Telfer Schleicherlauf

Der Telfer Schleicherlauf am 01. Februar ist ein sehr schöner und der größte Fasnachtsumzug in Tirol. Alle 5 Jahre findet er statt, ist sehr pompös und für die Einheimischen fast wichtiger als der Heilige Abend.

Seit mindestens 1571
Die erste Quelle, in der die Telfer Fasnacht erwähnt wurde, ist ein Eintrag in den Causa Domini von 1571. Das ist eine Abschrift aus landesfürstlichen Akten, in denen die Fasnacht verboten wurde. Der Brauch ist seit jeher nie starr gewesen, sondern war stets lebendig.

 

Die Herolde oder die Fasnachtsrufer: Nach dem letzten Böllerschuss um 11.00 Uhr beginnt der Fasnachtszug. Als erstes geht die Gruppe Herolde los, die aus 7 Reitern besteht. Foto: Gerhard Füreder.

Die Herolde oder die Fasnachtsrufer: Nach dem letzten Böllerschuss um 11.00 Uhr beginnt der Fasnachtszug. Als erstes geht die Gruppe Herolde los, die aus 7 Reitern besteht. Foto:  Stefan Dietrich

Themen
1900 waren es die Burenkriege, 1905 der Krieg zwischen Japan und Russland, nach dem zweiten Weltkrieg die Mondlandung. Heute sind es Amerikas Präsident Obama, die Bankenkrise und die Landes- und Lokalpolitik, die thematisiert werden. Über 500 Aktive wirken an der Fasnacht mit, zu der es über 20.000 Zuschauer aus der Region und aus aller Welt zieht. Der Grund für den Rhythmus von 5 Jahren liegt vermutlich im hohen Aufwand, der dahinter steckt.

Teilnehmer der Fasnacht sind übrigens nur Männer. NUR! OK, stimmt nicht ganz, Frauen sind bei der Vorbereitung wichtiger als jeder Mann.

Winter, Maske, Sünder
Fasnachten werden nur in katholischen Gegenden gefeiert. Nach der Fastenzeit folgt die Fasnacht. Zentrale Figur bei Umzügen ist der Narr, der auch am Goldenen Dachl in Innsbruck abgebildet ist. In Telfs ist eine andere Figur aber wichtiger: der Schleicher. Über die Gründe der Fasnacht gibt es einige Theorien, die alle irgendwie nicht ganz stimmen, aber in der Bevölkerung stark verankert sind:

  • Winter austreiben: Die Theorie, die Figuren würden den Winter austreiben, stammt aus einer Denkschule des 19. Jahrhunderts. Dafür gibt es aber keinen einzigen wissenschaftlichen Beleg. Sie wurde ins populärwissenschaftliche Schriftgut übernommen und hat sich daher schnell und hartnäckig verbreitet: Selbst der ORF (Österreichische Rundfunk) berichtet jedes Jahr darüber. Nicht belegbar, sagen Ethnologen!
  • Mythos Maske: Gilt als der kleinste gemeinsame Nenner der Fasnachtstheorien. Jemand anderer zu sein, Freude am Theater zu haben, die Welt auf den Kopf zu stellen, das freut die Kinder in uns doch sehr. Aber auch diese Suppe ist dünn.
  • Sünder sind wir: Die Figuren, die bei der Fasnacht auftreten sind Bären, wilde Männer, gefährliche sowie exotische Tiere, die irgendwie aus der christlichen Glaubenslehre erklärbar scheinen. Einige davon sind Symbole für Sünder: Jedem, der sich frei von Sünde hält, dem wird ein Spiegel vors Gesicht gehalten. Wir alle benötigen jedenfalls Buße und Umkehr, alle sind wir schlecht. Auch das Weltbild des Sünders zusammen mit der Fasnacht schmeckt nicht nach ganz nach Echt.

