I can’t breathe. Am 25. Mai erstickt in Minneapolis ein Mann. Neun lange Minuten kniet der Polizist auf dem Nacken von George Floyd. Drei weitere Polizisten stehen tatenlos in unmittelbarer Nähe. Zurufe besorgter Passanten werden bewusst ignoriert. Nach 526 Sekunden ist George tot. Irgendwer hat das alles gefilmt. Weltweit gehen die Menschen gegen Polizeigewalt auf die Straße. Auch in Innsbruck: Black Lives Matter. Denn George war schwarz. What else.

No justice, no peace.

Schweigeminute für Gerechtigkeit am Innsbrucker Landhausplatz.

Schweigeminute für Gerechtigkeit am Innsbrucker Landhausplatz.

15.000 am Times Square in New York. 15.000 auch am Alexanderplatz in Berlin. 50.000 am Platz der Menschenrechte in Wien. Gut 4.000 Teilnehmer*Innen versammeln sich am vergangenen Samstag auch am Landhausplatz in Innsbruck. Viele in schwarz gekleidet, die meisten mit Maske und auf Abstand. Die Wortmeldungen auf der kleinen Bühne werden zart mit Trauerklängen unterzaubert und von dunkelhäutigen Brüdern und Schwestern verlesen.

Bedrückte Stimmung, denn man erinnert auch an Marcus Omofuma, der 1999 von österreichischen Polizisten getötet wurde. Mit Klebeband an einen Stuhl gefesselt, wurden ihm Mund und Nase verklebt – auch du Österreich, never forget. I can’t breathe weckt da dunkle Erinnerungen und zwanzig Jahre her fühlt sich heute wieder an wie gestern. Die Schweigeminute zähle ich langsam mit. 60 Sekunden sind lang. 526 müssen endlos sein. Ein kalter Schauer auf meinem Rücken. Viertausend Menschen knien in stillem Protest auf dem harten Steinboden. Die Fäuste zum Himmel, denn wir sind wütend.

One world, one love.

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Pro Libertate Austriae Mortuis mahnt in großen Lettern das Denkmal am Landhausplatz. Zu Deutsch: Denen gewidmet, die für die Freiheit Österreichs ihr Leben ließen. Es gäbe wohl keinen besseren Ort an rassistisch motivierte Willkür zu erinnern als diesen. Irgendwo verständlich, dass der öffentliche Aufschrei in Österreich und Innsbruck lauter ausfällt als im Rest Europas, sogar lauter als in Berlin. Im Schatten des monumentalen Kriegerdenkmals am Landhausplatz wirkt unser Protest heute sogar fast etwas zynisch, denn es sind vornehmlich junge Menschen versammelt und keiner kannte die Altnazis von damals persönlich. Umso wichtiger wird die Erinnerung, umso ernsthafter unser Protest. Wichtig ist die Botschaft, sagt auch der Bischof, segnet unsere Revolution und wir spazieren eine heilige Friedensschleife durch die kleine Stadt am Inn.

Black Lives Matter.

It don’t matter if you’re black or white, sang Michael Jackson, färbte sich dann doch von Schwarz auf Weiß um und brachte das Thema damit erst recht aufs massenwirksame Pop-Parkett. Heute sind Michael, Marcus und George tot. They don’t really care about us, sang der King of Pop damals und hat damit heute leider immer noch ziemlich recht. So lange es keine Gerechtigkeit für unsere Brüder und Schwestern gibt, wird es auch keinen Frieden geben (no justice, no peace). Und weil mich die erhobene Faust der BLM-Bewegung auch ein bisschen an  das Cover von Metallica’s St. Anger erinnert, schließe ich meinen Protest (vorerst) mit einer nachdrücklichen Empfehlung des Wutbürgers James Hetfield: Open mind for a different view, and nothing else matters.

Fotos: © Chris Weit