Viele von uns kennen das Kirchlein ‚vom Sehen‘. Aber nur wenige haben dieses Juwel der Tiroler Gotik auch tatsächlich besucht. Dabei ist St. Quirin sogar von Innsbruck aus mit freiem Auge sichtbar.

St. Quirin hat für mich seit jeher etwas Magisches. Denn als kleiner Bub, im Vorarlberger Rheintal aufgewachsen, fiel mir vor etwa 60 Jahren (!) ein Kalenderblatt in die Hand. Und da war ganz offenbar St. Quirin abgebildet. Eine Kirche am Abgrund, die umliegenden Bauernhöfe wie Schwalbennester am Hang klebend. Das war für mich damals wie ein Bild aus einem Märchenbuch das mich über alle Maßen faszinierte. Und das mein Tirolbild für immer prägte: Das Land im Gebirge war für mich fortan jenes Land, in dem Kirchen an dramatischen Steilhängen kleben. Nach all den Jahren, die ich nun schon in Tirol lebe und arbeite, raffte ich mich kürzlich auf, dieses von mir so geschätzte ‘Kirchlein im Steilhang‘ zu besuchen.

Wie ein Bergkristall erhebt sich St. Quirin aus dem steilen Südhang des Sellraintales. Bild: Danijel Jovanovic

Wie ein Bergkristall erhebt sich St. Quirin aus dem steilen Südhang des Sellraintales. Bild: Danijel Jovanovic

Unvergesslich: der Blick von St. Quirin ins Inntal. Bild: Danijel Jovanovic

Einzigartig: der Blick von St. Quirin ins Inntal. Bild: Danijel Jovanovic

Der Blick ins Inntal von St. Quirin aus ist überwältigend schön.

Die Steilheit der Hänge wird nur noch von der Schönheit der Landschaft übertroffen. Bild: Danijel Jovanovic

Ich geb’s zu: ich freute mich wie ein Schneekönig auf diesen Spaziergang. Denn die Lage macht St. Quirin für mich so unvergleichlich: Einem Bergkristall ähnlich wächst das Gotteshäuschen aus dem steilen Südhang des Sellrain auf 1243 m Seehöhe gen Himmel. Die Berge des Karwendel im Hintergrund, Nordkette und Patscherkofel links und rechts komplettieren dieses einzigartige Panorama. Man möchte eigentlich meinen, dieser Karfunkelstein einer Kirche sei ob ihrer Einzigartigkeit ein Tummelplatz für Gläubige und Touristen gleichermaßen. Weit gefehlt!

Ist es die Irrmeinung, die Kirche hoch über Sellrain sei – wenn schon nicht mit dem Auto – dann nur nach einem steilen kräftezehrenden Aufstieg zu erreichen? Schon möglich. Fakt ist aber: Von Gries aus führt ein sanft ansteigender, fantastisch gepflegter Besinnungswegentlang des Südhanges bis zur Höhenkirche mit ihrem phänomenalen Ausblick auf das tief unten liegende Inntal.

So steil sind die Bergmähder in St. Quirin. Bild: Danijel Jovanovic

Höfe und Ställe in St. Quirin scheinen am Hang zu kleben. Bild: Danijel Jovanovic

Eine prähistorische Trasse ins Kühtai?

St. Quirin liegt ja nicht zufällig an einem uralten Verbindungsweg vom Inntal ins Kühtai. Die erste urkundliche Erwähnung der Kirche erfolgte 1391 mit dem Zusatz “schon lange bestehend“. Für mich ist damit ein anderer Umstand klar: der heutige ‘Besinnungsweg’ von Gries nach St. Quirin verläuft auf einer Wegtrasse, die seit eh und je genutzt wird. Ich bin sogar sicher, dass Kaiser Maximilian von Oberperfuss kommend via St. Quirin über diesen Weg in seine geliebte Jagdhütte in Kühtai geritten ist. Vielleicht hat er in St. Quirin sogar kurz gerastet und gebetet.

Der Besinnungsweg von Gries nach St. Quirin führt auf einer uralten Wegtrasse, auf der vielleicht schon Kaiser Maximilian gewandelt ist.

Der Besinnungsweg von Gries nach St. Quirin führt auf einer uralten Wegtrasse. Hat vielleicht schon Kaiser Maximilian diesen Weg benutzt, wenn er sein Jagdrevier in Kühtai aufsuchen wollte?

Die uralten Pfade und Wege verliefen nur ganz selten auf dem Talboden. Sie wären zu sehr von der Natur beeinträchtigt worden, von den Bächen, Muren und Lawinen. Also wurden sie sich meist hoch über den Tälern, entlang der Hänge angelegt. Bei genauem Hinsehen sind die alten Trassierungen dieses Weges noch sehr gut auszumachen. Der Weg selbst ist in einem gepflegten, ja tadellosen Zustand. Teilweise wäre dieser historische Pfad sogar kinderwagengerecht.

