Carmen Müller als Gartenforscherin zu bezeichnen, ist nicht verkehrt. Seit vielen Jahren widmet sich die Südtiroler Künstlerin in ihrem Schaffen der Natur, den Gärten in ihren unterschiedlichen Ausformungen. „Die Passion für den eigenen Garten schlägt eine Brücke in die Gärten der anderen und fließt als poetische Erkundung in meine künstlerische Arbeit ein“, sagt sie. Aktuell zu sehen in der Ausstellung „Von Gärten, Pflanzen und Menschen“ im aut. architektur und tirol.

Carmen Müllers Ausstellung „Von Gärten, Pflanzen und Menschen“ im aut läuft bis 20. Februar.

Leidenschaft für das Beet

Für „Von Gärten, Pflanzen und Menschen“ befasste sie sich mit öffentlichen und privaten Gärten, Pflanzen und Menschen in und um Innsbruck. Müller sprach mit Gärtnern und Pflanzenforschern, studierte botanische Sammlungen und führte intensive Feldforschungen durch.

Gleich vorweg: Die Schau mit Fotografien, Zeichnungen und Stickereien, mit Pflanzen, Fundstücken, exotischen Objekten und Pflanzensammlungen fasziniert ungemein und lässt den Besucher selbst zum Forschenden werden.

Jeder Garten spiegelt auch die Leidenschaften, Schwerpunkte und Vorlieben des Gärtners.

Gärten und Gärtner

Sofort zum Durchforsten lädt eine Kiste mit Fotografien und Texten. Es handelt sich dabei um Aufnahmen von Gärten in und um Innsbruck. Dazu kommen Beschreibungen und Auszüge aus den Gesprächen, die Müller mit den jeweiligen Besitzern und Nutzern geführt hat.
Die Palette reicht von privaten Themen- bis zu Gemeinschaftsgärten, von Bauern- und Schrebergärten bis zu botanischen Gärten (über den Botanischen Garten in Hötting habe ich hier gebloggt). Die Gesprächspartner reden über ihre Leidenschaft fürs „Gartln“ und ihre Vorlieben. Sie geben Tipps und verraten Kniffe im Zusammenhang mit Pflanzung und Pflege.

Carmen Müller, selbst leidenschaftliche Gärtnerin, verfügt über ein großes Wissen rund um die Eigenschaften von Pflanzen.

Mini-Bergl und Hausmittel

So erzählt Kurt etwa von seinem „Mini-Bergl“, seinem Steingarten in Hötting, den er vor Jahrzehnten angelegt hat und seither liebevoll pflegt. Oder verrät Renate, die einen Garten an der Innpromenade in Kranebitten betreibt, ihr Rezept für Ringelblumensalbe. Dafür wärmt sie die frischen Blüten in Kokosöl, füllt diese in Gläser und lässt sie mehrere Wochen an einem warmen Ort stehen. Dann entfernt Renate die Blüten und fertig ist ein vielseitiges Hausmittel. Die Rezepte, Tipps und Anekdoten sind wunderbar zu lesen.
Die Fotos spiegeln Vorlieben und Persönlichkeit der Gestalter – von chaotisch bis akkurat, von Permakultur bis traditioneller Anbauweise ist alles dabei.

Die Südtiroler Künstlerin befasst sich in ihren Arbeiten seit vielen Jahren mit Themen rund um den Garten.

Alte Sorten neu entdeckt

Passionierte Gärtner kennen natürlich den Unterschied zwischen Acker- und Gartenbohne. Während die Ackerbohne, auch bekannt als Sau- oder Pferdebohne, schon vor über 8.000 Jahren in Israel kultiviert wurde, kam die Gartenbohne erst nach Christoph Kolumbus nach Europa.
So wie die Garten- die Ackerbohne überholte, werden alte Sorten immer wieder von Neuzüchtungen verdrängt. Seit über 100 Jahren verwahrt die Tiroler Genbank alte heimische Sorten aus Acker und Garten. Über 1.000 Sorten aus 35 Arten zählt sie, darunter zahlreiche traditionelle Erdäpfelsorten, wie zum Beispiel die „Blaue“ mit violetter Schale oder eine wegen ihrer krummen Form als „Krumpe“ bezeichnete.

Manuskript über parasitäre Samenpflanzen des Innsbrucker Botanikers Emil Heinricher (1856-1934)

Alte Sorten sind Kulturerbe und optimal an die alpinen Bedingungen angepasst. Als besonders prägnantes Beispiel findet sich in der Ausstellung unter anderem die Fisser Imperialgerste. Diese erlebte in den letzten Jahren eine Renaissance und wird im Tiroler Oberland wieder angebaut.

Vielfalt der Formen

Carmen Müller spürt einzelnen Pflanzen nach und unterzieht sie einer genauen Beobachtung. In feinen Tuschezeichnungen und Temperabildern legt sie die Strukturen von Doldenblütlern, Zweigen und „Tschurtschn“ (Baumzapfen) frei. Die Künstlerin übersetzt die Symmetrien von Blüten und Blättern in Stickereien auf Leinen, füllt Vitrinen zu einzelnen Themen – und nimmt den Besucher mit auf eine Reise durch die faszinierende Welt der Pflanzen und des Gärtnerns.

Getrocknete Dahlien finden sich neben Stickereien, die sich der Symmetrie der Blüten widmen.

Eine übersichtliche Ausstellung, die einem die Wunder der Natur nahebringt und den Blick schärft für Gärten und Gartenanlagen, für das Kleine im Großen. Nicht zuletzt nährt „Von Gärten, Pflanzen und Menschen. Eine künstlerische Feldforschung in und um Innsbruck“ die Vorfreude auf den Frühling, wenn wieder alles treibt und sprießt, wenn Gärten, Terrassen und Balkone nach ihren Gärtnern rufen.

Da alle Kultureinrichtungen derzeit wegen des Lockdowns geschlossen sind, hier ein Film zur Ausstellung – ein toller Vorgeschmack auf und Einblick in die Ausstellung:

Konzept und Umsetzung: Valerie Messini
Fotos und Filme: Günter Richard Wett und Carmen Müller
Musik: Johann Sebastian Bach, Partita in a-Moll für Flöte, BWV 1012 (Marten Root, Netherlands Bach Society)

Carmen Müller: Von Gärten, Pflanzen und Menschen. Eine künstlerische Feldforschung in und um Innsbruck
Bis 20. Feber 2021

aut. architektur und tirol
Lois-Welzenbacher-Platz 1
6020 Innsbruck
Tel. +43 512 571567
Mail: info@aut.cc
www.aut.cc

Informationen über die aktuell geltenden Sicherheitsmaßnahmen bezüglich der Corona-Pandemie, Öffnungszeiten und Ausstellungsdauer finden sich unter www.aut.cc

Der Veranstaltungskalender von Innsbruck Tourismus gibt einen Überblick über alle Termine in Innsbruck und Umgebung.

Fotos, wenn nicht anders angegeben: © Susanne Gurschler