Schon vorweg: es werden (vermutlich? wahrscheinlich!) Klischees bedient, die sich seltsam vertraut, seltsam wahrheitsgetreu und seltsam gegenwärtig anfühlen. Klischees, die vielleicht gar keine sind? Ist es denn möglich, dass der Innsbrucker Mann, der Mann im Gebirg‘, der urbane Alpinist denn tatsächlich den Prototyp eines Männer-Klischees darstellt? Eine liebevolle Analyse.

Der legendärste Mann der Tiroler Filmgeschichte, Joe – genial: Tobias Moretti – in der Piefkesaga weinte sich schon bei Elsa, der Mutter seiner deutschen Freundin aus. Gedemütigt fühlte er sich von den Frauen, seine zarte Seele würden sie nicht verstehen, er ist in seinem Stolz verletzt, der Liebe entsagend. Ja, die Männer des alpin-urbanen Raumes fühlen sich leicht auf den Schlips, ähm Ski, getreten. Wehe dem, der sie ungerecht behandelt, womöglich in ihrem Handeln kritisiert. In ihren eigenen Augen sind sie nämlich die ehrlichsten und geradlinigsten Typen von Welt (auf eine Weise, die man natürlich nur als „very sophisticated“ bezeichnen kann). Wenn sie lieben, dann lieben sie richtig. Außer es hat Neuschnee. Oder Firn. Oder es scheint die Sonne. Naja, der Innsbrucker hat es nicht leicht mit all den alpin-urbanen Möglichkeiten. Sagen wir mal so: ein Innsbrucker Freund/Lebensgefährte/Ehemann zu sein, ist mitunter ein mühsamer Halbtagsjob.

Und täglich grüßt das Murmeltier.

Morgens, um sieben. Meine bessere Hälfte ist kein Morgenmensch (außer bei Neuschnee, Firn und Sonne respektive nicht arbeiten müssend oder sonstige Erledigungen machend, die nicht direkt mit der individuellen, männlichen Tagesplanung zu tun haben). Trotzdem macht ER ein fulminantes Frühstück (Man(n) ist emanzipiert). Der Innsbrucker liebt sein Morgenmahl. Wie den Frauen ihre Schuhe, kauft der Innsbrucker „Gourmet“ – vorzugsweise in der Innsbrucker Markthalle, in der Fleischboutique von Hörtnagel oder auf dem Bauernmarkt in Wilten. Kaffee mit frischer Tiroler Vollmilch, Pitztaler Bauernbrot mit dicken Scheiben Speck und Bergkäse und – natürlich – ein überglückliches Bauern-Ei. Wem dieses exorbitante Mahl in der Früh um sieben nicht zusagt, wird kritisch beäugt. Ist sie krank? Viel schlimmer noch, liebt sie mich nicht mehr? (… früher hast du doch immer mein Frühstücksei gegessen?…) Der Innsbrucker Mann muss in seinem kulinarischen Handeln liebevoll bestätigt werden – immerhin ist er von einem Gourmettempel der Innsbrucker Innenstadt in den nächsten gesprungen (wie er mehrmals betont und erzählt) und hat im letzten Bio-Bauernhof der Stadt die Eier eigenhändig den Hennen unter dem Gefieder weggeklaut. Vermeintliche „Weiba“-Angelegenheiten wie Lebensmittelkauf, Kochen etc. werden somit zur Chefsache. Mein Held.

Arbeiten auf zwei Rädern.

Meine bessere Hälfte, der Innsbrucker, verlässt das Haus. Man startet früh in das Büro, am besten so, dass man acht Stunden später mitten am Nachmittag schon auf Mountainbike hockt, auf ein paar Bier auf die Höttinger Alm – im Männerradkonvoi – oder mit dem Rennrad auf den Brenner fährt – im Männerkonvoi – inklusive Pizza und ein paar „Achterlen“ Rot. Sollte sich das aus unerfindlichen Gründen nicht ausgehen, dann tut es auch der Bizeps-Sport im Bierglas-Heben. In Innsbruck neuerdings bei Craft-Bier im Tribaun. Der Innsbrucker Mann ist trendmäßig im Bilde, wenngleich er alles was aus München über das Karwendel schwappt, erstmals kritisch beäugt. Mehr noch, ausgiebig diskutiert und gleichzeitig ausgiebig konsumiert.

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Stilfunktionen.

Allerdings folgen auch diese, äußerst wichtigen Milieustudien einem gewissen Dresscode. Wer bei dem klassischen Innsbrucker den dünn angezogenen Berliner Hipster vermutet, liegt gänzlich falsch. Denn der Innsbrucker unterscheidet sich in seinem Kleidungsstil schon merklich vom sogenannten „Flachland-Tiroler“. Zum einen weiß man(n) nie ob im Laufe des Tages auf der Seegrube womöglich Neuschnee fällt, es im Kühtai auffirnt oder in den sogenannten Innsbrucker Feriendörfern die Sonne hervorkommt. Für diese Eventualitäten trägt der Innsbrucker Funktionskleidung – die heutzutage durchaus gängigen modischen Richtlinien entsprechen. Vor allem im Herbst schlagen sich die Neonfarben mit dem bunten Herbstlaub besonders gut. Modischer Bonus: Lederschuhe im Bergstiefel-Stil sind seit der Mailand Modewoche Winter 2015 wieder im Trend.

Aus dem Regen in die Traufe.

Mehrmals in der Woche betont meine bessere Hälfte, der Innsbrucker, dass es kein schlechtes Wetter gäbe, sondern nur schlechte Kleidung. Allerdings ist ER ein gern gesehener Gast der Couch – wenn es regnet oder Wacker Innsbruck spielt oder Skirennen übertragen wird. Oder Skispringen, Tour de France, die Piefkesaga und James Bond. Bildungsfernsehen für den Innsbrucker Mann eben. Wo wir wieder bei einem der Lieblingsthemen der Innsbrucker Männer wären: dem „Umstand“ Wetter. In Zwischensaisonen (in sportlicher Hinsicht) fährt der Innsbrucker nämlich gerne auf Urlaub, zum Surfen, Windsurfen und Kitesurfen wohingegen den sportlichen Hochsaisonen eine Urlaubssperre aufliegt (außer mit den anderen Innsbrucker Männer zum Windsurfen und Kitesurfen an das Gardameer im nördlichen Italien).
Fazit: Wer einen Innsbrucker Mann liebt, hat das große Los gezogen. Es wird nie langweilig und bleibt immer rau-charmant liebevoll. Denn wenn der Innsbrucker Mann liebt, dann liebt er richtig. Und wir lieben zurück.

Illustration: Niña Lerch