Stilistisch wild zusammengewürfelt zwischen Flohmarkt, Sperrmüll und Kaffeehausbestuhlung stehen die Möbel auf dem großen Platz vor dem Gebäude. In mühsamer Kleinarbeit hat jemand einen grauen Fuchs an die Außenmauer gemalt. Im Hintergrund läuft Musik buntesten Genres. Die kreative Zwischennutzung im Stadtteil Wilten birgt einiges an Überraschungen. Das „Motel“ als best practice-Beispiel für innovative Stadtentwicklung von „unten“ macht Lust auf mehr.

Hier in der Graßmayrstrasse 23 erzählt Vinzenz Mell von seinem Verein „Brache“. Der deutsche Geograph hat die „Brache“ 2014 zusammen mit seinem Kumpel Paul Klumpner, ebenfalls Geograph, und Hannes Baumann gegründet. Im Jahr zuvor initiierten die Drei schon ihr erstes Zwischennutzungsprojekt mit der Mundpropaganda-Initiative „Öl“ in der ehemaligen Schmiede Waidacher im Mariahilfpark, das so einigen Innsbruckern als subkulturelles Highlight im Gedächtnis blieb. Das ehemalige Glockengießerei-Areal am südwestlichen Ende der Olympiabrücke in der Grassmayr ist nun zum Innsbrucker Modellprojekt geworden.

Kreativ gemeinsam ist die Devise. Und so wird getüftelt und gebaut, hier hinter der Grassmayrkreuzung in Wilten. Foto: Vinzenz Mell

Kreativ gemeinsam ist die Devise. Und so wird getüftelt und gebaut, hier hinter der Grassmayrkreuzung in Wilten. Foto: Vinzenz Mell

Eine fleckige Schicht grauer Fassadenfarbe …

„Der ehemalige Hinterhof der Glockengießerei Grassmayr stand bereits einige Jahre leer,“ erzählt Vinz. Es ist ein recht schmuckloser Bau aus den 1950er-Jahren, der Schuppen und das Lager zum Teil ein Stockwerk hoch und von einer fleckigen Schicht grauer Fassadenfarbe umhüllt. Ähnlich nüchtern schaute es innen aus. 1000 Quadratmetern Nutzfläche erfüllten vor der Übernahme durch die „Brache“ ihren Zweck als Brauerei, Autoinnenreinigungs-Werkstatt und Snooker-Bar hinlänglich; ein Immobilieninvestor wird diese Fläche in naher Zukunft zu einem lohnenderen Studentenwohnheim erneuern. Wie bei solchen Großprojekten üblich, beginnen die Arbeiten nicht von heute auf morgen. Bis Ende 2015 steht des Areal leer, irgendwann in der Zukunft wird alles unter der Neugestaltung der Grassmayerkreuzung verschwinden.

Foto Renaud Dietsch

Studenten findet man auch im Motel schon viele…Mittelfristig soll auf dem Areal ein “lohnenderes” Studentenwohnheim enstehen. Foto: Renaud Dietsch

… und der raue Charme frisch verputzter Innenwände

Hier kommt die „Brache“ ins Spiel. Der Verein wirkt als Vermittler zwischen Raum und kreativem Potential, das für seine Auslegung bis Ende 2015 Raumbedarf haben. So hat sich etwa das studentische Architekturkollektiv Krater Fajan im Motel eingerichtet, auch Innsbrucks erste Food Coop, die Kooperation zum Fruchtgenuss, hat im Motel ihr Hauptquartier. „Die Einrichtung variiert von Raum zu Raum, ganz im Sinne des kreativen Chaos,“ erklärt Vinz. In einigen Räumen sind vom Boden bis zur Decke Sperrholzplatten verlegt, der angrenzende Raum beherbergt eine Bar, die aus einem alten Labortisch aus dem ehemaligen Institut für Chemie besteht, Soundkünstler und weitere Kreativwirtschaftler werken in Räumlichkeiten im Charme frisch verputzter Innenwände mit wildem, in sich windendem schwarzen Muster.

Aus wenig mach mehr...die Innenräumlichkeiten des Motels sind durch den Verein "Brache" neu gestaltet worden. Auch das Architekturkollektiv Krater Fajan mischt kräftig mit. Foto: Vinzenz Mell

Aus wenig mach’ mehr…die Innenräumlichkeiten des Motels sind durch den Verein “Brache” neu gestaltet worden. Auch das Architekturkollektiv Krater Fajan mischt kräftig mit. Foto: Vinzenz Mell

…im weiteren Sinne

Bei der stadtplanerischen Betrachtung der Kreativwirtschaft und ihrer zwischengenutzten Standorte stehen besonders deren spezifische Raumbedürfnisse im Blickpunkt, die aus den neuen Formen der Arbeit resultieren. Als Standortfaktor zieht die Kreativwirtschaft zum Teil hochqualifizierte und motivierte Arbeitskräfte an und wirkt auf verschiedenen Wegen auf die Quartiersentwicklung ein. Die Stadt könnte somit einerseits ihrem Interesse an der Stärkung des Kreativwirtschaftsstandortes entsprechen, andererseits würden schwächere Viertel durch den Einzug von Kreativen aufgewertet. Ein von Skeptikern vorgebrachtes Argument ist, dass Innsbruck aus historischen Gründen relativ wenig industrielle Brachflächen hat. Dennoch gab es in kurzer Vergangenheit ähnliche, privat initiierte Projekte, die leer stehende Areale wie die alte Mölk-Bäckerei in Dreiheiligen zu einem alternativen Kultur- und Kreativzentrum umgestalteten. Und der Stein ist schon längst im Rollen, denn „kreativ“ sein bedeutet eben auch „findig“ sein. Umso besser mit einer geographischen Ausbildung wie bei Vinz und Paul.

"Willst du einen Freund haben, so musst du mich zähmen..", sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen. "Zähmen" muss man im Motel niemanden, Freunde gibt es viele. Foto: Vinzenz Mell

“Wenn du einen Freund willst, so zähme mich!” sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen. “Zähmen” muss man im Motel niemanden, Freunde gibt es viele. Foto: Vinzenz Mell

…was dafür tun

Es darf diskutiert werden! Vinz und Paul wollen durch ihr Projekt auch Potentiale zur Stadtentwicklung erörtern - beispielsweise beim Motel Talk. Termine findet ihr auf der Homepage!

Es darf diskutiert werden! Vinz und Paul wollen durch ihr Projekt auch Potentiale zur Stadtentwicklung erörtern – beispielsweise beim Motel Talk. Termine findet ihr auf der Homepage!

Auch wenn Vinz und Paul die „Brache“ als Verein und also ohne Gewinnabsicht gegründet haben, erwartet sich die beiden Profit von der Sache. Ideellen Profit. Im Zuge eines „urbanen Austausches“ sucht der Verein Antworten auf die Frage, was Zwischennutzung zu leisten imstande ist und wo ihre Grenzen liegen. Beim „Motel Talk“ Mitte Oktober ist jeder willkommen, kontrovers, alternativ oder neugierig. Gast, Anwohner oder Stakeholder. „Im Endeffekt geht es um’s kreative Ausleben und einen anderen Entwurf des städtischen Lebens,“ meint Vinz. Da hat er recht, meinen wir, Zeit wird’s.

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