kunstvoll schreien. sich befreien. bei sich sein.

Nein! Tiroler verständigen sich nicht mehr durchs Jodeln – heute erfreut es die Menschen. Fast hätte man es vergessen, es ist sogar in Verruf geraten. Martha und Reinhard Schwaizer leiten den ersten Jodelworkshop in Tirol: „Wir helfen, ein Stück Kultur zu erhalten.“ Er mit seiner Gitarre, sie mit ihrer Stimme. Er ein kleines Mandl (=Männlein), sie ein kleines Weibl (= Weiblein); total herzliche, lustige und angenehmen Zeitgenossen. Ganz technisch: Jodeln ist der Wechsel zwischen Kopf- und Bruststimme; der sogenannte Jodelschlag. Genau diesen lernen Besucher des zweistündigen Workshops im Audioversum in Innsbruck; mehr braucht es nicht. Der Rest ergibt sich unter der Dusche, im Pausenhof oder am Berg. Bevor ich den Jodelschalg umständlich erkläre, hier ist er zu hören: Jodelschlag

Sie haben richtig gelesen: Es gab Zeiten, in denen Jodeln nicht wirklich angesehen war. Schuld gibt Reinhard der sogenannten Volkstümlichen Musik, eine kommerzielle Interpretation der Volksmusik namentlich bekannter Musiker. „Mit dem ersten Jodelworkshop in Innsbruck wollen wir eine alte und sehr schöne Tradition pflegen und weitergeben.“ Sie lasen ebenso richtig: Der Workshop ist der erste seiner Art. Hier kann jeder das Jodeln lernen. Früher wurde das Wissen innerhalb der Musikerfamilien weitergegeben und Martha fügt hinzu: „Als ich in den 60ern eine Stimmschulung am Konservatorium in Innsbruck machen wollte, hat man mir vom Jodeln abgeraten. Es war verpönt!“ Heute gehört Jodeln zur Stimmbildung dazu, sofern man will.

Rainer und Martha Schweizer

Den Jodelschlag entdecken und in sich hineinhören. Dabei helfen die Zwei gerne.

„Noch viel früher war Jodeln eine Verständigungsform im Alpenraum“, lautet zumindest eine von vielen Hypothesen über das Entstehen des kunstvolle Schreiens. Das Wort Jodeln ist noch sehr jung und ersetzte vermutlich Ende des 18. Jahrhunderts das Wort Jolen. „Gesprochene Sätze waren von einer zur anderen Talseite schwer zu verstehen“, erklärt mir Reinhard. „Also kombinierte man bestimmte Silben, Tonfolgen und den Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme.“

Gejodelt wird auf der ganzen Welt

„Im Alpenraum klingt Jodeln anders als in Kambodscha, Melanesien oder bei den Pygmäen.“ Sie lasen erneut richtig: Es sind nicht nur die Tiroler, Bayern und Schweizer, die jodeln. Gejodelt wird auf der ganzen Welt. Vielleicht mussten die Menschen den massiven Bergen einfach nur etwas entgegensetzen. Solche riesige Formationen muss man doch anschreien. Ich mache das auch! Berge können beengend sein und Jodeln ist die befreiende Entgegnung darauf. Unsere Landschaft formt nämlich das Sein, und das Alpenvolk ist irgendwie Spiegelbild der Berge – manchmal rau, eigenbrötlerisch, skurril und deswegen so interessant. Das ist jetzt meine Theorie und ich verstehe sie durchaus als wertschätzend.

Jodeln ist eine mündlich überlieferte Tradition und Teil der Tiroler Identität. Martha wollte es schon mit 12 Jahren von sich aus lernen. Ganz untypisch jedoch, stammt sie aus keiner Musikantenfamilie. „Es ist dennoch mein Leben und ich bin sogar mit einem Jodler verheiratet.“ Innig blicken sich die zwei in die Augen. „Bereits in der Schule durfte ich jodeln“, schwärmt Marta. Ihre Augen strahlen. Durchs Jodeln bekam ich Anerkennung, Zuwendung und Applaus; auch heute noch“, gibt sie offen zu. Reinhard hat das Jodeln erst seit kurzem für sich entdeckt: „Es war eher die Domäne meiner Frau.“
Für ihn heißt es auch sehr viel:

„Freilauf! Ich fühle mich befreit, leicht und nahe bei mir. Frust kann ich damit herausschreien.“

Ob meine Theorie wirklich stimmt? Eine Gänsehaut überfällt mich – von so viel Gefühl eingefangen, versuche ich selbst den Jodelschlag. Zuerst sehr verhalten, dann immer lauter, freier und echt: Jodeln wirkt, ist schön und zeigt mir etwas über mich. Man muss sich nur trauen. Gut oder schlecht gibt es dabei nicht.

Reiner und Marthe Schweizer

Harmonie: Den beiden beim Jodeln zuzusehen, ist schön. Immer wieder blicken sie sich tief in die Augen. Hier in der Stube des Weißen Rössls in Innsbruck.

„Das Jodeln hat meine Seele berührt, wie auch jene der Menschen im Hospiz“: Martha hat dort musiziert, gesungen, gejodelt und damit Sterbende liebevoll in Musik eingehüllt. „Auch Demenzkranke singen mit mir. Sie kennen die Liedtexte und Jodler auswendig, sind für einen Augenblick glücklich und ganz nahe bei mir“, erzählt sie. „Sobald die Musik aufhört, sind sie wieder in ihrer Welt. Weit weg.“ Und Reinhard fügt hinzu: „Das ist bei Kindern manchmal ähnlich. In Volksschulen versuche ich ihnen daher, die Kultur des Jodelns näher zu bringen. Es gefällt ihnen.“

Reiner und Marthe Schweizer

Nach meinem privaten Workshop spielten die zwei mitten in der Altstadt auf; zünftig und ehrlich.

Wer einen Teil der Tiroler Identität kennen lernen will, sich befreien möchte und die Wärme in seinem Herz spüren will, der möge sich bitte an Reinhard und Martha wenden. Teilnehmer ihrer Jodelworkshops sind nicht nur Musiker und ältere Semester, sondern gerade die Jungen sowie Neugierige und Offene. „Vielleicht gibt es bald einen Jodelstammtisch“, sinnen die beiden.

Und hier noch zum Reinhören und Ansehen:
Wann i von der Alm obageh

Der Almschrei

Der Verkehrte

Kuhduttenjodler (Kuheuterjodler)

Kontakt:
Schwaizer Zwoagsång
Martha und Reinhard Schwaizer
Archenweg 8
6068 Mils bei Hall
reinhard.schwaizer@outlook.com +43 (0) 699 / 18 22 85 86