Weshalb feiert die gute alte Volksmusik ausgerechnet in unseren Tagen eine Renaissance? Warum sind Volksmusikanten stets gut aufgelegt? Und: wie schaffen sie es, ihre gute Laune innerhalb kurzer Zeit auf hunderte Zuhörer zu übertragen? Fragen, auf die ich beim diesjährigen ‚Aufg’horcht’-Volksmusikfest Ende Oktober in Innsbrucks Altstadt Antworten suchte. Und auch fand.

Sicher, Innsbruck ist in Sachen Volksmusik in einer wahrhaft beneidenswerten Situation. Als Herma Haselsteiner und Sepp Landmann hier vor nunmehr 51 Jahren den Tiroler Volksmusikverein gründeten wollten sie damals vermutlich noch retten, was zu retten blieb: die uralte Musiktradition der Alpenländer. Die Initialzündung zum Wiedererstarken der echten Volksmusik erfolgte dann ab 1974 mit dem alle zwei Jahre stattfindenden Alpenländischen Volksmusikwettbewerb um den Herma Haselsteiner-Preis. Das entscheidende Kriterium dieses Preises: Es sind – von Ausnahmen abgesehen – nur junge Musikanten zugelassen, die alte Musikliteratur ihrer Region zum Besten geben. Seither hat die traditionelle Volksmusik in der Schweiz, Österreich und in Deutschland wieder eine Zukunft.

Volksmusik - Aufg'horcht

Die Barolksmusik Waldorf aus Tirol bei ihrem Auftritt vor dem Goldenen Dachl

Eine wichtige Ergänzung erfolgte dann 2014. Peter Margreiter, Mitglied der „Stubaitaler Freitagsmusik“ und exzellenter Volksmusikant, war zum neuen Obmann des Tiroler Volksmusikvereines gewählt worden.  Er und sein Team taten damals einen entscheidenden Schritt in die breite, in die quasi anonyme Öffentlichkeit. Unter dem Titel „Aufg’horcht, Volksmusik erobert die Stadt“ wird seither jeweils im Oktober auf Straßen und Plätzen der Hauptstadt der Alpen volksmusiziert. Und wie! Inzwischen kann von einer Eroberung der Stadt nicht mehr die Rede sein. Innsbruck liegt – man konnte dies heuer eindrucksvoll feststellen – den jungen Musikanten regelrecht zu Füßen.

Aufg’horcht: aus Innsbrucks Terminkalender nicht mehr wegzudenken

Ich hatte das Glück, 2014 erstmals über diese – in meinen Augen richtungsweisende – Öffnung der Volksmusik berichten zu dürfen. Anfänglich, ich erinnere mich noch gut, waren die Leute überrascht. Warme Harfentöne, zarte Dreigesänge, feines Zitherspiel und virtuos dargebotene Harmonikaweisen überraschten damals die Passanten in der Innsbrucker Innenstadt. Verwundert waren Einheimische und Touristen über jugendliche Musikanten, die bereits über ein unglaubliches Können auf ihren Instrumenten verfügten. Die Reaktionen des Publikums waren grandios. Die Veranstaltung errang daraufhin mit Fug und Recht einen Fixplatz im Oktober-Terminkalender der Landeshauptstadt. Meine erste Frage nach den Gründen der Renaissance der Volksmusik war damit grundlegend beantwortet: weil immer mehr Jugendliche die Schönheit, die innere Ruhe und vor allem die wundersame Tonalität der Volksmusik erkennen und zu deren begeisternden Interpreten werden.

Gruppe Herbstblattl, Volksmusik in Innsbruck, Nordkette

Therese von der Volksmusikgruppe Herbstblattl aus Oberösterreich zeigte so richtig ihre Freude beim Musizieren. Das überträgt sich direkt auf die Zuhörer.

Die kleine Harfinistin der 'Eggehaisl Musig' aus Südtirol ist ein gutes Beispiel dafür, wie gut die Nachwuchsarbeit in der Volksmusik ist.

Die kleine Harfinistin der ‘Eggehaisl Musig’ aus Südtirol ist ein gutes Beispiel dafür, wie gut die Nachwuchsarbeit in der Volksmusik ist.

Auch heuer wieder freuten sich hunderte Menschen (ich schätze, es waren weit über 1.500) über die Lebenslust, die Spielfreude, das Können und die wunderbaren Melodien der jungen Musikantinnen und Musikanten. Und aus dem Aufg’horcht wurde auch ein “Auftanzt”. Denn zum Abschluss des Tages tanzten mehr als 500 Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Volkstanz und des Landestrachtenverbandes eine Stunde lang (!) mit den jungen Musikern und mit enthusiasmierten Passanten auf dem Platz vor dem Goldenen Dachl. Sehr zur Freude vieler ausländischer Touristen, die die Speicherkapazitäten ihrer digitalen Kameras bis zum Äußersten strapazierten.

