Ein Anruf um 11 Uhr in der Nacht schreckt mich hoch. Mein Freund Wolfgang, nachtaktiv wie immer. Er mache morgen Station in Innsbruck.

Er nehme sich 12 Stunden Zeit, um die Stadt anzuschauen. Ich wüsste ja, was es dort Interessantes zu sehen und besichtigen gebe. Ja, und er lade mich natürlich zu einem Umtrunk ein. Na bravo.

Das Internet soll nicht umsonst erfunden worden sein. Also setze ich den Wunsch des Freundes per Google und Mausklicks spätnachts noch in konkrete Pläne um. Das Ergebnis der Suche lässt sich auf zwei Begriffe reduzieren: Innsbruck-Card und Sightseer. Mit der Innsbruck-Card konnte nicht nur der Sightseer ohne Zusatzkosten benützt werden. Denn wer weiß, was dem Wolfgang noch einfiele wenn der Tag lang ist. Auch deshalb eine Innsbruck-Card.

Sightseer vor dem Congress Innsbruck

Sightseer vor dem Congress Innsbruck

Ich holte den Freund zu nachtschlafener Zeit am Bahnhof ab. Auf dem Weg zum Ausgangspunkt des Sightseers, der Hofburg, dann noch schnell beim Innsbruck-Tourismus am Burggraben die Innsbruck-Cards gekauft. Kaffee und Kuchen in meinem Lieblings-Kaffeehaus sollten unsere Lebensgeister erst mal wecken. Und dann ab zur Station Hofburg-Congress. Ein Rundfahrtbus wie alle anderen dachte ich eigentlich. Soll sein. Bisher hatte ich es standhaft vermieden, Stadtbesichtigungen in Anwesenheit von schnatternden Touristen zu absolvieren. Gut, dachte ich mir, wenn mich mein Freund schon herumkommandierte, dann soll er gefälligst eine vielsprachige, permanent fotografierende und äußerst redselige Menge ‘genießen’. Aber es sollte völlig anders kommen.

Audio-Führung in sechs Sprachen

Innsbruck in 6 Sprachen

Schon beim Einstieg bot uns Elvira, die Busfahrerin, Kopfhörer an. Die erste Überraschung war gelungen. Jeder Sitz ist mit einem Anschluss versehen, die Fahrgäste können aus insgesamt sechs Sprachen ihre Audio—Stadtführung wählen. Die 2. Überraschung: Genau deshalb schwiegen die Fahrgäste. 20 Sehenswürdigkeiten steuert der Sightseer auf seiner Rundfahrt durch Innsbruck an. Die sind quasi wie auf einer Perlenkette aufgereiht und individuell zu besichtigen. Das wird im Prospekt denn auch in bestem Tiroler Englisch (Tinglisch) ‘hop on – hop off’ genannt. Denn nach einem Ausstieg kommt spätestens 40 Minuten später der nächste Sightseer und pickt jene Leute wieder up, die sich auf eine nähere Besichtigung dieser Sehenswürdigkeit eingelassen haben. Also los.

Blick auf die Nordkette in Innsbruck

Innsbruck und die Nordkette: eine ewige Liebe

Unser erster ‘hop-off’ dann am Bergisel, der ‘Sakristei’ Tirols. Früher Schauplatz bluttriefender Schlachten, heute Austragungsort eines sportlichen Hochamtes namens Vierschanzen-Tournee. Der Platz hat in der Tat etwas Sakrales. Es gibt wohl keinen zweiten Aussichtspunkt in Innsbruck, von dem aus die majestätische Schönheit der Stadt in derart atemberaubender Art und Weise präsentiert wird. Man fühlt sich wie in einer Kathedrale: Vor sich den Hochaltar namens Nordkette, zu dessen Füßen wie gottergeben die Hauptstadt der Alpen. Hop on nach 40 Minuten.

Schloss Ambras, ein funkelndes Juwel.

Schloss Ambras, ein funkelndes Juwel.

Unser nächster Halt: Schloss Ambras, das im wahrsten Sinn des Wortes funkelnde Rennaissance-Juwel. Mit mittelalterlichen Sammlungen, die weltweit einzigartig sind. Rüstkammern, Kaiserzimmer, Spanischem Saal und mit einer weltweit einzigartigen Kunst- und Wunderkammer. Ein Schlosspark wird seinem Namen auf märchenhafte Weise gerecht. Unsere Besichtigung kann als durchaus ausgedehnt bezeichnet werden. Abschließend eine kleine Stärkung im gotischen Gewölbe des Schloss-Café und schon ging’s weiter (hop on!) zum Zeughaus Kaiser Maximilians.

zeughaus

Das Zeughaus – die Rüstkammer Kaiser Maximilians

Im 15. Jahrhundert das riesige Waffenarsenal jenes österreichischen Kaisers, der in Innsbruck residierte. Heute ein kleines aber feines Kultur- und Ausstellungszentrum mit einem hochinteressanten Museum. Und im Sommer zusätzlich Schauplatz des Innsbrucker Open-Air-Kinos. Und hier – endlich – konnten wir unser Treffen mit einem ersten Bier auflockern. Wolfgangs Frage, ob es in Innsbruck immer so geschichtsträchtig zuzugehen habe, brachte mich auf die krönende Idee des Tages.

Wir bestiegen den nächsten Sightseer und fuhren zurück zur Hofburg. Um anschließend – einen Steinwurf von der Bushaltestelle entfernt – in die Innsbrucker U-Bahn abzusteigen. Guter Scherz, erklärte ich ihm, in Wahrheit handle es sich um die Nordkettenbahn, die auf den ersten paar hundert Meter als U-Bahn geführt wird. Mit der Innsbruck-Card ebenfalls kostenfrei zu benützen übrigens.

Die Station Hungerburg von Zara Hadid

Die Station Hungerburg von Zara Hadid

Wir fuhren erst mit diesem eleganten Schrägaufzug auf die Hungerburg, quasi dem Gegenstück des Bergisel. Von dort tut sich ein weiteres unvergleichliches Panorama auf mit der Serlesspitze als wahrhaftig alpine Pyramide im Zentrum. Um anschließend mit der Seilbahn den Hochaltar Tirols schweißfrei zu erklimmen: Die Seegrube auf 1.905 m Seehöhe.

Nach einem kurzen Rundgang durch das von Franz Baumann konzipierte Gebäude warteten schon dutzende Liegestühle auf uns. Aber was wäre dieser unvergleichliche Blick auf Innsbruck ohne das passende Getränk. Wir entschieden uns für warmen (!) Caipirinha, der in der ‘Cloud 9‘ ausgeschenkt wird. Es blieb nicht bei den Caipirinhas, denn Wolfgang verlängerte spontan seinen Innsbruck-Aufenthalt. Die Überdosis Schönheit dieses Tages musste ja auch verdaut werden. Der ‘hang on’ auf der Seegrube entwickelte sich jedenfalls zu einem Umtrunk, wie wir ihn in Jugendtagen nur allzuoft gepflegt hatten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Cloud 9

Warmer Caipirinha? Es ist ja eh schon kalt genug auf der Seegrube…