Schleicher schleichen
Die wichtigsten Figuren sind die Schleicher (siehe: Titelbild), die Namensgeber der Fasnacht in Telfs: 1830 wurden sie zum ersten Mal erwähnt und sind bekannt für ihren Kreistanz. Nachdenklich wirken die Schleicher. Sie machen einen Totentanz am Friedhof und haben einen ganz bestimmten Schritt, der über Generationen überliefert wurde: Ihre Schellen dürfen nämlich nicht bei jedem Schritt aufschlagen; vermutlich heißen sie deswegen auch Schleicher. Sonst gibt es Bären, Kurpfuscher, Soafnsieder, Panzaffen, Wilde oder Menschen aus der Politik und viele andere.

 

Der Panzaffe ist Teil der wilden Männer. Foto: Gerhard Füreder

Der Panzaffe ist Teil der wilden Männer. Foto: Andreas Willinger

Die Kurpfuscher entstanden aus Mitgliedern des Telfer Roten Kreuzes. Inzwischen ist die Gruppe für jeden offen. Sie gibt eine kritisch-satirische Sichtweise in Sachen Medizin zum Besten. Foto: Roland Noichl

Die Kurpfuscher entstanden aus Mitgliedern des Telfer Roten Kreuzes. Inzwischen ist die Gruppe für jeden offen. Sie gibt eine kritisch-satirische Sichtweise in Sachen Medizin zum Besten. Foto: Roland Noichl

Vier Jahreszeiten heißt die dritte Gruppe, die durch Telfs zieht. Hier zu sehen ist der Winter. Foto: Gerhard Füreder

Vier Jahreszeiten heißt die dritte Gruppe, die durch Telfs zieht. Hier zu sehen ist der Winter. Foto: Gerhard Füreder

Die Wilden Männer sind die Ordnungshüter und Platzmacher für die Schleicher. Foto: Gerhard Füreder

Die Wilden Männer sind die Ordnungshüter und Platzmacher für die Schleicher. Foto: Stefan Dietrich

Kitt fürs Soziale
Vor der Fasnacht geschieht einiges – eigentlich ist sie nur das Ende von etlichen Veranstaltungen und Ritualen, die alle davor stattfinden. Über drei Monate davor geht es los: Zuerst werden die Wägen gebaut, es gibt Generalproben, die Esel müssen eingeführt werden, die Bären amüsieren sich auf ihrem Ball und am 6. Jänner wird der „Naz“, das Kind der Laninger, ausgegraben. Wen es interessiert: Details dazu findet ihr hier. Die Vorbereitungen zur Fasnacht sind also ein wichtiger Teil des Dorflebens. Sie ist so was wie sozialer Kitt für die Telfer: Die Menschen sitzen beisammen, arbeiten an einem Ziel, haben es lustig, manchmal auch stressig und schauen dabei auch bis ans Ende des Glases. Recht haben sie!

Ich bin dabei

Zu meiner Schande muss ich gestehen: Ich als Städter wusste wenig über die Fasnacht, wofür ich mich schäme. Dafür bin am 01. Februar fix dabei und mische mich unter die Zuschauer: Ich als Kindskopf habe sicher Spaß dabei. Wer nun neugierig geworden ist, der möge einen Ausflug nach Telfs riskieren. Vielleicht verliert ihr eure Sünden, treibt den Winter aus oder habt einfach nur Spaß am Umzug. Der Bär im letzten Bild ist neben den Panzaffen jetzt schon meine Lieblingsfigur! Tipp: Fangt ihn doch, bevor ihn jemand anderer erwischt…

Kurz vor Beginn des Fasnachtzuges müssen die drei wilden Bären im Ortsteil Meaderloch eingefangen werden. Foto: Gerhard Füreder

Kurz vor Beginn des Fasnachtzuges müssen die drei wilden Bären im Ortsteil Meaderloch eingefangen werden. Foto: Oskar Wurm

Titelbild: Oskar Wurm