Schloss Ambras südöstlich von Innsbruck entführt einen in die Zeit rumreicher Ritter, tugendhafter Burgherrinnen und großer Bankette. Zudem gibt es viel, viel Kunst zu entdecken. In der einzigartigen Kunst- und Wunderkammer Erzherzog Ferdinands II. sind derzeit echt “scharfe Kurven” zu sehen.

Schloss Ambras, Hochschloss, Außenansicht

Auf Schloss Ambras wandelt man durch vergangene Zeiten.

Ich sag’s frei heraus: Schloss Ambras ist eine Wucht. Die herrschaftliche Anlage südöstlich von Innsbruck ist an Romantik kaum zu überbieten: ein wunderbarer Park mit Teich und malerischen Wegen. Und mittendrin das Schloss samt Nebengebäuden: die Rüstkammern, die Kunst- und Wunderkammer, das Hochschloss mit musealen Schätzen Raum um Raum, der Spanische Saal.
Hier flanieren ist wie eine Reise in die Vergangenheit, in die Zeit edler Ritter, tugendhafter Burgfräuleins, rauschender Turniere und Feste – und ein Blick in die Blütezeit der Habsburger Dynastie. Einst war Schloss Ambras Wohnsitz von Philippine Welser (1527-1580), schöne und kluge Bürgerstochter aus Augsburg, in die sich der Habsburger Erzherzog Ferdinand II. (1529-1595) so leidenschaftlich verliebte, dass er sie – allen Standesunterschieden zum Trotz und gegen den Willen seiner Familie – heiratete.
Der Tiroler Landesfürst liebte nicht nur seine Philippine, er war auch ein passionierter Sammler. Seine Kunst- und Wunderkammer liebe ich ganz besonders. Was Erzherzog Ferdinand II. an Kuriositäten, Besonderheiten und Kostbarkeiten aus der damals bekannten Welt zusammengetragen hat, lässt meiner Fantasie Flügel wachsen. Edelste Goldschmiedearbeiten sind hier zu finden neben exotischen Naturalien, Mineralien, Tafelaufsätze und Prunkgefäße aus Bergkristall neben kunstvollen Objekten aus Holz und Elfenbein sowie Preziosen aus Perlmutt und Koralle. Nun gibt es etwas Neues zu entdecken.

Schloss Ambras, Kunst und Wunderkammer, Ansicht

Im Blick: die beiden neuen Prachtstücke in der Wunderkammer.

Bis Ende 2015 sind in der Kunst- und Wunderkammer von Schloss Ambras zwei Bilder ausgestellt, die normalerweise im Kunsthistorischen Museum in Wien beheimatet sind: „Odysseus und Kirke“ sowie „Venus und Mars, von Merkur gewarnt“, zwei erotisch-mythologische Gemälde von Bartholomäus Spranger. Er war ab 1581 Hofmaler bei Kaiser Rudolf II. in Prag, der neben Erzherzog Ferdinand II. zu den bedeutendsten Sammlern der Habsburger zählte.
Sie sind prominent platziert, die zwei Gäste: gleich rechts geradeaus hängen Sprangers Bilder an der Stelle, wo normalerweise das Gemälde „Ester und Ahasver“ zu bewundern ist, das sich derzeit auf Ausstellungstournee befindet. Bereits ein erster Blick verrät mir, warum der Text zu den beiden Werken von den Mitarbeitern auf Schloss Ambras mit „scharfe Kurven“ betitelt wurden: Da wird mehr ent- als verhüllt.

B. Spranger: Odysseus und Kirke, © KHM Wien

B. Spranger: Odysseus und Kirke, © KHM Wien

Auf dem Gemälde „Odysseus und Kirke“ bezieht sich Spranger auf die Sage von Odysseus, der auf seinen Irrfahrten auf der Insel der Zauberin Kirke landet, die alle Fremden in Tiere verwandelt. Dieses Schicksal ereilt auch die Gefährten von Odysseus.
Auf Sprangers Bild ist der Moment festgehalten, wo Odysseus selbst auf Kirke trifft, die ihn heftig umgarnt. Wie nur soll er sich solch praller Schönheit entziehen? Die in Tiere verwandelten Gefährten versuchen ihn zu warnen. Odysseus aber weiß längst um die Gefahr, das sieht man am strengen Blick, den er Kirke zuwirft. Trotz der nackten Tatsachen wird er ihrem Charme nicht erliegen – doch es kostet ihn einiges, wie man unzweifelhaft sieht.
Wunderbar wie Spranger die erotisch aufgeladene Szene festhält. Allein die Gesichter der Tiere zu studieren, eine Freude: Der Stier mit seinen neckischen Löckchen, der Löwe, der Kirke böse anfunkelt, während er sich an Odysseus’ Bein schmiegt.
Wundervoll üppig, farbenprächtig, detailreich. Ich liebe solche Bildergeschichten!

Spranger: Venus und Mars, von Merkur gewarnt, ©KHM Wien/Schloss Ambras

B. Spranger: Venus und Mars, von Merkur gewarnt, ©KHM Wien

„Venus und Mars, von Merkur gewarnt“ ist eine Spur weniger dynamisch – finde ich – aber nicht minder faszinierend. Hier geht es um Venus, die zwar mit Vulkan verheiratet ist, aber ein Techtelmechtel mit Mars hat. Spranger erlaubt sich, die Geschichte ein bisschen abzuwandeln.
Denn während in der mythologischen Erzählung der gehörnte Ehemann die beiden in Flagranti erwischt und einfängt, werden die zwei Liebenden hier vom Götterboten Merkur gewarnt – unschwer auszumachen links oben im Bild mit Helm, der einer pfiffigen Kappe gleicht. Geradezu knuffig finde ich den dösenden Amor rechts unten. Die Bogensehne ist schlaff, ein eindeutiges Zeichen, dass diese Liebe keinen Bestand hat. Weniger schlaff der Rest: Allein die Dynamik der Körper lässt erahnen, wie groß die Leidenschaft zwischen Venus und Mars in diesem Moment ist. Mannomann.
Es knistert gewaltig in den zwei Bildern. Nicht wahr?

Weitere Infos unter: www.schlossambras-innsbruck.at

Schloss Ambras
Schlossstraße 20
6020 Innsbruck
Tel: 0043-1-52524-4802
info@schlossambras-innsbruck.at