Innsbrucks Theaterbühnen – eine Fortsetzung

Es gibt ja solche und solche Wochen – langweilige, aufregende, ruhige, stressige, dramatische und weniger dramatische … Hier möchte ich von meiner theaterintensivsten Woche aller Zeiten berichten und dabei zwei weitere Innsbrucker Bühnen vorstellen.
Meine Theaterwoche beginnt an einem heißen Freitag im Juni und einer sehr angenehmen Abkühlung, vielmehr aber mit einer großartigen Vorstellung von „Amaretto“, einem beeindruckend gut gespielten Stück voller Überraschungen, im BogenTheater. Mehr dazu kannst du in meinem Beitrag Bretter, die die Welt bedeuten nachlesen.

Eine Entdeckung: das Theater praesent

Weiter geht es schon tags darauf, am Tag des ersten Sommergewitters, ins Theater praesent – für mich zum ersten Mal. Von dieser Bühne habe ich schon oft gehört und gelesen, doch leider entdecke ich diesen besonderen Theaterkeller erst spät, obwohl hier bereits seit 2006 ein vielseitiges Programm geboten wird. Das Theater liegt in einem meiner liebsten Kulturviertel Innsbrucks, in der Jahnstraße in Dreiheiligen nämlich – ganz nahe dem Zeughaus und Der Bäckerei.
Wem die Crew hier irgendwie bekannt vorkommt, der hat sie wahrscheinlich im diesjährigen „Innsbrucker Straßentheater“ mit „Innsbruck, mon amour“ auf verschiedenen Plätzen der Stadt gesehen.
Es schüttet wie aus Kübeln und donnert furchteinflößend, als ich ein sehr spannendes Experiment, das Kopfhörer-Theater „Im Ausnahmezustand“, im Theater praesent erleben darf. Mit großen Funkkopfhörern ausgestattet wird man als Zuseher Zeuge eines nächtlichen Beziehungsgesprächs zwischen Mann und Frau. Allein durch das Tragen der Kopfhörer stellt sich ein bisschen das Gefühl ein, die Szene unerlaubt zu belauschen. Das und die Überwachung in dem System, in dem die Figuren leben, aber auch in unserer heutigen Gesellschaft spielen eine große Rolle, ebenso die damit verbundenen Ängste und Probleme. Unwillkürlich erinnern das Hin und Her, Gedankensprünge und Vorwürfe an eigene Beziehungsdiskussionen, Gänsehaut inklusive. Die Andeutungen zu System und Überwachung sind beängstigend. Als die Tochter des Paares hinzukommt, tauchen noch mehr Schwierigkeiten und Spannungen auf – in einer Familie, die nach außen wohl ziemlich „normal“ wirken dürfte.

Innsbrucks Theaterbühnen: Theater praesent

Im Ausnahmezustand: Elke Hartmann, Julia Mauracher und Thomas Gassner (von links nach rechts, Foto: Theater praesent)

Die Schauspieler/innen gehen in ihren Rollen voll auf und liefern eine tolle, mitreißende Leistung – leider vor einem nicht ganz vollen Zuschauerraum, da wohl Wetter und Champions-League-Finale Publikum fernhalten. Nur damit das mal gesagt ist: Liebe Leute, auch wenn um 21 Uhr ein wichtiges Fußballspiel läuft, kann man um 20 Uhr ins Theater gehen! Viel vom Spiel verpasst man dadurch nicht, genau genommen war es eh erst nach der Theatervorstellung richtig spannend, und man gewinnt einen beeindruckenden Kulturabend und nimmt ein Stück mit, über das man lange nachdenken kann.
Zusätzlich zum Kopfhörer-Experiment wurde das Stück am 10. Juni von Überwachungskameras aufgenommen und live ins Freie Theater in eine Installation von ludwig technique übertragen. Für solch interessante Ideen und Kooperationen sowie für Tourneen, wie aktuell „Eine Sommernacht“ im Theater Drachengasse in Wien, scheint das Theater praesent prädestiniert zu sein. Klingt verlockend nach mehr!
Weiteres und Aktuelles unter www.theater-praesent.at


