Wer von euch kennt noch den Brauch des ‚Zelten-Anschneidens‘? Oder des ‚Bubentages zu Stefani‘? Und gibt es Leserinnen meines Blogs, die noch das Zettelalphabet unter ihr Kopfkissen gelegt haben? Achja: Wer weiß eigentlich, dass das heute im Winter vielfach wieder praktizierte ‚Blochziehen‘ einst ein ‚Verhöhnungsritual‘ war? Ich will hier Bräuche in aller Kürze vorstellen, die in der dunkelsten Zeit des Jahres spielen. Die aber alle auf den Neuanfang hindeuten.

Bräuche, die im Verborgenen blühen

Dr. Petra Streng

Mit Dr. Petra Streng vor dem ‘verkehrten Adventskranz’ in Rattenberg.

Mit den Bräuchen ist es so wie mit allem Lebenden: sie sind vergänglich. Und so finden sich hinter den vielen Tiroler Bräuchen um die Jahreswende auch einige, die kurz vor dem Aussterben stehen. Während Nikolaus und Christkind in Zeiten des Konsumwahns inzwischen zu kommerziellen Hochfesten verkommen sind, überlebten daneben noch einige kleine, feine Bräuche. Dass es in Tirol noch uralte Bräuche gibt, die eher im Verborgenen blühen, bestätigt mir auch die Volkskundlerin meiner Wahl, Dr. Petra Streng. Ich besuchte die Direktorin des überaus bemerkenswerten Augustinermuseums in Rattenbergum mehr über das Brauchtum zum Jahreswechsel zu erfahren.

Man mag über den Sinn uralter Bräuche in unserer Zeit geteilter Ansicht sein. Vielfach in den Dienst des Tourismus gestellt bleibt eines unbestritten: Das alte Brauchtum könnte uns moderne Menschen sehr viel lehren. Etwa den Respekt vor der Gemeinschaft oder den sparsamen Umgang mit Lebensmitteln. Und dass es schon eine Freude sein kann, wenn der Schmerz nachlässt. Ganz wichtig in unseren Tagen: Die Gierigen landen im alten Brauchtum zumeist in der Hölle. 

Zelten beendeten den Advent, einst die ‘kleine Fastenzeit’

Die Weihnachtszeit ist im Brauchtum Tirols eine Art Höhepunkt. Neben all den religiösen Bräuchen ist der des „Zelten-Anschneidens“ ein beinahe vergessener und dennoch symbolisch wichtiger Brauch um die Jahreswende. Das vom althochdeutschen ‚Zelto‘ für ‚Brotlaib‘ stammende Wort bezeichnet in Tirol ein ganz spezielles Früchtebrot in der Größe eines Bauernbrot-Laibes. Die Zutaten waren früher vor allem Dörrbirnen, bisweilen Dörrzwetschken, Nüsse, Anis und Roggenmehl. Wenn vorhanden und leistbar wurden auch Rosinen und getrocknete Feigen beigefügt. (Ein modernes Zelten-Rezept hat meine Kollegin, die wunderbare Köchin und Feinschmeckerin  Nadja Hudovernik in diesem Blog beschrieben.)

Zeltenbrot

Nüsse, Dörrbirnen, Feigen, Rosinen, Anis und Roggenmehl. Und fertig ist eines der feinsten Brote Tirols.

Gebacken wird oder wurde der Zelten am ‘Thomastag‘, also am 21. Dezember, dem Tag der Wintersonnenwende. Damit symbolisiert dieses süße Brot eine verheißungsvolle, weil süße Zukunft und spielte in der winterlichen Weihnachtszeit eine gewichtige Rolle. Mich erstaunt immer wieder, wie einfühlsam die frühen Christen uralte Bräuche christianisiert hatten. Denn das Zeltenbrot wurde einst für einen alten vorchristlichen Opferbrauch gebacken.

Weshalb nun ist dieses Zelten-Anschneiden in ganz Tirol ein immer noch praktizierter Brauch? „Wenn man weiß, dass die Adventzeit die ‚kleine Fastenzeit’ genannt worden ist und noch vor einigen Jahrzehnten auch tatsächlich so begangen wurde“, erzählt mir Petra Streng, „weiß man, weshalb die wunderbar süßen Zelten einen so hohen Stellenwert hatten.“ Das Weihnachtsfest bedeutete denn auch das Ende dieser Fastenzeit. Und signalisierte darüber hinaus den Neubeginn: Die Tage werden wieder länger, Neujahr ist auch kalendarisch ein Neubeginn.

