Weshalb spielen viele Volksmusikanten auf völlig ungeputzten, ja richtig schmuddeligen Blech-Blasinstrumenten? Die Antwort auf diese Frage war für mich genauso überraschend wie der sensationelle Erfolg der Volksmusik-Klangwolke namens ,Aufg‘horcht‘ in Innsbruck.

Viele werden sich noch erinnern, als Ende Oktober des letzten Jahres urplötzlich junge Leute in der Altstadt aufspielten und aufgeigten. Aber: es waren nicht die ,herkömmlichen‘ Stadtmusikanten, die meist abgedroschenes, englisches Liedgut neueren Datums zum Vortrage brachten. Nein, es handelte sich im vergangenen Jahr schon um hervorragende Interpretationen teils uralter alpenländischer Volksweisen. Um klassische Volksmusik also. Aus dem damaligen ,Flashmob‘ – einer unangekündigten, quasi blitz- und überfallsartigen Veranstaltung im Rahmen des Haselsteiner-Volksmusikpreises – ist heuer ein zauberhaftes Fest der Volksmusik geworden. 

Sieben junge Frauen und ein junger Bursche: das ist Ybbsfeldstreich. Eine Gruppierung, die Volksmusik auf bereits sehr hohem Niveau darbietet.

Sieben junge Frauen und ein junger Mann: das ist Ybbsfeldstreich.. Seit Aufg’horcht bin ich ein Fan dieser Gruppe aus Niederösterreich, die trotz ihrer Jugend Volksmusik auf sehr hohem Niveau darbietet.

Sonja und Peter Margreiter

Sonja und Peter Margreiter

Aufg‘horcht war das Motto. Oder war es doch mehr ein Fanal? Denn die 22 Musikgruppen nahmen sich nicht weniger vor als die ,Erstürmung‘ der Hauptstadt der Alpen vermittels Volksmusik. Und auf dem Feldherren-Hügel des ,Eroberungsfeldzuges‘ standen die Aktivisten des Tiroler Volksmusikvereins. Allen voran Peter und Sonja Margreiter, selbst blendende Volksmusikanten der Stubaier Freitagsmusik.

Fand am Freitagabend das erste volksmusikalische ‘Scharmützel’ nur auf der Seegrube statt, so nahmen die Musikantinnen und Musikanten am Samstag die gesamte Innenstadt Innsbrucks in Beschlag. Auf sechs Plätzen wurde zwischen 11 und 17 Uhr musiziert, es wurde ‘gsungen’ und ‘gspielt’, dass es eine Freud’ war.

Wahre Zuschauermassen säumten die Auftritte der Musiker vor dem Goldenen Dachl

Wahre Zuschauermassen säumten die Auftritte der Musiker vor dem Goldenen Dachl

Ich war mir – ehrlich gesagt – nicht sicher, wie diese Veranstaltung ankommen würde. Wahre Zuschauermassen und die ehrliche Begeisterung der Passanten in der Innsbrucker Altstadt gaben dann aber die eindeutige Antwort: Aufg’horcht hat sich nicht nur in die Herzen der Innsbrucker und vor allem der Volksmusikfreunde gespielt. Ich denke, die Musikanten haben sich mit ihren Auftritten in den fixen Veranstaltungskalender der Hauptstadt der Alpen gespielt.

Die Alphörner der Stubaier Alphornbläser wirkten in der Maria Theresienstraße wie Helebarden mittelalterlicher Landsknechte.

Die Alphörner der Stubaier Alphornbläser wirkten in der Maria Theresienstraße wie Helebarden mittelalterlicher Landsknechte. Es handelte sich ja auch um die Eroberung der Stadt mittels Volksmusik…

So geht das mit der Jugendförderung

Besonders augenfällig war das Alter – oder besser gesagt die Jugend – der Musikanten. Geradezu sensationell fand ich die Qualität der Darbietungen dieser jungen Leute. Da wurde deutlich, dass die neue Volksmusik auf einer sehr guten Ausbildung basiert. Und dass der Tiroler Volksmusikverein auf einem ganz ausgezeichneten Weg ist, dieses Potential nicht nur zu fördern, sondern auch einer breiten Öffentlichkeit hervorragend zu präsentieren. Respekt. 

Ich geb's zu: ich bin ein Fan von Ybbsfeldstreich.

Ich geb’s zu: ich bin ein Fan von Ybbsfeldstreich.

Und aus dieser Masse sehr guter, junger Musiker ragten einige noch heraus. Mir hatten es im vergangenen Jahr vor allem die sieben jungen Frauen samt dem jungen Burschen von Ybbsfeldstreich angetan. Ihre Darbietungen waren nicht nur höchst präzise, ja quasi professionell. Sie reichern die traditionelle Volksmusik mit neuartigen Rhytmen und Phrasierungen an. Teilweise genial, wie ich meine. Ybbsfeldstreich wird ihren Weg gehen, da bin ich mir absolut sicher.

Die Gramartmusig hatte in der Selfie-Box sichtlich Spaß und gute Laune. Bild: © Tiroler Volksmusikverein

Die Gramartmusig hatte in der Selfie-Box sichtlich Spaß und gute Laune. Bild: © Tiroler Volksmusikverein

Damit möchte ich nicht die Leistungen aller anderen Musikantinnen und Musikanten schmälern. Das exzellente Niveau der Darbietungen ist ganz besonders am Samstagabend (24. Oktober) augenscheinlich geworden. Beim Abschlusskonzert im Bierstindl geigten die 22 teilnehmenden Gruppen nocheinmal so richtig auf.

Die Böllerhofmusik aus dem Stubai überzeugte ebenfalls mit einer feinen musikalischen Leistung.

Die Bröllerhofmusik aus dem Stubai überzeugte ebenfalls mit einer feinen musikalischen Leistung.

Und ich weiß jetzt auch, weshalb Volksmusik so urig klingt. Es hängt mit den ungeputzten Blechtubas, den schmuddeligen Flügelhörnern und den mit Fingerabdrücken übersähten Bässen zusammen. Wie mir nämlich Sepp Unterhuber von “Maultasch und Tiroler Kas” flüsterte, würden sich Pionierpflanzen auf den vor sich hin gammelnden Instrumenten breit machen. Und erst damit für den ‘urigen’ Ton der Volksmusik sorgen.

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bayerischer musikant, © Thomas Erichsen, Tiroler VolksmusikvereinP.S.: Um ehrlich zu sein, ich konnte bei ‘Aufg’horcht’ ein weiteres Rätsel der Volksmusik lösen. Nämlich jenes, weshalb denn viele Volksmusikanten Hüte tragen. In allen Farben und Formen. Na, ganz einfach: die verdienen so wenig, dass sie ihn immer in der Zuhörerschaft herumreichen müssen, um halbwegs über die Runden zu kommen.

P.P.S.: Wer sich ein ausführliches Bild der Veranstaltung machen will, hier der sehenswerte Film auf Youtube.