Kult und Kuno: „No amol!“ – die Innsbrucker Ritterspiele

Nach einigen theaterfreien Tagen beschließe ich meine Woche mit einem längst überfälligen Besuch bei den Innsbrucker Ritterspielen im Kulturgasthaus Bierstindl an einem warmen Donnerstag mit späten Gewittern.
Das frühere „Pradler Bauerntheater“ ist mit seiner Gründung 1762 die wahrscheinlich älteste Theaterbühne in der Hauptstadt der Alpen. Seit 1958 hat der Verein seine Heimat im Bierstindl (mit Unterbrechung während der Renovierung 2011–14), seit 1961 zeigt man dort immer im Sommer den legendären „Schurkischen Kuno von Drachenfels“. Mit über 1200 Aufführungen (!!!) dürfte es das am häufigsten gespielte Theaterstück in Österreich sein. Es ist sehr schwierig, Karten dafür zu bekommen, im Vorjahr bin ich daran gescheitert. Umso mehr freue ich mich auf das Ritterstück.
Der Theatersaal ist wie das ganze Bierstindl frisch renoviert und weil Kulturgasthaus, sitzt das Publikum hier nicht in engen Stuhlreihen, sondern an Tischen. Der Saal ist bummvoll, jede Vorstellung ausverkauft. Im Vorfeld frage ich mich, ob es für die Schauspieler/innen nach über 50 Jahren „Kuno“ nicht langweilig wird, Jahr für Jahr dieselbe Leier. Doch auch ohne Rücksprache mit den Darstellern ist mir sehr schnell klar, dass an diesem Stück nichts, aber auch gar nichts langweilig ist! Vorhang auf!

Innsbrucks Ritterspiele: Der schurkische Kuno von Drachenfels

Innsbrucker Ritterspiele: Ritter Tassilo von Bärenfels, Portiunkula (Euphrosines Zofe) und Tassilos Knappe (von links nach rechts, Foto: Innsbrucker Ritterspiele)

In wunderbaren Kostümen entführen die Ritter und Fräulein, Knappen und Zofen in die Zeit des Mittelalters, sprechen in großartigen Reimen und beziehen die Zuseher stets locker mit ein. Erzählt wird die Geschichte des schurkischen Ritters Kuno, der unglücklich mit Euphrosine verheiratet ist und sich in die junge Thusnelda verschaut hat, diese schließlich entführt und ein heilloses Durcheinander auslöst. Selten hab ich so gelacht! Besonders bemerkenswert und unglaublich gut gelungen sind die Seitenhiebe auf Welt- und Lokalpolitik sowie auf aktuelle Themen und Prominente aus Kunst und Kultur – schön in die Reimform integriert.

Innsbrucker Ritterspiele: Der schurkische Kuno von Drachenfels

„Esmeralda“ und der schurkische Kuno von Drachenfels (Foto: Innsbrucker Ritterspiele)

Vor lauter Lachen konnte ich mir leider nur wenige der großartigen Reime notieren, die hier aus dem Zusammenhang gerissen wahrscheinlich wenig hergeben, vielleicht aber trotzdem einen kleinen Vorgeschmack bieten: „I bin vielleicht nimma so frisch wie morgens der Tau, aber immer no besser als die Weiber bei ,Bauer sucht Frau‘“, so sinniert Euphrosine über’s Älterwerden. Und Ritter Kuno über die Frauen: „Sein a die Weiber so schlecht wie die Rab‘n, müss‘n ma decht a jeder oane hab‘n.“
So geht‘s also dahin und auch wenn vielen das Ende bekannt sein dürfte, möchte ich es hier nicht verraten. Einzig der Hinweis, dass laut geklatscht und mehrmals „no amol!“ gerufen werden sollte, muss hier angebracht werden.
Die Märchen- und Boulevardbühne Innsbrucker Ritterspiele zeigt neben dem Kuno auch andere Stücke, oft eben Märchen für Kinder – dieses Jahr „Das Dschungelbuch“ ab November im Bierstindl.
Das Schöne an einer Bühne in einem Kulturgasthaus ist natürlich, dass man hier ausgezeichnet essen und trinken kann. Das Bierstindl liegt nebenbei idyllisch am Fuß des Bergisels und nahe dem Stift Wilten. Im Sommer ist der Gastgarten unter den riesigen, alten Bäumen wunderschön, im Winter gibt‘s dort Glühweinstandln und Christkindlmarktstimmung.
Aktuell: „Der schurkische Kuno von Drachenfels“ bis 4. Juli 2015, Weiteres auf www.innsbrucker-ritterspiele.info und www.bierstindl.eu


Das war sie also, meine Theaterwoche. Drei Theaterstücke auf drei verschiedenen Bühnen in einer Woche in einer Stadt sind kein schlechter Schnitt, finde ich. Und auch wenn ich ein kulturinteressierter Mensch bin, so viel Theater in so kurzer Zeit ist doch eher die Ausnahme. Fakt ist allerdings, dass noch viel mehr in Innsbruck und Umgebung in Sachen Theater drin wäre – wenn auch nicht unbedingt in der Zeit, in der die meisten Sommerpause machen. Bei der Fülle an Programmen ist es oft schwierig, am aktuellen Stand zu bleiben. Ich empfehle daher allen Interessierten, Newsletter der jeweiligen Bühnen zu abonnieren bzw. die Homepages zu beobachten, hier kann man auch Karten reservieren, was unbedingt ratsam ist!
Es freut mich sehr, dass ich einige der Theaterbühnen in Innsbruck kennenlernen und darüber hier berichten durfte. Noch mehr freue ich mich darauf, Neues zu entdecken, wie z. B. Die Monopol oder Theater Melone – vielleicht demnächst wieder hier zum Nachlesen.