In den vergangenen 20 Jahren hat sich das Bestatter-Gewerbe Tirols grundlegend verändert. Trauerbegleitung und Verstorbenenversorgung erweitern heute das Angebot für Trauernde. Die Zeiten des reinen Sarglegens und der Organisation der ‚Pompes-Funèbres‘ samt Blumengebinde sind endgültig vorbei. Eine Veränderung, die übrigens in Tirol entstand.

Christine Pernlochner-Kügler heißt die Frau, die mir auf Facebook immer schon aufgefallen war. Wer ihre Seite zum ersten Mal ansteuert reibt sich verwundert die Augen. Ihr Profilbild zeigt sie – umgeben von aufgestapelten Särgen – in einem Sarg stehend mit geschlossenen Augen. Das ist ihrem Beruf geschuldet: Sie ist Bestatterin in Innsbruck. 

Ungewöhnlich präsentiert sich Pernlochner-Kügler auf ihrer Facebook-Seite. Bild: I.Neumair, Bestattungundmehr/ Bernhard Aichner

Seit kurzem ist Christine auch Autorin eines bemerkenswerten Buches: „Du stirbst nur einmal, leben kannst du jeden Tag“ nennt sie ihre soeben im Goldegg-Verlag erschienene ‚Beschäftigung mit dem Tod‘. Die am Buchcover rot eingefasste Behauptung „Der Tod macht lebendig!“ ist ein Hinweis auf die schillernde Persönlichkeit der Autorin, die lange Jahre von einem Monster namens ‚Tod‘ in Angst und Schrecken versetzt worden war. Das Buch – ich sollte eher von einem Ratgeber reden – handelt von Trauerbewältigung und respektvoll-schönem Verabschieden Verstorbener. Also quasi vom Abschiednehmen 2.0.

Bestatterin mit Doktortitel

Wie wird man eigentlich Bestatterin? „Ich bin da hineingeschlittert“, gibt Christine Pernlochner-Kügler unumwunden zu. Ihr Dissertationsthema „Körperscham und Ekel“ hatte eigentlich nur sehr am Rande mit ihrem heutigen Beruf zu tun. Lehramtsstudien in Psychologie, Philosophie und Deutsch mündeten logischerweise erst einmal im Lehrerberuf. Nach der Babypause begann sie, auch an der Krankenpflegeschule im Innsbrucker Ausbildungszentrum West die psychologischen Fächer zu unterrichten.

Der Tod war ein Monster

Zum Tod hatte Christine wie bereits erwähnt schon früh in ihrem Leben ein mehr als gespaltenes Verhältnis. „Der Tod war mein Angstthema, immer verbunden mit grauenhaften Phantasmen“ erzählt sie. Kein Wunder, dass sie den Tod auch in ihrem Unterricht thematisierte. Ihren Schülern wollte sie im Rahmen von Exkursionen in die Innsbrucker Klinik vermitteln, wie man mit verstorbenen Angehörigen umgehen kann. „Dabei ist mir aufgefallen, dass jene Räume in der Klinik, in der die verstorbenen Menschen aufgebahrt sind, natürlich keine ausgewiesenen ‚Abschiedsräume‘ für Angehörige sind. „Ich habe mich gefragt, ob ich damit umgehen könnte, wenn ich einen verstorbenen Verwandten oder Bekannten so vorfinden würde“ sagt sie heute. Genau das wollte sie ändern. 

Hollendarstellung

Die Angst vor dem Tod war auch eine Angst vor ewiger Verdammnis. Handfeste Darstellungen wie das spätgotische Fresko in der St. Magdalenenkapelle von Hall befeuerten diese Angst im wahrsten Sinn des Wortes. Und das über Generationen hinweg. Bild. W. Kräutler

Die Einladung des Erziehungswissenschaftlers Markus Ploner zu einem Seminar in der Krankenpflegeschule war dann der Beginn einer bemerkenswerten Zusammenarbeit, die in einer grundlegenden Veränderung der Arbeitsweise und des Angebotes der Tiroler Bestattungsunternehmen gipfelte. Ploner, ein gebürtiger Vorarlberger, erlernte nämlich als Student im Rahmen eines Praktikums als Bestatter in einem deutschen Bestattungsinstitut die moderne Verstorbenenversorgung. Was auch die Wahl seines Dissertationsthemas nachhaltig beeinflusste, das das ‚Abschiednehmen‘ thematisierte.

Tirol hinkte nach

„Während bei uns Verstorbene noch vor 20 Jahren vom Bestattungsinstitut lediglich angekleidet und in den Sarg gelegt wurden, befand sich die Verstorbenenversorgung in Deutschland bereits auf einem viel höheren Niveau“ erzählt Christine. „Verstorbenenversorgung bedeutet, Tote so zu präsentieren, dass die Angehörigen Abschied nehmen können ohne zu erschrecken oder sich gar zu ekeln.“

Gemeinsam beschlossen sie 2004, bei der damals von Tiroler und Vorarlberger Bestattungsunternehmern gegründeten ‚Trauerhilfe‘ mit zu arbeiten. „Wir haben in Tirol sicher Pionierarbeit geleistet“, sagt Pernlochner-Kügler heute.  Während Markus Ploner die Geschäftsführung übernahm war sie für Öffentlichkeitsarbeit und Schulung zuständig. Als sich dann 2011 die Möglichkeit bot, das Bestattungsinstitut I. Neumair in der Innsbrucker Schöpfstraße zu übernehmen, griffen die beiden zu und begannen ab 2012, dem Institut neue Arbeitsinhalte und auch ein neues Image zu verpassen. 

