Habt ihr den ‚hängenden Garten‘ hoch über der Amraserstraße in unmittelbar Nähe des Leipziger Platzes  schon einmal bestaunt? Und euch vielleicht gefragt, was denn alles in luftiger Höhe vor sich hin wuchert? Ich weiß es. Denn mein Vorteil ist, den urbanen ‚Dschungelboss‘ persönlich zu kennen. Dr. Franz Koch ist ein enger Freund aus Studenten- und legendären Wohngemeinschafts-Tagen.

Amraserstraße

Der Dschungelbalkon in der Amraserstraße ist ein echter Blickfang. ©Werner Kräutler

Plakativer als mit einem Dschungelgarten inmitten einer Stadt kann man seine Liebe zur Natur kaum dokumentieren. Was  gesagt werden muss: Mit ‚vollen Hosen ist leicht stinken’. Franz Koch studierte Zoophysiologie und forschte danach auf der Uni Innsbruck. Da ist schon Wissen vorhanden. Schon zu WG-Zeiten glich sein Zimmer denn auch einem Zoo mit Dschungelcharakter. Legendär war ein Vorfall, bei dem sein Aquarium mit mehreren hundert Liter Wasser zerbrach als er gerade auf Urlaub war. Die unten liegende Wohnung wurde quasi ‚geflutet‘.

Der Dschungel im zweiten Stock. ©W. Kräutler

Sein Faible für Fische, Reptilien und Amphibien hat in all den Jahren nicht nachgelassen. So ist der Dschungel auf seinem Balkon lediglich die Spitze eines Eisbergs. Denn dessen wahre Dimension verbirgt sich hinter den dicken Mauern des Gründerzeit-Hauses in Pradl. Ich will hier einige Geheimnisse lüften.

Selbstversorger mit Tomaten und Melanzani

Franz Koch hat es offenbar schon immer geahnt: Irgendwann könnte es aus sein mit Reisen. Entweder aus Altersgründen oder wegen einer Pandemie. Da ist’s von Vorteil, sein eigenes Balkonien zu haben. Für ihn war es zudem nie eine Frage, Tiere und Grünzeug um sich zu scharen. Da ‚Platz auch in der kleinsten Hütte’ ist, verlegt er den Dschungel während des Sommers auf den rund sechs Quadratmeter großen Balkon seiner Wohnung. Ein wahrhaft ‚hängender Garten‘ in der Amraserstraße.

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Von diesem Dschungel kann er sich teilweise sogar ernähren: Rund 30 kg Tomaten, 20 kg Melanzani, gleich viel Zucchini, Kräuter, diverse Salate und allerhand andere Gemüsesorten werfen Ernteerträge jenseits von Gut und Böse ab. Ganz zu schweigen von den süßen Früchten. Er erntet jährlich in nicht unerheblicher Anzahl Marillen, Nektarinen und Kirschen. Das muss man sich einmal vorstellen. Insgesamt, so sagt Franz, gedeihen heuer 56 verschiedene Pflanzen auf seinem Balkon. Deren Samen er übrigens auch von der Arche Noah bezieht. 

Kirschen, Marillen und Nektarinen aus Balkonzucht

Wer ahnt schon, dass auf dem Balkon auch Obstbäume wachsen? Zum Marillen-, Kirsch- und Nektarinenbaum gesellt sich eine große und ertragreiche Weinrebe. Früher hatte er noch einen eigenen ‚Balkonien-Wein‘ gekeltert. Es handelte sich um eine wahrhafte ‚Rabiatperle’. Jetzt genießt er die süßen Früchte ohne Alkohol. Als die Spitze des Nektarinenbaums einst abgebrochen war, konnte er 56 Früchte ernten. Den Kirschbaum schnitt er ab, weil er bei der Ernte nicht das Risiko eingehen wollte, vom Balkon abzustürzen.

Eselmist ist das Geheimnis des Ernte-Ertrages

Wie hält er aber seine Pflanzen so auf Trab, dass sie nicht nur wunderbar gedeihen, sondern auch noch reichliche Erträge abwerfen? „Mit Eselmist und verdreckter Schafwolle“, sagt Franz. Vor einigen Jahren war’s noch Pferdemist. „Ich bin auf Eselmist umgestiegen, weil Pferde sehr viel Kraftfutter erhalten, das sich nachteilig auf die Qualität des Mists auswirkt.“ Und Schafwolle? „Die muss so richtig verdreckt sein“, lacht er. Und wenn diese Mischung mit Blumenerde vermengt rund einen Monat vor der Aussaat vor sich hinrotten kann, wird die Ernte auf alle Fälle gut. Heuer machte ihm Corona beinahe einen Strich durch die Rechnung: Den Mist und die Schafwolle konnte er mit Müh und Not organisieren. Aber die Blumenerde war restlos ausverkauft. Nur seine guten Kontakte zu einschlägigen Händlern retteten ihm die Pflanz-Saison und somit die Ernte 2020.

