Andi Tangl

Ich lernte Peter bei einem Projekt kennen, bei dem ich damals als Regionalentwickler indirekt mitgemischt hatte: der Knappenwelt Gurgltal. Als Experte brachte er seine Fach-Expertise ein. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen. So war es auch beim Knappenweg und Schaubergwerk Gand in St. Anton am Arlberg 

Der studierte Geologe als Romanfigur

Peter Gstrein gehört zu den wenigen Menschen, denen es vergönnt ist, bereits zu Lebzeiten als  Romanfigur ‚geadelt’ zu werden. Im ungemein spannend geschriebenen Roman Der Meister des Siebten Siegels von Johannes Soyener und Wolfram zu Mondfeld wird einem ‚Peter Gstein’ die Rolle des ‚Bergschrats’ und Schichtmeisters am Schwazer Falkenstein zugewiesen. Eine Rolle, die er in einem früheren Leben mit Sicherheit und großer Grandezza gespielt hätte. Das Buch ist eine Mischung aus frühzeitlichem Thriller, Fiktion und historischem Roman und beleuchtet die Zeit Mitte des 16. Jahrhunderts, als Tirol ein gutes Bergbaurevier gewesen ist. Und mit der Bronze-Kanonengießerei Löffler in Hötting eine High-Tech-Kanonenfabrik’ besaß, in der die zur damaligen Zeit modernsten und besten Kanonen der Welt gegossen wurden. 

Peter Gstrein im Maximilianstollen

Peter Gstrein im Maximilianstollen. ©W. Kräutler

Die Bergbaustadt Innsbruck

Apropos Bergbau in Innsbruck, genauer gesagt in Hötting. Es wird ja immer wieder behauptet, Innsbruck sei im Mittelalter eine regelrechte Bergbaustadt gewesen. Darauf gibt es jetzt eine eindeutige Antwort eines Experten: „Diese Frage muss mit ja beantwortet werden“, stellt Peter Gstrein unmissverständlich klar. Allein die Tatsache, dass Hötting bereits vor mehr als 4.000 Jahren relativ dicht besiedelt gewesen war, sei ein Indikator dafür. „Denn ein Verkehrsknotenpunkt war der Ort damals wie heute nicht.“ Bleibt bereits zu prähistorischen Zeiten als Erklärung eigentlich nur der Bergbau, der die Menschen hierher zog. Die Blütezeit des Bergbaus in Hötting lag dann aber allerdings zwischen 1450 und 1560. Das ist allein schon aus der Vortriebstechnik ersichtlich. Gstrein: Die Tatsache, dass alle Stollen noch mit Schlägel und Eisen in der klassischen Schrämmtechnik vorgetrieben worden sind, spricht dafür, dass sie vor 1600 errichtet worden waren.

Werner Kräutler, Peter Gstrein, Maximilianstollen

Ich hatte das große Vergnügen, von Peter Gstrein im Rahmen einer Studienführung durch den Maximilianstollen geführt zu werden. Bild: Tom Walli-Kofler

Silber als Triebfeder des Bergbaus

Was gab es denn eigentlich im Südabhang der Nordkette zu finden? Vor allem Arsenfahlerze, Verbindungen von Schwefel mit Kupfer, Arsen, Zink, Eisen und Silber. Genauso wichtig war der Bleiglanz, der in Hötting gefunden wurde. Denn er wurde benötigt, um aus den Fahlerzen das Silber ‚herauszubringen‘. Gstrein: „Ein Grund mehr, weshalb der Höttinger Bergbau ein ‚Liebling‘ der Landesherren war, die sich ja ganz besonders für das Silber interessierten.“

Höttinger Bild

Vis a vis der Wallfahrtskapelle am Höttinger Bild befindet sich heute noch eine Abraumhalde, die aus der einstigen Bergwerkstätigkeit stammt. ©W. Kräutler

Gramart Kapelle

In Gramart ging’s nicht immer so ruhig zu wie heute. Vor 450 Jahren war es ein regelrechtes Bergbauzentrum. ©W. Kräutler

