“Ich bin ich, und ich bin nicht perfekt.”

So lautete eines von vielen intelligenten Statements der bezaubernden Conchita Wurst am Samstag, den 12. Juli 2014 in Innsbruck. Die Gewinnerin des Eurovision Song Contests gab ein Gratiskonzert am Sparkassenplatz. Davor begleiteten wir den Star bei einer Sightseeingtour durch Innsbruck. Unser Blogger, Henrik Eder – selbst Szeneinsider – war live dabei.

Unterwegs durch die Innsbrucker Altstadt meint ein männlicher Passant mittleren Alters: „Conchita, wenn es mehr solche Menschen wie dich geben würde, dann wäre diese Welt eine friedlichere.“ Genau das ist auch meine persönliche Überzeugung und als Teil des schwul/lesbischen bzw. transgender Lebens in der Landeshauptstadt sehe ich die Einladung der Wurst als klares Statement von Innsbruck für eine tolerante und weltoffene Stadt und auch als eine Chance jungen Burschen und Mädchen den oft schwierigen Outing-Prozess durch sichtbare Zeichen in der Öffentlichkeit zu erleichtern. An die 5000 Menschen am Sparkassenplatz, auf Innsbrucks Straßen und im Hotel aDLERS outen sich als Conchita Fans und jubeln unserer Song Contest Gewinnerin zu. So viel Begeisterung – das war nicht immer so.

Conchita Sparkassenplatz

An die 5000 Menschen jubelten Conchita am Sparkassenplatz in Innsbruck zu.

2012 höre ich zum ersten Mal von Conchita Wurst. Anfänglich ist mir der neue Künstlername vom sympathischen Starmania-Finalisten Tom Neuwirth nicht sehr genehm. Eigentlich denke ich mir sogar – ein furchtbarer Name. Auch frage ich mich, ob ein Mann in Frauenkleidern und mit Bart, der heimischen Schwulenszene und den diversen Diskussionen wie Adoptionsrecht oder Verpartnerung am Standesamt förderlich ist oder eher negative Ressentiments schürt.
Dann folgt der doch ziemlich überzeugende Auftritt von Frau Wurst bei der österreichischen Vorausscheidung zum Eurovision Song Contest 2012. Leider unterliegt die umstrittene Interpretin den Trackshittaz – wenn auch ganz erdenklich knapp. Aber es hat damals wohl so sein müssen, um 2014 den Sieg des weltweit größten Musikwettbewerbs nach Österreich zu holen. Spätestens in den Wochen und Monaten vor dem heurigen Song Contest Spektakel wird mir Conchita Wurst unglaublich sympathisch.

Es ist eben wurst (egal), wie Mann/Frau sich nennt oder kleidet oder liebt …

In allen Interviews besticht Tom Neuwirth in seiner Kunstfigur mit ausschließlich eloquenten, charmanten und intelligenten Antworten. Und plötzlich hat der Name Conchita Wurst auch einen Sinn für mich bekommen. Denn es ist eben wurst (egal), wie Mann/Frau sich nennt oder kleidet oder liebt … Schlussendlich zählt nur der Mensch. Die Erfolgsgeschichte von Conchita Wurst beim 59. Eurovision Song Contest in Dänemark ist bekannt. Österreich hat eine neue Glamour Queen. Die Kunstfigur von Tom Neuwirth polarisiert nach wie vor, wird geliebt aber auch gehasst und alleine diese Tatsache unterstreicht die Bedeutung der Erfindung von Frau Wurst.

Am Samstag hab ich Conchita vor ihren Auftritten im „Adlers“ und am Sparkassenplatz begleiten dürfen. Als die elegante Erscheinung bei der Ottoburg (samt Manager René) aus dem Taxi steigt, sind sofort zahlreiche fotografierende Fans zur Stelle. Vor dem Goldenen Dachl beweist Frau Wurst ganz spontan ihren lockeren, ungezwungenen Umgang mit unterschiedlichsten Fans. Begrüßt wird die mit 104 Jahren älteste Innsbruckerin und bekennender Wurst Fan Wiltrud Loacker genauso wie die blinde Claudia, die mit Conchita sogar kurz auf Tuchfühlung gehen darf. Auch für die Kinder bleibt Zeit für wurstige „Handshakes“. Bei Swarovski wird unser Song Contest Wunder mit Ohrringen beschenkt, welche Jennifer Lopez in einem ihrer Musikvideos getragen hat. Die trockene Antwort einer hocherfreuten Conchita: „Warum hat sie denn die wieder hergegeben?“ Danach die Ankunft am Sparkassenplatz, wo tausende Fans warten und jubeln.

Nach dem Travestie-Vorprogramm mit den „Mannequins“ singt die Wurst ihre fünf Songs, Chers „Believe“, Tina Turners „Simply The Best“, den Song zur Song Contest Vorausscheidung 2012 „That‘s What I Am“ und natürlich den Song, welchem Österreich nach 48 Jahren zum zweiten Mal die Ausrichtung des Song Contests zu verdanken hat „Rise Like A Phoenix“. Dann folgt noch der Song den Conchita Wurst als Start ihrer Karriere bezeichnet, Celine Dions „My Heart Will Go On“. Tosender Applaus und „unstoppable“ Conchita Rufe werden mit einer „Rise Like A Phoenix“ Zugabe belohnt.

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Hunderte Autogramm werden noch geschrieben, dann entschwebt Conchita Wurst Richtung Adlers. Dort wird sie noch einmal auf der Bühne stehen, als Stargast einer „Night Of Tolerance“. Erneut gilt es hunderte Fans zufrieden zu stellen und im Rahmen einer Pressekonferenz mehr oder weniger originelle Fragen der heimischen Journalisten zu beantworten. Die Frage, ob Innsbruck wirklich der beste Austragungsort für das Eurovision Song Contest Spektakel 2015 sein wird, hat die Sängerin diplomatisch abgehandelt: „Jede Stadt hat ihren Charme“ und ergänzt, sie hätte sowieso keinen Einfluss auf die Entscheidung. Betont wird noch, dass sie sich zwar nicht als Schwulenikone sieht aber immer für ihre „Familie“ da sein wird. Dass Conchita Wurst nach wie vor polarisiert mag sein – in Innsbruck hat sie primär berührt!

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Weitere Blogs über die schwul/lesbische bzw. transgender Szene in Innsbruck könnt ihr ab sofort auf unserem Blog verfolgen.

 

Bilder: Daniel Haslwanter