Freiluftkonzert der Preisträger

Erstaunlich war auch heuer wieder die musikalische Qualität der Darbietungen auf Straßen und Plätzen in der Altstadt. Aber das ist kein Wunder, handelte es sich doch bei den Musikanten um die Gewinner der letztjährigen Herma-Haselsteiner-Preise. Somit spielten samt uns sonders die besten Nachwuchs-Volksmusikanten aus der Schweiz, Österreich und Deutschland einen Tag lang auf. Innsbruck darf sich also durchaus geschmeichelt fühlen.

Das Harfenduo Ausserlechner/Steiner aus Tirol vor dem ehrwürdigen Goldenen Adler in Innsbrucks Altstadt.

Das Harfenduo Ausserlechner/Steiner aus Tirol vor dem ehrwürdigen Goldenen Adler in Innsbrucks Altstadt.

Was mich aber herzhaft interessiert: weshalb Jugendliche mit einer ungekünstelten Begeisterung uralte Musikliteratur wieder zum Leben erwecken und diese teilweise sogar neu interpretieren. Und das mit einem Lächeln im Gesicht, das auf alle Zuhörer ansteckend wirkt. Es ist für mich nur damit zu erklären, dass sie mit dieser Musik quasi ein Grundrauschen wiedergeben, das ich als das musikalische Grundrauschen der Alpen bezeichnen möchte und das von Herzen kommt. Anders ist es für mich nicht erklärbar, weshalb Musikanten und Zuhörer gleichermaßen von den Melodien verzückt werden und für kurze Zeit eine innere Ruhe, Entspannung und Ausgeglichenheit finden.

Volksmusik Gramart Musig

Die Gramårt Musig aus Innsbruck war auch heuer wieder quasi der ‘Lokalmatador’ auf den Straßen und Plätzen der Stadt.

Volksmusik in Innsbrucks Altstadt

Aus Aufg’horcht wird schön langsam ein touristisches Oktober-Highlight. Diese japanischen Frauen waren jedenfalls begeistert.

Und so ticken denn auch die jungen Volksmusikanten – jedenfalls für mich – sichtbar anders als ihre Alterskollegen. So, als wären sie eine eigene ‚Sorte‘ Mensch. Sie lernen von klein auf das Zusammenspiel, das Hören auf die anderen und das Eingliedern in ein musikalisches Ganzes. Und sie scheinen sich diesem ‚Grundrauschen der Alpen‘ mit allen Sinnen hinzugeben. Man sieht es ihnen förmlich an: Lachend, scherzend und musizierend übertragen sie ihre Lebenslust auf die Zuhörer, die sich dieser positiven Energie nicht entziehen können.

Peter Margreiter, Obmann des Tiroler Volksmusikvereins

Peter Margreiter, Obmann des Tiroler Volksmusikvereins darf stolz sein: Die Idee “Aufg’horcht, Volksmusik erobert die Stadt” ist bereits zu einem fixen Bestandteil des Oktoberprogrammes in der Innsbrucker Altstadt geworden. Heuer fanden sich zudem 500 Tänzer und ‘Trachtler’ zu einem großen Abschlussreigen vor dem Goldenen Dachl ein.

Weder Verstärker noch Noten. Das ist Volksmusik.

Dass auch beim vergangenen Aufg’horcht weder Verstärker, Mikrofone oder Noten zu sehen waren, ist ein anderer Aspekt, der diese jungen Musikanten auszeichnet. Sie verzichten grundsätzlich auf technischen Schnickschnack aber auch auf die kommerzielle Ausbeutung der Musik. Apropos Kommerz. Ich wollte von Peter Margreiter wissen, wie er Volksmusik von volkstümlicher Musik trenne. „Volksmusikanten spielen für sich und für die Zuhörer ohne daran zu denken, was man damit verdienen könnte. Sie spielen um des Spielens Willen und vor allem dafür, den Zuhörern viel Freude zu bereiten“. Seine Erklärung beantwortet all meine Fragen nach der zunehmenden Beliebtheit echter Volksmusik.

Meine Tipps:

  • Der Volksmusikverein hat mit den Haselsteiner-Preisträgern des vergangenen Jahres ganz wunderbare CDs gestaltet. Die ‘Ausgabe 1’ ist bereits erschienen und kann hier bestellt werden: https://www.tiroler-volksmusikverein.at/shop/cds-videos/
  • Das Tiroler Adventsingen findet heuer erstmals an 3 verschiedenen Terminen statt: am 9. Dezember um 17:00 Uhr und am 10. Dezember um 14:00 und 17:00 Uhr. Tickets unter www.tiroler-volksmusikverein.at