Die Verhüttung der Erze nahm allerdings Ausmaße an, die Kaiser Maximilian zum Handeln zwang. Die vor allem in Gramart aufbereiteten Erze wurden zuerst ‚an der Sull‘ – der Sill – in der Kohlstatt, der heutigen Jahnstraße in Dreiheiligen, verhüttet. Wie eine Dunstglocke legte sich der übel riechende und vor allem giftige Hüttenqualm meist nachmittags über die Stadt. Grund genug für den Kaiser, das Hüttenwerk an den Mühlauer Bach zu verlegen. Und um das aus dem Tiroler Oberland kommende Bleierz dorthin zu karren, war es allerdings nötig, einen Zubringerweg zu errichten: den heutigen ‚Hohen Weg‘.

Wie fanden Erzsucher im Mittelalter die begehrten Metalle?

Ich habe mich immer wieder gefragt, wie es den Erzsuchern des Mittelalters gelungen ist, ‚Erzadern‘ aufzuspüren. Vor allem dann, wenn diese erst tief im Fels erreicht werden konnten. Die Arbeiten von Peter Gstrein und Marianne Brewel beleuchten auch dieses Kapitel der Geschichte.
Man kann sich diese ‚Prospektion‘ als eine Mischung jahrelanger Erfahrung, ausgezeichneter Kondition, bester Beobachtungsgabe und exakter Kenntnisse von Zeichen in der Natur vorstellen. Wenn ‚verdächtiges‘ Gestein in einem Graben, wie zum Beispiel im Höttinger Graben, bei einer Begehung durch einen Erzsucher gefunden wurde, begann das detaillierte Suchen. Grabenaufwärts bis keine ‚verdächtigen‘ Steine mehr auftauchten. Da musste also irgendwo die Erzader an der Felsoberfläche sein.

Der deutsche Gelehrte Georg Bauer, der sich Georgius Agricola nannte, beschrieb auch die verschiedenen Prospektionstechniken der ‘Venedigermandl’. Bild: Wikipedia

Das Wissen der Venedigermandl’

Im Sommer waren es Pflanzen, die den sogenannten ‚Venedigermandln‘ wichtige Hinweise lieferten. Im Herbst Orte, an denen der Schnee, wenn es zu schneien beginnt, anfangs nicht liegen bleibt. Der Grund dafür kann eine leichte Erwärmung des Bodens durch Oxydationsvorgänge im unterliegenden Erz sein. Die Metallsucher wurden übrigens deshalb in Tirol ‚Venedigermandl’ genannt, weil die Republik Venedig Spezialisten beschäftigte, die ausschwärmten, um in den Alpen gezielt nach Erzen zu suchen. Denn die Seerepublik hatte als Handelszentrum riesigen Bedarf an Metallen aller Art.

Der Maximilianstollen am ‚Hohen Weg‘

Selbst für alteingesessene Innsbrucker mag es überraschend klingen, dass sich im Gestein zwischen Inn und Hungerburgplateau drei Stollen befinden. Zwei sind immer noch verschollen, Teile des ‚Maximilianstollens‘ existieren noch heute. Er war ein riesiges Verlustgeschäft. Aber die damals Regierenden waren gewillt, das hinzunehmen. Weshalb das? Und: Was war nun der Grund, weshalb ausgerechnet hier in der Nordkette nach Erzen gegraben worden war, die dann doch nicht gefunden werden konnten?

‚Glaserze‘ beim Straßenbau entdeckt

Die Verlegung der Verhüttung von Dreiheiligen nach Mühlau bedurfte eines neuen Zufahrtsweges zur Erzverhüttung. Kaiser Maximilian ordnete den Bau eines ‚Neuen Weges‘ an, der heute fälschlicherweise ‚Hoher Weg‘ genannt wird. Die nötigen Felsarbeiten führten Schwazer Knappen durch, denen im Zuge der Arbeiten an einer Stelle sogenannte ‚Glaserze‘, also silberhaltiges Gestein, aufgefallen war. Das sind Erzminerale mit einem Silbergehalt von über 50 Prozent. Im Vergleich dazu: Die Schwazer Fahlerze halten etwa 0,5 Prozent Silber im Erzkonzentrat. Der Fund der Knappen war denn auch die eigentliche ‚Geburtsstunde‘ des Maximilianstollens.