Die faszinierende Welt hinter dem Dschungelbalkon

Wer den Balkon hinter sich lassen kann und die Wohnung betritt, wird sich verwundert die Augen reiben. Man betritt als Besucher ein Reich, in dem es gluckst und plätschert. Aus Aquarien und Terrarien werden Besucher von dutzenden Augen prüfend verfolgt. Tierlaute erinnern an Feuchtgebiete. Amphibien sind es, die zur Sicherheit meist untertauchen, wenn Fremde das  ‚Hinterland‘ des Dschungelbalkons betreten. Reptilien hingegen verharren aus Tarngründen regungslos. So etwas gibt es wohl kein zweites Mal mehr in Innsbruck.

Das ‘Dschungelzimmer’ mit dem Tropen-Feeling. ©Werner Kräutler

Franz Koch züchtet auch die wunderbaren Laubfrösche. ©F. Koch

Eines der Chamäleons. ©F. Koch

Eine Schildkröte namens Solef treibt hier ihr Unwesen

Franz Koch ist seinem Hobby und seiner Berufung immer treu geblieben. Schon vor 45 Jahren hielt er in unserer WG Amphibien und Reptilien sonder Zahl. Auch heute noch fehlen weder Chamäleon, Laubfrosch noch Gelbbauchunke. Und wie in seinen Wohnungen üblich, tummelt sich eine Land-Schildkröte am Boden, die Franz auf einer seiner Reisen südlich des Atlasgebirges im wahrsten Sinn des Wortes vor der Pulverisierung gerettet hatte. Solef, so heißt das stattliche Tier, zwickt heute Besucher in die Zehen und frisst der Katze Luna mit Vorliebe deren Futter weg. Franz erstand Solef als Baby-Schildkröte vor 22 Jahren in einem Gurkenglas, wo sie ihrer Austrocknung harrte. Denn Schildkrötenpulver ist in Marokko ein Medikament in der Volksmedizin.

Solef, die Schildkröte

Solef, die Schildkröte

Tropen-Feeling in der Amraserstraße

Gemütliche Sitzecken unter überquellenden Bücherregalen lassen Tropen-Feeling aufkommen. Bei einer Tasse Tee fühlt man sich hier etwa so, wie dies einst Reiseschriftsteller besungen hatten. Safari-Stimmung irgendwie. Fehlen nur noch die typischen Urwaldlaute. Wenn da nicht die allgegenwärtige, riesige Modell-Eisenbahnanlage wäre, die quasi in jedem Zimmer der Wohnung auf einen Bahnhof trifft. Sie ist ein prägender Bestandteil des Interieurs. Einzigartig und surreal.

Franz Koch

Dr. Franz Koch vor einem der Bahnhöfe seiner Modelleisenbahn. ©W. Kräutler

Eine Modelleisenbahn mit 200 Meter Schienen beherrscht die Wohnung

Als er 1978 begann, eine Modelleisenbahn mit Spurgröße N mit einer Spurweite von 9 mm zu errichten, ahnte er selbst nicht, wie sich sein Hobby einmal entwickeln wird. Heute sprengt seine Anlage alle Dimensionen. Sein ‚Schienennetz‘ ist gesamthaft 200 Meter lang und benötigt 80 Weichen. Dadurch, dass die gesamte Fahrstrecke in acht Blöcke unterteilt ist, gibt es keine Zusammenstöße mehr. Die längste zu fahrende Runde ist 45 Meter lang.

Damit die Anlage in allen Räumen vertreten ist, durchbrechen Tunnel die Zimmerwände. Sogar in der Außenwand gibt es eine längere Tunnelstrecke. Lediglich die Küche wird von der Anlage nicht ‚bedient‘. Er nennt mehr als 200 Miniatur-Lokomotiven sein Eigen.

Einer der zahlreichen Tunnel der Modelleisenbahn ©Werner Kräutler

Der Streit um’s Futter

Dass die Schildkröte Solef indes der eigentliche Herrscher über Balkonien ist, kann man bisweilen sogar hören. Dann nämlich, wenn sich die Katze Luna lautstark aufregt, dass sie vom stark gepanzerten Tier wieder einmal vom Fressnapf vertrieben worden ist. Und Solef das Katzenfutter anstelle der Samtpfote in sich hineinwürgt.

Es sind offenbar die Gesetze des Stadt-Dschungels.