In vielen Teilen Tirols spricht man vom ‘brennen gian’ wenn man davon spricht, ein Bergfeuer zu entzünden. Dieser uralte Brauch wird in Nord-, Süd- und Osttirol immer am Samstag vor dem Herz-Jesu-Sonntag gepflegt.

Ich durfte die Mitglieder und Familien der Axamer Schützenkompanie beim heurigen Herz-Jesu-Feuer begleiten. Eine Ehre, die nicht alltäglich ist. Denn ‚Fuierlen gean‘ wie es in Axams heißt, also das ‘Herz-Jesu-Feuer’ hoch auf den Bergen zu entzünden, ist in Tirol immer noch ein ‚intimer‘ Brauch.

Der ‚Wille steht für’s Werk‘ heißt es. Wenig Trost für die Axamer Schützen, die am 9. Juni hoch über Axams die Fackeln bereits entzündet hatten. Eine Gewitterfront mit Sturm und Starkregen machte innerhalb weniger Minuten all ihre Anstrengungen zunichte. Das ‚Fuerlen gean‘ fiel heuer im wahrsten Sinn des Wortes ins Wasser. Was mir nun bleibt ist die Schilderung des Ablaufs dieser nicht ganz undramatischen Aktion.

Axams Schießstand, am Samstag vor dem Herz-Jesu-Sonntag, 14 Uhr: die Mitglieder der örtlichen Schützenkompanie Georg Bucher treffen sich voller Tatendrang. Obmann Gottfried ‚Gotl‘ Hepperger hat mit seinen Mannen alles organisiert, was es für das Bergfeuer braucht. Fackeln, Holzstecken, Gasbrenner samt Kartuschen sowie Kabelbinder. Aber das ist noch nicht alles. Für das leibliche Wohl wird natürlich auch gesorgt: Fleisch vom lokalen Bauernmarkt, Brot, Limo für die Kinder, Bier und ein Fläschchen Marillen-Schnaps.

Dieses Urtiroler Brauchtum hat seine Ursache in einer Veranstaltung des Jahres 1796. Damals legten die Schützen in Bozen angesichts der Bedrohung durch die Truppen Napoleons am 1. Juni das Gelöbnis ab, das Land dem ‚Heiligsten Herzen Jesu‘ anzuvertrauen und so göttlichen Beistand zu erhalten. Heute noch wird am Vorabend des Herz-Jesu-Sonntag diesem Gelöbnis gedacht. Höhenfeuer wurden in Tirol auch immer schon als Warnfeuer verstanden, wenn Feinde das Land bedrohten.

Mit Sack und Pack in die Berge

Um 14:30 Uhr dann Abfahrt in die Axamer Lizum. Jetzt braucht’s schon einiges Organisationstalent, die etwa 20 Personen umfassende ‚Herz-Jesu-Feuer-Gruppe‘ samt Material bis auf etwa 2.000 Meter Seehöhe zu bringen. Mit dabei: ein Filmteam des Landes Tirol mit ihrer Profi-Drohne. Die Videos sollen später auf der Website des Landes veröffentlicht werden.

Ein etwa 20 Jahre alter Range Rover Defender leistet neben zwei weiteren Autos beste Dienste. Während die ‚Mannschaft‘ die letzten 200 Höhenmeter auf die Pleisenspitze zu Fuß zurücklegt, übernimmt nun der Geländewagen die Transportarbeit und überwindet auch die steilsten Passagen.

Um 15:30 ist dann die Gruppe auf der Pleisenspitze versammelt. Der Panoramablick ist umwerfend: die Kalkkögel ragen bizrarr in den Himmel, in weiter Ferne leuchtet der Olperer samt Gletscher. Ja, und Innsbruck mit der Nordkette liegt der Szenerie zu Füßen.

Auf der Pleisenspitze und am Axamer Kögele soll je ein Bergfeuer brennen

Am Pleisen soll eines der Bergfeuer brennen und deshalb einige Fackeln entzündet werden. Das Hauptaugenmerk der ‚Feuerwerker‘ ist aber auf das Axamer Kögele gerichtet. Eine Erhebung auf etwa 2.200 Metern, die sich direkt über Axams auftürmt. Hier soll das Bergfeuer quasi in eine “Form” gebracht werden. Geplant ist, ein Kreuz in den Steilhang zu ‘brennen’.

Vor der Arbeit kommt aber in diesem Fall das Vergnügen. Die Mannschaft ist bereits hungrig und so wird ein Feuer entfacht und das mitgebrachte Fleisch vom Bauernmarkt gegrillt. Und dann beginnt die Aufstellung der Fackeln in einem Gelände, das nahezu senkrecht abfällt. 

Gänsehaut schon beim Zuschauen

Mir hat ein erster Blick jedenfalls eine Gänsehaut beschert. Aber die Mitglieder der Schützenkompanie bewegen sich gämsenartig auf teils bizarre Felsklippen um die insgesamt 66 Fackeln (es sind jeweils drei Fackeln an einer Holzstange befestigt) das geplante Feuer-Kreuz in den Hang zu setzen. Und wie im echten Schützenleben hat nun Kompanie-Hauptmann Christian Holzknecht das Kommando übernommen. Mit einem Fernglas und einem guten Augenmaß sorgt er von einer Art Feldherrnhügel aus dafür, dass das Bergfeuer etwas ‘gleichschaut’ und die Fackeln akkurat angebracht werden.

Nicht ungefährlich: die Stecken mit den Fackeln werden eingeschlagen.

Insgesamt werden 22 Stangen mit 66 Fackeln zu einem Kreuz angeordnet.

Obmann Gotl Hepperger nach getaner Arbeit in steilem Gelände.

Sturm und Wolkenbruch zwingen zum Abbruch

Wenig Beachtung hatten wir bislang dem Wetter geschenkt. Über dem Oberland türmen sich immer bedrohlichere Wolken auf, der Nebel kriecht über die Spitzen des Karwendels. In der Ferne sieht man schon die ersten Regenschlieren, wie sie aus den Wolken fallen. Entgegen der Gepflogenheit werden die Fackeln also bereits um 20:30 mit den Gas-Anzündern entzündet. Das wird aber schon zum Problem. Denn nun pfeift ein regelrechter Sturm um das Axamer Kögele und bläst die bereits entzündeten Fackeln umgehend wieder aus. Um 21:00 Uhr spitzt sich die Situation weiter zu: Eine Regenfront nähert sich von Kematen kommend. Wenn es sich um ein Gewitter handelt, wird’s in einer halben Stunde lebensgefährlich hier oben.

Das Bergfeuer ist bedroht

Schützenhauptmann Christian Holzknecht (links) beobachtet die anrückende Regen- und Gewitterfront vom ‘Feldherrnhügel’ aus.

Sturm verunmöglicht schon das Entzünden der Fackeln.

Eine Schlechtwetterfront macht alle Versuche zunichte, ein Bergfeuer zu entzünden.

Ein Unwetter zieht über Oberperfuss in Richtung Axamer Kögele. Hauptmann Christian Holzknecht bricht die Aktion ab.

Schützenkommandant Holzknecht ordnet den sofortigen Abbruch der Aktion und den raschen Abstieg zu Tal an. Tropfnass erreiche ich mit den letzten Aktivisten das Auto und werde hinunter gebracht.

Schade um all die Anstrengungen und Vorbereitungen. „Aber so ist das Leben“, meint einer der Schützen. “Hart aber ungerecht”.

Die Stimmung war etwas gedrückt, als die Mannschaft im Adelshof noch ein letztes Bier zu sich nahm. Man hofft auf’s nächste Jahr.