Zum 21. Mal Premierentage – Festival für zeitgenössische Kunst. – Wie die Zeit vergeht!

Blick in die beeindruckende Ausstellung im Volkskunstmuseum, Foto: © Günter Richard Wett

Die ursprüngliche Idee, alle beteiligten Institutionen eröffnen anlässlich der „Premierentage“ eine Ausstellung, hat sich im Laufe der Jahre verflüchtigt. Egal! Denn die Organisatorinnen Christa Pertl und Manon Megens lassen sich echt was einfallen, um die Leute in die Galerien, Ausstellungshäuser und Museen der Stadt zu locken. Es gab ein umfangreiches Programm mit Performances, Ausstellungseröffnungen, Diskussionen, Konzerten und Führungen. Insgesamt 26 Institutionen beteiligten sich.

Die Führung von Janina Falkner startete in Carmen Brucics Ausstellung „In den leeren Spiegeln…“.

Premierentage

Und so waren dieser Tage viele Leute in der Stadt in Sachen zeitgenössischer Kunst unterwegs – unschwer zu erkennen an den neonorangen Begleitheften die sie in der Hand hielten, den schicken „Premierentage“-Stofftaschen – heuer gestaltet von der aus Meran (Südtirol) stammenden Künstlerin Karin Ferrari. Ein Hingucker und Sammlerstück.

Hingucker

Einer der Programmpunkte, die ich einfach immer wieder spannend finde, sind die „Expert*innenführungen“ – eine Persönlichkeit aus dem Kunstbereich wählt Stationen aus. Die Teilnehmer lassen sich überraschen, wohin sie gelenkt werden. Ich mag das.
Zum einen leitet einen eine solche Führung vielleicht an einen Ort, den man sonst nicht angesteuert hätte. Zum anderen bekommen die Teilnehmer Input zu verschiedenen Ausstellungsinhalten und einen anderen Blick auf diese.

Malutensilien des Künstlers Wolfram Köberl in der Ausstellung im Volkskunstmuseum

Sichtweisen

Ich entschied mich für die Führung von Janina Falkner, Kuratorin am MAK – Museum für angewandte Kunst in Wien. Wettergöttin, Wettergott sei Dank, setzte der Regen aus und es klarte sogar etwas auf. Vom La Cantina am Sparkassenplatz starteten wir Richtung Tiroler Volkskunstmuseum und damit der ersten Station: die Ausstellung „In den leeren Spiegeln…“ der Tiroler Künstlerin Carmen Brucic.

Schüler des Bundesrealgymnasiums in der Au verfassten Texte zu den Fotografien.

Station 1

Unmittelbar nachdem der Künstler Wolfram Köberl ins Seniorenheim übersiedelte, fotografierte Brucic dessen Atelier und Wohnraum. Unzählige Aufnahmen einer Welt zwischen Kunst, Chaos, Kreativität und Alltag entstanden. Die Fotografien sowie einzelne Objekte aus dem Atelier und der Wohnung finden sich im Rahmen der Ausstellung in den historischen Stuben des Volkskunstmuseums. Wir betreten sie durch eine blaue Schwingtür, auf der der Name des Künstlers steht. Ein spannender Streifzug durch die teils niederen, dunklen, holzgetäfelten Stuben des Volkskunstmuseums beginnt.

Am Ende die Eindrücke ins Besucherbuch eintragen – Ausstellung „In den leeren Spiegeln…“ von Carmen Brucic.

Im Spiegel

Die Fotografien, die Objekte verändern die Räume, zahlreiche Spiegel sorgen für weitere Brechungen. Falkner erläutert ihre Wahrnehmungen, verweist auf Details. Jeder Raum wird zu einem besonderen Erlebnis, einer intimen Auseinandersetzung mit einem Künstler, der nicht mehr arbeitet und Räumen, die so nicht mehr existieren – während Brucic gleichzeitig neue Räume eröffnet und neue Wahrnehmungen.
Dazu die literarischen Arbeiten von Schülern des Bundesrealgymnasiums in der Au. Packende Texte, die sie zum Thema geschrieben haben. Auch die Stube, die sie gestaltet haben und die uns das Leben einer fiktiven Person erzählt, geht unter die Haut.

„Women at the Round Table“ von Annette Sonnewend in der Neuen Galerie in der Hofburg

Station 2

Weiter zur wenige Schritte entfernten Hofburg. In der Neuen Galerie läuft die Ausstellung „Deep Relaxation“ der in Berlin lebenden, gebürtigen Innsbruckerin Annette Sonnewend. Nach den verwinkelten Räumen im Volkskunstmuseum nun eine kleine überschaubare – und dennoch anspruchsvolle – Präsentation. Sonnewend verwebe in ihren Arbeiten feministische Theorien und posthumanistische Überlegungen mit eigenen Gedanken und Empfindungen, erklärt Falkner.