Dass es sich um eine alte Wegtrasse handelt ist aus diesem Bild ersichtlich: Eine Trockensteinmauer sorgt dafür, dass die Wegstrecke frei und damit begehbar belibt. Bild: Danijel Jovanovic

Dass es sich um eine alte Wegtrasse handelt ist aus diesem Bild ersichtlich: Eine Trockensteinmauer sorgt dafür, dass die Wegstrecke frei und damit begehbar beleibt. Der Zaun belegt, dass der Weg auf einem alten Wegerecht basiert. Bild: Danijel Jovanovic

Von Gries über St. Quirin nach Oberperfuss

Ich bat meinen Freund Danijel Jovanovic, einen ganz wunderbaren Fotografen, mich bei dieser ‘Expedition’ auf den Sellrain-Südhang zu begleiten. Denn ich wollte dieses Kirchlein im besten Sinn und mit außergewöhlichen Bildern hier im Innsbruck-Blog ‚in Szene’ setzen. Wir nahmen kurzerhand den Bus und fuhren nach Gries im Sellrain.

Gries im Sellrain mit dem Blick ins Lüsener Tal mit dem Lüsener Fernerkogel. Bild: Danijel Jovanovic

Gries im Sellrain mit dem Blick ins Lüsener Tal mit dem Lüsener Fernerkogel. Bild: Danijel Jovanovic

Von hier aus führt der Weg sanft ansteigend über die Weiler Stallwies, Grubach, Duregg und Perfall nach St. Quirin. Nach rund 1 1/2 Stunden entspannten Wanderns erreichen wir St. Quirin, das in Sellrain als “Sankt Krein” bekannt ist. Im Dunkeln liegt der Grund, weshalb der Heilige Quirinus von Rom oder Quirinus von Neuss († um 115) zum Kirchenpatron erwählt worden war. Quirin war ein römischer Tribun und christlicher Märtyrer aus dem 2. Jahrhundert. 

Der Innenraum von St. Quirin ist ein kleines aber feines gotisches Juwel. Bild: Danijel Jovanovic

Der Innenraum von St. Quirin ist ein kleines, aber feines spätgotisches Juwel. Bild: Danijel Jovanovic

Außergewöhnlich ist der Vorraum des Kirchleins mit den großen Fenstern zur Südseite. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Raum einst als eine Art Schutzraum gedient hat, wenn Unwetter, Schnee und Eis ein Weiterkommen unmöglich gemacht haben.

Der normalerweise versperrte Kirchenraum wurde uns zu Ehren geöffnet und wir konnten die vielen spätgotischen Figuren, Fresken und den Altar bewundern. Sehenswert, vor allem aber hörenswert, ist die Orgel der Wallfahrtskirche, die vom Oberperfner Meister Mathias Weber Mitte des 19. Jahrhunderts gefertigt worden war.

Die Orgel von St. Quirin ist das Werk des Oberperfner Orgelbauers Mathias Weber. Bild: Danijel Jovanovic

Die Orgel von St. Quirin ist das Werk des Oberperfner Orgelbauers Mathias Weber. Bild: Danijel Jovanovic

Sehr reizvoll ist dann auch der Abstieg von St. Quirin durch die Bergmähder in Richtung Oberperfuss. Mir hat ein Bauer erzählt, dass früher auf diesen Hängen eigentlich nur Getreide angebaut worden sei. Heute sind es Bergmähder, die zum Großteil noch von Bauern gemäht und gepflegt werden.

Der Weg nach Oberperfuss führt dann entlang der Straße, was aber von der Aussicht auf das Inntal mehr als wett gemacht wird. Und entlang dieses Weges haben Danijel und ich Wildkräuter gesammelt die die Basis für unsere nächsten Blogeintrag ergeben: Wildkräuter aus dem Bergsteigerdorf Sellrain – die neue Delikatesse. Bleiben Sie dran, geschätzer Leser, atemberaubende Leserin. Wenn Sie den Beitrag nicht verfehlen wollen sollten sie den Innsbruck-Blog jetzt abonnieren…

Meine Tipps und Hinweise:

  1. Die Wanderung ist für alle Altersklassen zu empfehlen. Ob Familien oder Senioren, der Weg ist in einem ausgezeichneten Zustand, die Beschilderung ist vorbildlich.
  2. Ein Höhen- und Streckenprofil finden Sie hier.
  3. Fahren Sie mit dem Bus nach Gries i.S. und veranschlagen Sie für die Strecke Gries – St. Quirin rund 1 1/2 Stunden.
  4. Von St. Quirin aus können Sie genauso gut nach Sellrain absteigen. Am Weg liegt übrigens eine kleine, feine Besonderheit: Man passiert einen Honig-Selbstbedienungs-Stand. Ich kann diese Produkte aus eigener Erfahrung nur empfehlen.
  5. Wer nach Oberperfuss weiter wandert, sollte zusätzliche 1 1/2 Stunden veranschlagen.
  6. Busse verkehren von Oberperfuss nach Innsbruck im Stundentakt.
  7. St. Quirin ist überhaupt Ausgangspunkt einiger fantastischer Wanderungen. Hier sind die Möglichkeiten aufgelistet.