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Stöbern in der Bibliothek des Kapuzinerklosters

Das Kapuzinerkloster Innsbruck [1] ist das älteste in Österreich, Deutschland und Südtirol. Und es beherbergt die Provinzbibliothek der österreichischen Kapuzinerprovinz. Die Bibliothek [2] des Kapuzinerklosters ist damit die Zentralbibliothek des Ordens in Österreich-Südtirol.

Manfred Massani weiß einige Anekdoten aus der Geschichte der Bibliothek, des Kapuzinerklosters zu erzählen.

Bereits ein Jahr nach Baubeginn zogen am 18. Dezember 1594 die ersten Ordensmitglieder ein. Schon wenige Jahre später erfolgte eine Erweiterung, um eine Bibliothek einzurichten. Mit der Erhebung zum Studienkloster 1615 wuchs auch die Bibliothek beachtlich an.

Volksseelsorger und Prediger

Um die Bibliothek zu besuchen, melden sich Außenstehende beim Pförtner und werden vom Provinzbibliothekar Manfred Massani abgeholt. Alles Laute, Hektische bleibt draußen, angenehme Stille umfängt einen. Die Kapuziner haben sich einem einfachen Leben im Glauben verschrieben, ihr Trakt ist von den öffentlich zugänglichen Bereichen wie der Bibliothek getrennt.

Viele Bücher sind noch nicht per Computer, sondern nur im Zettelkatalog erfasst.

Da sich die Kapuziner [3] als Volksseelsorger verstanden (und verstehen), standen Predigtwerke, Frömmigkeitsliteratur, Fachliteratur aus der Kirchengeschichte, Rechts- und Moralschriften im Zentrum. Aber die Kapuziner sammelten auch weltliche Literatur, Romane, Erbauungsbücher, Dramen und Lyrik. Denn sie wollten wissen, was die Leute lesen, wie Massani betont. Mit seiner Kollegin Miriam Trojer bietet er Führungen sowie Workshops für Schulen, Jugendliche und Erwachsene an.

Was eine Online-Recherche nicht kann: die Atmosphäre einer Bibliothek vermitteln.

Vom Giftschrank zum Online-Katalog

Dass bereits früh zahlreiche Bücher angeschafft werden konnten, verdankte das Kloster Erzherzog Maximilian III. [4], genannt der Deutschmeister. Er war von 1602 bis 1618 Landesregent, unterstützte das Kloster tatkräftig und erließ einen „Kammerbefehl“, demzufolge für gekaufte Bücher die Kosten zu übernehmen seien. 1623 erhielt das Kloster einen eigenen Bibliothekar.

Die Zentralbibliothek des Kapuzinerordens in Innsbruck umfasst rund 130.000 Bücher.

Zudem finden sich hier die Buchbestände weiterer Klöster, etwa Kitzbühel, Klagenfurt oder Gmunden. Wie andere hatte auch die Bibliothek der Kapuziner einen „Giftschrank“ mit Büchern, die wegen ihres Inhalts unter Verschluss blieben und nur für Professoren zugänglich waren. Heute wird das nicht mehr so streng gehandhabt, schmunzelt Massani.

Recycling in früheren Jahrhunderten: Alte Notenblätter dienen als Einband.

Die Besucher können zwar auch online stöbern (rund 78.000 Bücher sind dort erfasst), aber ein Gang durch die Bibliotheksräume lässt das Herz jedes Buchliebenden höherschlagen. Allein durch die Regale zu streifen, ist ein Genuss und vermitteln viel über die Geschichte der Kapuziner, die zur Missionierung in alle Teile der Welt entsendet wurden.

Versteckte Kostbarkeiten

Die Ordensbrüder lernten die Sprache der Einheimischen, beschäftigten sich mit der Kultur der Länder, wovon Wörterbücher ebenso zeugen wie landeskundliche Schriften. Besonderes Augenmerk sollten Besucher bei alten Büchern auf die Einbände legen. So erfahren sie, dass der Recyclinggedanke keine Erfindung heutiger Tage ist. Alte Notenschriften leisteten wertvolle Dienste als Einbände.

Bücher aus der Zeit des frühen Buchdrucks sind besonders wertvoll.

Zu den wertvollsten Beständen gehören die Inkunabeln [5]. So nennt man alle gedruckten Schriften, die bis 1500, also in den ersten 50 Jahren des Buchdrucks entstanden sind. Sie orientierten sich in Aufmachung, Typografie und Illustration her noch stark an den Handschriften des Mittelalters. Manfred Massani holt gerne besonders schöne Inkunabeln aus dem Archiv und erzählt deren Geschichte.

Inkunabeln mit Geschichte

Ein echter Schatz ist etwa „Schatzbehalter der wahren Reichtümer des Heils“ des Franziskanerpredigers Stephan Fridolin. Was der Einband mitnichten vermuten lässt, bestehen die Buchdeckel doch aus Karton beziehungsweise Papier. „Solche Einbände schützten alte Werke zum Beispiel vor dem Zugriff der Nazis, die Bibliotheken systematisch nach wertvollen Kulturgütern durchforsteten und Inhalte anhand derartiger Hüllen als nicht sonderlich wertvoll klassifizierten“, so Massani.

Albrecht Dürer dürfte an den Holzschnitten für den „Schatzbehalter“ mitgearbeitet haben.

Der „Schatzbehalter“ ist mit 96 ganzseitigen Holzschnitten versehen. Diese stammten von Michael Wolgemut [6] und Wilhelm Pleyenwurff [7], bei dem Albrecht Dürer [8] seine Lehre absolvierte. „Es ist davon auszugehen, dass Dürer an diesen Illustrationen mitgearbeitet hat“, erzählt Massani, während er vorsichtig im Buch blättert, auf besondere Merkmale und einzelne Motive verweist.

Inkunabeln lehnen sich bei den Illustrationen noch stark an Handschriften an.

So wunderbar illustrierte Bücher in echt zu sehen, ist nur einer von vielen Gründen, die Bibliothek der Kapuziner in Innsbruck zu besuchen. Manfred Massani führt einen die Besonderheiten der Bibliothek vor Augen, zeigt wertvolle Schriften und weiß viele Anekdoten und Details aus der Geschichte des Klosters, des Klosterlebens zu berichten.

Zentralbibliothek der Kapuziner
Kaiserjägerstraße 6
6020 Innsbruck
Kontakt: Provinzbibliothekar Manfred Massani
Tel. +43 512 584914-27
Mail: manfred.massani@kapuziner.at
www.kapuziner.at [2]
Aktuelle Infos zu den Öffnungszeiten und den notwendigen Corona-Schutzmaßnahmen finden sich unter www.kapuziner.at/oeffnung [9]

Neben der Bibliothek der Kapuziner laden eine Reihe weiterer spannender Bibliotheken zu Recherchen und zum Stöbern ein, die Universitäts- und Landesbibliothek Tirol [10] zum Beispiel oder das Stadtarchiv Innsbruck [11]. Über die Bibliothek des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum hat meine Bloggerkollegin Verena Abenthung hier [12] einen tollen Beitrag gestaltet. Weiterführende Infos zu anderen Kultureinrichtungen unter innsbruck.info [13]

Fotos, wenn nicht anders angegeben: © Susanne Gurschler

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