Abschniednehmen in positiver Atmosphäre

Abschniednehmen in positiver Atmosphäre. Das war nicht immer so in Tirol. Billd: I.Neumair, Bestattungundmehr

Schon der Name des Institutes deutet das an: I. Neumair Bestattungundmehr. Das Wort ‚Mehr‘ steht für eine völlig neue Art der Trauerbegleitung und Verstorbenenversorgung.

COVID-Tote in der Innsbrucker Statistik

Mich hatte immer schon interessiert, wieviele Menschen in Innsbruck im Durchschnitt jährlich sterben. Es sind 1.200, sagt Christine Pernlochner-Kügler. Und hätte es noch einen Beweis gebraucht, dass die COVID-Erkrankung tödlich sein kann, sie liefert ihn: Im November und Dezember 2020 schoss die Zahl der Verstorbenen in Innsbruck um 45 Prozent in die Höhe, im Ganzjahresschnitt verblichen 2020 elf Prozent mehr Menschen. Da sollten bei allem Impfskeptizismus die Warnlichter angehen.

In ihrem Buch gibt sie nun nicht nur einen Einblick in diesen ungewöhnlichen Beruf, der traurig und herzzerreißend aber auch witzig und skurril sein kann. Sie schildert auch, welche Leistungen ein modernes Bestattungsinstitut anbietet und erzählt Geschichten aus ihrer Praxis als Bestatterin.

Was würde ein Verstorbener jetzt gerade tun?

Eine ihrer Methoden, die Trauer zu kanalisieren, hat mich besonders beeindruckt. Sie schlägt Angehörigen bisweilen vor, darüber nachzudenken, was die Verstorbenen gerade machen würden, würde es tatsächlich ein Leben nach dem Tod geben. Da stellt sich dann heraus, dass der eine gerne einen Schnaps trinken würde, eine andere besucht Boutiquen um Handtaschen und Schuhe zu kaufen. „Denn sie muss sich da oben ja wieder neu einkleiden“ lachen dann auch die Angehörigen. Wer mehr darüber wissen will, welche Betreuungs- und Dienstleistungsarbeiten eine Bestatterin ausführt, sollte sich das Video einer Sendung des Schweizer Fernsehens nicht entgehen lassen: Warum uns Tote Angst einjagen.

Eigentlich ist das Buch der Psychologin Pernlochner-Kügler ein Leitfaden für all jene, die mit dem Tod von Freunden oder Angehörigen konfrontiert sind. Es enthält Tipps und Anleitungen für Trauernde und hilft vor allem, mit Trauer umzugehen. Die Vorschläge, wie man Trauer auch überwinden kann, erscheinen mir besonders wichtig. Was das Buch so lesenswert macht sind die vielen kurzweilig gehaltenen Schilderungen vom Abschied nehmen, bei denen es nicht an lustigen Begebenheiten mangelt. 

Christine Pernlochner-Kügler strahlt ein sehr positives Lebensgefühl aus. Bild: I.Neumair, Bestattungundmehr

Dass Lachen und Weinen nahe beieinander liegen ist bekannt. „Humor beginnt, wo das Lachen vergeht“ dachte sie sich, als sie auf ihrer Facebookseite nach dem Ableben von Motörhead-Frontmann Lemmy Kilmister, dem David Bowie einige Tage später folgte, einen Witz postete: „Lemmy tot. David tot. Irgendwann sind wir allein auf der Welt – mit Helene Fischer.“ 144 Likes und nur eine Rüge waren die Folge. 

Ihr Humor ist typisch für diese mit beiden Beinen im Leben stehende Frau, die in einem eigenen Seminarraum im Institut immer noch das künftige Krankenpflegepersonal unterrichtet. Denn ihr geht es nicht allein darum, die künftigen Pfleger auf Fragen von Angehörigen vorzubereiten. Sie vermittelt auch Techniken, Verstorbene richtig zu lagern, damit keine Totenflecken entstehen. 

Gruftigefühl beim Probeliegen

Das Institut hat sich aber auch einen Namen als Weiterbildungseinrichtung für interessierte Gruppen, für Schulklassen und sogar Senioren gemacht. Es geht darum, interessierte Menschen darüber zu informieren, wie ein modernes Bestattungsinstitut arbeitet. Dabei kann man sich auch schon einmal in einen Sarg legen. Auf Wunsch legen die Mitarbeiter des Institutes den Deckel drauf. Da stellt sich dann ein Grufti-Gefühl ein das durchaus lustig sein kann, wie ich mich selbst überzeugte. 

Ich musste gar nicht erst zum Probeliegen im – gut gepolsterten – Sarg überredet werden. Bild: I.Neumair, Bestattungundmehr

Zur Autorin:

 

Christine Pernlochner-Kügler studierte Psychologie und Philosophie und ist Thanatologin mit eigenem Bestattungsinstitut in Innsbruck. Sie engagiert sich im Gesundheitsbereich und im Management von Krisensituationen und ist Mitglied im österreichischen Netzwerk für Ritualforschung. Ihr berufliches Hauptaugenmerk liegt in der Begleitung von Angehörigen bei der Bestattung und in der individuellen Gestaltung von Trauerfeiern und Ritualen. Ihr ist es ein Anliegen, Sterben und Tod als letzten Lebensabschnitt salonfähig zu machen, das Todestabu zu brechen und unseren verkorksten Umgang mit der Endlichkeit zu hinterfragen.

 

Christine Pernlochner-Kügler
„Du stirbst nur einmal, leben kannst du jeden Tag
Eine Bestatterin erzählt
220 Seiten, 2021, ISBN: 9783990602430

€ 19.95

Goldegg Verlag