648 Meter Stollen händisch aus dem Fels gehauen

Für Peter Gstrein ist der Maximilianstollen ein mustergültig geschlagener Schrämmstollen, der viel über die damalige Vortriebstechik verrät. Sein Querschnitt schwankt zwischen 0,45 – 0,60 Meter Breite und 1,6 – 2,2 Meter Höhe. Seine Länge: 648 Meter. „Neuzeitliche Proben erbrachten bezüglich Zink, Kupfer, Blei und Silber keinerlei Gehalte“, erzählt Gstrein. Hatten sich die Bergbauspezialisten des Mittelalters getäuscht? Nicht wirklich, meint Gstrein. Denn alle Indikatoren der mittelalterlichen Geologen wiesen auf Erze hin. Bei einer neuzeitlichen Untersuchung durch Peters ‚Bergschwester’ Marianne Brewel fanden sich allerdings nur an einer Stelle Spuren von Glaserzen in Form von Silberglanz.

Der Maximilianstollen: Händisch von den Knappen mit Schlägel und Eisen aus dem Fels geschlagen. Die Spuren dieser schweißtreibenden Tätigkeit sind heute noch sichtbar. ©W. Kräutler

Primär war der Bergbau auf Arsenfahlerze mit rund 1 Prozent Silbergehalt ausgerichtet. Das Auftreten von Bleiglanz wurde damals ‚glückliche Fügung’ genannt. Da die berühmten Kupfer- und Silbererzbergbaue von Schwaz-Brixlegg für die Silbergewinnung große Mengen an Bleierzen benötigten war eine der Triebfedern für den Bergbau in Hötting. Die Bleierze aus dem Raum Imst-Nassereith konnten damals auf dem Wasserweg innabwärts zwar recht günstig transportiert werden. Die Erwartung von Bleierzen vor Innsbrucks Toren war für den Landesfürsten dennoch sehr verlockend, weil keine Transportkosten anfallen würden.

Schacht im Maximilianstollen

Hier wurde Erz gesucht im Maximilianstollen. ©W. Kräutler

Der Maximilianstollen war ein Fass ohne Boden

Auch wenn die Knappen auf ihrem Vortrieb nie auf abbauwürdiges Erz stießen, blieben jahrelang alle Zeichen verheißungsvoll. Dementsprechend hoch fielen auch immer wieder die Finanzspritzen des Fürsten für den Grubenvortrieb aus. Waren doch die Gesteinsschichten ähnlich jenen, in denen weiter westlich in Hötting Erze gefunden wurden.

So blieb denn – neben den Kosten – auch die Erwartung hoch.  „…Wenn bei dieser Grube etwas erbaut wird, wie sie es bei Gott dem Allmächtigen erhoffen, wir es dem ganzen Höttinger Berg ein rechtes Licht geben und dem Bergbau ein großes Aufnehmen bringen…“ heißt es in einer – die Zukunft rosig darstellenden – Aktennotiz an den Fürsten. Allein, die Planung, im Dolomitgestein Erze zu finden, erwies sich schlussendlich als Pleite. Die Suche wurde um das Jahr 1560 völlig eingestellt, da ein weiterer Vortrieb zur damaligen Zeit technisch nicht mehr möglich war.

Jaheszahl im Maximilianstollen

Hier hatten Knappen die Jahreszahl vermerkt. Zehn Jahre später war Schluss. ©W. Kräutler

Für all jene Glücklichen, die Peter Gstrein in diesen Stollen bei seinen Untersuchungen begleiten dürfen, ist es ein Eintauchen in eine heute beinahe vergessene Vergangenheit Innsbrucks. Wie viel Arbeit hier von den Knappen erbracht worden ist, kann daraus ermessen werden, dass ein Knappe in einer Schicht den Stollen um maximal 3 Zentimeter ‚verlängerte’. 

Wer diesen Stollen einmal von innen gesehen hat, bekommt eine Vorstellung davon, was es hieß, vor rund 400 Jahren Bergknappe gewesen zu sein. Und hat tiefen Respekt vor deren Arbeit.