Das ‚Zelten-Anschneiden‘ – ein kleines Gesellschaftsspiel

Ich wollte nun etwas genauer wissen, wie dieses Brauchtum abläuft und  habe mich umgehört. Hier beziehe ich mich auf die Schilderung einer älteren Dame, in deren Familie dieser Brauch bis zum heutigen Tag überlebt hat.

Das Anschneiden der Zelten fand frühestens am Stefanitag, also am 26. Dezember statt, konnte aber noch bis Dreikönig hinausgezogen werden. Das Anschneiden des Brotes war in ein Ritual verpackt, das sehr oft für ein Knistern zwischen den Geschlechtern sorgte. Hatte eine junge Frau ein Auge auf einen Mann geworfen wurde dieser eingeladen, gemeinsam mit ihr den Anschnitt durchzuführen. Da konnte es schon vorkommen, dass ein Familienmitglied eine Stricknadel in den Zelten steckte, damit dies nicht problemlos über die Bühne gehen sollte. Als „Praxer“ wurde die Person bezeichnet, die den Zelten beim Anschnitt hielt, der ‚Schneider‘ durfte das Scherzl schlussendlich behalten. Dieses Scherzl war nun Ziel von Neckereien, versuchten doch alle, es zu entwenden und zu verstecken. Nicht selten geriet das Suchen danach in der einst puritanischen Gesellschaft zu einem nicht zu verbietenden Abtasten der Geschlechter.

Das Zettel-Alphabet – ein Orakelbrauch

Von einem Orakelbrauch der besonderen Art berichtete mir eine junge Frau. Demnach war es nach Weihnachten bei unverheirateten Frauen üblich, ein kleines ‚Zettelalphabet‘ zu erstellen: man schreibt Buchstaben auf einzelne Zettel und legt sie unter das Kopfkissen. Beim Aufwachen zieht das Mädchen dann einen dieser Zettelchen hervor, dessen Buchstaben den Vornamen des künftigen Liebhabers preisgibt. 

Stefani war einst der ‘Bubentag’

Ein weiterer nahezu in Vergessenheit geratener Brauch findet überraschenderweise heute noch im Sellrain statt: der Brauch des ‚Bubentages‘. Der ebenfalls aus der bäuerlichen Tradition Tirols entwachsene Brauch sieht vor, dass die Gastwirte am 26. Dezember alle ledigen jungen Burschen zum Essen und Trinken eingeladen hatten. Der offizielle Grund: Stefan ist der Patron der ledigen Burschen. Die haben sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen und sind einen Tag lang im wahrsten Sinn um die Hausecken gezogen. Die Fastenzeit war ja vorbei und vielleicht war das alles ein früher PR-Gag der Wirte, die sich ihre künftige Trink-Kundschaft heranziehen wollten.

Weshalb nur die Burschen in diesen Genuss kamen, wollte ich von Petra Streng wissen. Ein Gasthausbesuch von jungen Mädchen ohne jede Begleitung wäre noch vor einigen Jahrzehnten schlicht undenkbar gewesen. „Aber prinzipiell muss halt wieder einmal festgehalten werden, dass die Männer immer schon einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft eingenommen haben“, sagt sie. „Einen ähnlichen Festtag für junge Frauen hat’s nie gegeben.“ Im Gegenteil.

Das Blochziehen – einst Schandumzug unverheirateter Frauen

Jüngste Forschungsergebnisse bezeugen, dass es einst sogar einen Schandtag für unverheiratete Frauen gegeben hatte, der ebenfalls in den Winter fällt. Das heute in Tirol unter ‚Fasnachtsbrauchtum‘ firmierende ‚Blochziehen‘ war einst ein wahrhaftiger Schandumzug für jene  jungen Frauen‚ die noch keinen Mann gefunden hatten. Dabei wurde ein unzerteilter Baum, meist eine Lärche, durch das Dorf gezogen. Woher wir das wissen? „Das haben wir schwarz auf weiß“, sagt Petra Streng. “Wir haben eine Rechnungsnotiz, wonach Sigismund der Münzreiche einst Bier als Belohnung fürs Ziehen an Blochzieherinnen ausgeben ließ“. Wenn damals eine Frau mehrere Jahre hintereinander vor den Bloch gespannt worden war, kam dies einer eigentlich unfassbaren Diffamierung gleich. War das doch der Beweis, dass sie ‘keinen findet’. In frühen bäuerlichen Gesellschaften ein nahezu untragbarer Zustand.

Aber das ist eine andere Geschichte.