Station 3: Kunstpavillon mit der Ausstellung „Voyageurs“ der griechischen Künstlerin Sofia Dona

In der Installation „Women at the Round Table“ zum Beispiel führt Sonnewend die Künstlerin Marina Abramović, die Schriftstellerin Simone de Beauvoir, die Frauenrechtlerin und Suffragette Sylvia Pankhurst und die Whistleblowerin Jesselyn Alicia Radack in einer Art Sitzkreis zusammen – und verknüpft damit unterschiedliche Zeiten, Positionen und Fragestellungen feministischen Denkens und Handelns.

Station 3

Schließlich führt uns Falkner noch in den Kunstpavillon beim Hofgarten, in die Ausstellung „Voyageurs“ der griechischen Künstlerin und Architektin Sofia Dona. Der große erste Raum ist mit wenigen, aber sofort ins Auge springenden Kunstwerken bestückt – trotzdem wandert der Blick zunächst in den hinteren dunkleren Raum.

Sofia Dona, Voyageurs – Die Reisetauben machen sich auf den Heimweg.

Die Wand dort fungiert als große Leinwand für den Film „Voyageur“: Gerade wird ein riesiger Schwarm Reisetauben freigelassen. Sie steigen von der Ladefläche eines Spezial-LKW auf und machen sich auf nach Hause, wo ihre Besitzer auf sie warten. Beim Flug zu ihrem Schlag, der hunderte Kilometer entfernt liegt, orientieren sich die Tauben am Magnetfeld der Erde. Die Sequenz, in der sie in die Freiheit entlassen werden, verursacht Gänsehaut – die Bilder sind magisch.

Janina Falkner führte durch Ausstellungen im Volkskunstmuseum, in der Neuen Galerie und im Kunstpavillon.

Abflug

Reisen, sich bewegen, fortfahren, Grenzen überwinden, Grenzen erfahren sind die Themen, mit denen sich Sofia Dona in dieser Ausstellung auseinandersetzt – auch in der Videoinstallation „Alternative Brennero“, die in tollen Bildern beliebte Routen von Motorradfahrern abseits der Brennerautobahn zeigt und beim Betrachter gleichzeitig die Frage auslöst, für wen welche Wege offen und für wen sie geschlossen sind. Handelsrouten, Reiserouten, Fluchtrouten, Transportrouten – so unterschiedlich können Wegenetze fungieren und wahrgenommen werden. Sie spannen sich über den Kontinent, den Globus.

Genuss

Nach inspirierenden 1,5 Stunden Kunstgenuss im Rahmen der Führung von Janina Falkner flaniere ich noch Richtung Altstadt, vorbei am Pavillon neben dem Landestheater, der derzeit als Kunstraum genutzt wird. In der Maria-Theresien-Straße steht die „Gallery to Go“. Die mobile Ausstellung des Wiener Künstlerkollektivs God’s Entertainment ist ebenfalls Teil der „Premierentage“ 2019. Sie bringt Kunst von Ort zu Ort.

Der Pavillon beim Landestheater dient derzeit als Ausstellungs- und Begegnungsraum.

Ich freue mich schon auf die 22. Ausgabe der „Premierentage – Festival für zeitgenössische Kunst“ im nächsten Jahr. Davor, im Frühjahr 2020, findet übrigens „Innsbruck International. The Biennial of the Arts“ statt. Auch sie öffnet besondere Wege zur Kunst und steht schon in meinem Kalender.

Die Ausstellungen von Annette Sonnewend und Sofia Dona sind leider bereits beendet.

„In den leeren Spiegeln“ von Carmen Brucic
noch bis 16. Feber 2020 im

Tiroler Volkskunstmuseum
Universitätsstraße 2
6020 Innsbruck
Öffnungszeiten: tägl. 9–17 Uhr
Tel. +43 512 59489-510
Mail info@tiroler-landesmuseen.at
www.tiroler-landesmuseen.at

Informationen zu Museen und Ausstellungen in und um Innsbruck gibt es hier,
Infos zu „Premierentage – Festival für zeitgenössische Kunst“ hier, zu „Innsbruck International. The Biennial of the Arts” hier.

Fotos, wenn nicht anders angegeben: © Susanne Gurschler