Theater weiterdenken, innovativ bleiben, ausloten, was Theater und Performance eigentlich heißt – die Zielsetzungen des Vereins haben sich im Wesentlichen nicht geändert. Nur der Name und die Zusammensetzung des Teams. Aus „tON/NOt“ wurde Anfang 2020 Triebwerk7. Mit dem Stück „Nur Kinder, Küche, Kirche?“ geht es los.

Aus „tON/NOt“ wird „Triebwerk7“: Tamara Burghart, Martin Fritz, Michaela Senn und Carmen Sulzenbacher (v.l.). Foto: © Daniel Jarosch

Triebwerk7

„Ein Triebwerk schien uns ein gutes Bild dafür, was wir erreichen wollen: Dinge in Bewegung bringen, Energie erzeugen. Die Sieben als unsere Lieblingszahl macht das allgemeine Triebwerk spezifisch und regt an, sich die Frage zu stellen, was wir eigentlich mit dem Namen meinen“, erklärt Martin Fritz, im Verein für Text, Performance und Dramaturgie zuständig.

Triebwerk7 sorgt für Bewegung auch bei den Zuschauern. „Nur Kinder, Küche, Kirche“ ist als Stationentheater angelegt. Foto: © Carmen Sulzenbacher

Zum Auftakt beschert uns das Team ein Theaterstück der italienischen Schauspielerin Franca Rame und ihres Mannes, des Theatermachers und Literaturnobelpreisträgers Dario Fo. „Nur Kinder, Küche, Kirche“ (auf Italienisch: „Tutta casa, letto e chiesa“), uraufgeführt 1977, umfasst elf Monologe.
Es geht um die (sexuelle) Ausbeutung von Frauen in unserer Gesellschaft, um das Korsett aus Kindererziehung, Hausarbeit und Einhaltung moralischer Prinzipien, das ihnen von Kirche und Gesellschaft aufgezwungen wird.

Nur Kinder, Küche, Kirche

Das Thema hat wenig an Aktualität eingebüßt. Die Coronakrise hat gezeigt, wie schnell uns gesellschaftliche Errungenschaften wieder abhandenkommen, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern.
„Diesen Backlash haben wir nicht zuletzt im Zuge der aktuellen Pandemie gesehen, wo es wie sonst auch in der Mehrzahl Frauen waren, die die so genannte systemrelevante Arbeit im Gesundheits- und Pflegewesen sowie im Einzelhandel unter Gefährdung ihrer Gesundheit und noch dazu schlecht bezahlt trotz Krise weiter verrichteten“, so Martin Fritz.

In das zum Kirchenraum samt Beichtstuhl umfunktionierte Foyer flüchtet Carmen Gratl. Foto: © Carmen Sulzenbacher

Dazu käme die nicht bezahlte und nicht gewürdigte Care-Arbeit im sogenannten privaten Bereich. Es waren überwiegend die Frauen, die den Haushalt führten, die Kinder beaufsichtigten, die psychischen Ausnahmebelastung für die Familienmitglieder ausgleichen mussten, „während Männer im Homeoffice produktiv und anerkannt gemütlicher durch die Krise kamen und kommen.“

In der Ferrarischule

Schon der Ort, den Triebwerk7 für die Aufführung von „Nur Kinder, Küche, Kirche“ gewählt hat, weckt die Neugierde. Die Ferrarischule ist eine berufsbildende Schule für Wirtschaft und Mode und heißt eigentlich Höhere Bundeslehranstalt für wirtschaftliche Berufe – HBLA. Der Name stammt vom denkmalgeschützten Palais Ferrari im Norden des Campus.

Die Höhere Bundeslehranstalt für wirtschaftliche Berufe, kurz Ferrarischule, fungiert als Aufführungsort. Foto: © Carmen Sulzenbacher

Errichtet wurde es Ende des 17. Jahrhunderts von Hieronymus Bernhard Graf Ferrari von d’Occhieppo nach Plänen des Innsbrucker Baumeisters Johann Martin Gumpp. Die Schule ist hier seit 1926 untergebracht, 1971 kam ein neues Schulgebäude dazu, das 2018 saniert und aufgestockt wurde.
Für Regisseurin Julia Jenewein, Absolventin der Schule und beim Theaterprojekt dabei, eigneten sich die Räume ihrer ehemaligen Schule perfekt für das Theaterprojekt. Immerhin brauchten sie für die Umsetzung der vier Szenen vier verschiedene Räume – das Publikum wandert von Station zu Station, natürlich unter Einhaltung der COVID-19-Schutzmaßnahmen.

Vier Stationen

Die Regisseurin beziehungsweise die Darstellerinnen spicken „Nur Kinder, Küche, Kirche“ mit ordentlich Humor, mit untergründigem Sarkasmus und garnieren das Stück mit Pfiff – die Frauen wissen sich zu wehren. Das Foyer des Palais ist zum Beichtstuhl umfunktioniert. Eine Aussteigerin (Carmen Gratl) breitet vor einem „Pfaff“ ihr bisheriges Leben aus, erzählt, warum sie Mann und Kind verließ.

Klaustrophobisch wird es im Keller der Ferrarischule. Eingesperrt und terrorisiert vom Ehemann, greift die Hausfrau zur Waffe. Foto: © Carmen Sulzenbacher

Im Kellergewölbe klagt eine Hausfrau (Tamara Burghart) der Nachbarin durchs Fenster ihr Leid. Ihr Mann sperrt sie ein, ruft ständig an, terrorisiert sie, während sie sich um den Haushalt, das plärrende Kind und den gelähmten Schwager kümmert.
Weiter geht es für die Zuschauer drei Stockwerke hinauf. Der Nähraum der Schule fungiert als psychiatrische Anstalt. Dort findet sich eine Prostituierte (Alica Sysoeva) wieder und lässt ihr vermurkstes Leben Revue passieren.

Der Nähraum mit großen Zuschneidetisch in der Mitte wird zur psychiatrischen Anstalt. Foto: Carmen Sulzenbacher

Rumms!

Zu guter Letzt plumpst Alice aus dem Wunderland im Gang von einer Welt in die nächste … Wie das ausgeht, wird hier natürlich nicht verraten.
So viel aber schon: Triebwerk7 bringt ordentlich Bewegung ins Theater – im wahrsten Sinne des Wortes! Die 1,5 Stunden „Nur Kinder, Küche, Kirche“ vergehen wie im Flug.

Triebwerk 7
„Nur Kinder, Küche, Kirche?“ von Franca Rame und Dario Fo
Theaterstück von und mit: Julia Jenewein, Tamara Burghart, Carmen Gratl, Alica Sysoeva, Franka Goller, Elena Ledochowski, Michaela Senn, Carmen Sulzenbacher, Natalie Nagl, Sarah Caliciotti, Martin Fritz

Spielort Ferrarischule
Weinhartstraße 4
6020 Innsbruck
Infos und Karten unter www.triebwerk7.at
Termine 14., 15., 16., 21., 22., 23., 29., 30. Oktober, jeweils 20.00 Uhr

Informationen zu allen Kulturevents in der Region Innsbruck finden sich im Kulturkalender von innsbruck.info.