In den kommenden sechs Tagen, von 29. Mai bis 3. Juni 2018, haben Afficionados des Kulturkinos ihren Terminplan schon mehr als voll. Zum 27. Mal findet da das Internationale Film Festival Innsbruck, kurz IFFI, statt. Doch was bringt so viel Kulturkino mitten in die Alpen? Auf welche Filme dürfen wir dieses Jahr gespannt sein und ist Netflix wirklich eine Konkurrenz für das Kino der Zukunft? Das alles verraten mir Daniel und Leila vom IFFI-Team in einem Interview.

Das Team

Daniel und Leila geben uns einen Einblick hinter die Kulissen des IFFI. © Monica Nadegger

Daniel und Leila geben uns einen Einblick hinter die Kulissen des IFFI. © Monica Nadegger

Leila war für mich erste Ansprechperson und hat dieses Interview überhaupt erst möglich gemacht. Sie ist seit vier Jahren mit im Team und übernimmt dieses Jahr zum ersten Mal die Betreuung aller Presseangelegenheiten.

Daniel ist schon seit zwölf Jahren dabei und mittlerweile zwölf Monate im Jahr mit dem IFFI beschäftigt. Programmierung, Büro, Finanzwesen – es gibt nichts, was Daniel nicht macht und deswegen ist er auch ein kleines IFFI-Lexikon. Bei der Programmgestaltung wechselt er sich mit Festivaldirektor Helmut Groschup ab.

Beide sind über einen Unikurs des IFFI-Gründers Helmut Groschup zum IFFI gekommen und geblieben.

Das IFFI heute und vor 27 Jahren – was hat sich verändert und was ist geblieben?

Daniel: “Das IFFI entwickelt sich jedes Jahr woanders hin, wobei der Kern des Festivals seit 27 Jahren derselbe ist. Das ist das Schöne. Es ist ein politisches und auch schwieriges Festival. Wir zeigen eben Filme aus Ländern, die man sonst nicht sieht, weder im Kino noch auf Netflix. Da spielt das IFFI eine wichtige Rolle. Wir schauen, dass wir unbekannteres Filmschaffen zeigen – das Ungesehene sichtbar machen. Drumherum entwickelt sich viel. Das IFFI war schon größer, aber auch kleiner. Jetzt haben wir wenig Rahmenprogramm, weil wir den Fokus auf den Film legen wollen. Wir passen uns aber auch an die Geschehnisse der Welt an, wie vor zwei Jahren mit der Flüchtlingskrise als Hauptthema. Da zeigen wir Filme von Flüchtlingen, nicht über Flüchtlinge.”

Seit 27 Jahren ist finden sich beim IFFI Filmschaffende und Filmliebhaber. © IFFI - Helmut

Seit 27 Jahren finden sich beim IFFI Filmschaffende und Filmliebhaber. © IFFI – Helmut

Welchen Effekt hat das IFFI auf Filmschaffende und Besucher?

Daniel: “Auf einem Festival treffen sich Gäste und Filmemacher. Das eröffnet ganz neue Themen und Gespräche. Es herrscht eine lockere Atmosphäre und hat etwas Familiäres. Über das Jahr hinweg passiert vieles. Das ist das Angreifbare. Yared Zeleke, der 2016 den Spielfilmpreis des Landes Tirols über 5.000 Euro gewonnen hat, konnte sich damit in Äthiopien sein nächstes Drehbuch finanzieren. Das hat ihm den Polster geschaffen und jetzt ist er in Cannes und kann sich hier weiterentwickeln. Man trifft spannende Menschen, knüpft Freundschaften und Kontakte auf allen verschiedenen Ebenen.”

Kontroversen am IFFI?

Daniel: “Kommt vor, ist aber auch schön, dass sich hier verschiedene Meinungen treffen und man sich auf der Plattform IFFI austauschen kann. Man darf auch kontroverse Filme zeigen und dann aber auch darüber sprechen und diskutieren. Einen richtigen Backlash hatten wir aber noch nie. Unsere Einstellung wird von allen, auch von der Politik akzeptiert, aber eigentlich sehen alle die Wichtigkeit unsere Filmfestivals und unsere Botschaft.”

Warum Innsbruck als Filmfestival-Stadt?

Daniel: “Ganz zufällig ist es nicht. 1992 ist aus der linken Szene das Leokino entstanden und man hatte damals schon das Gefühl, dass man kritische Filme nicht einfach so zeigen konnte. Da gab es zum Beispiel eine enge Verbindung zu Kuba. Und da man kubanische Filme bei uns nicht sah, zeigte man sie eben dort. Ich finde auch, dass Innsbruck eine spannende Lage für so ein buntes Festival hat. Es ist ein guter Platz in der Mitte Europas. Wir haben da schon eine Lücke gefüllt. Es geht auch um das Gefühl, was Innsbruck ist, das Urbane-Alpine. Man ist Olympiastadt, das aber auch das Filmfestival aufbrechen kann. Man kann sportbegeistert sein und sich für anstrengende und ungewöhnliche Kultur interessieren. Das finde ich so faszinierend an dieser Stadt: Dass man die Möglichkeit hat, anzufangen und etwas zu probieren.”

Das Leokino als Heimat der Innsbrucker Filmkunst und des IFFI. © Dino Bossnini

Das Leokino als Heimat der Innsbrucker Filmkunst und des IFFI. © Dino Bossnini

Kino in der Krise – Was hat euer Format “Filmkunst vs. Kommerzkino” den Film-Trends wie Netflix entgegenzusetzen?

Daniel: “Natürlich sind das Veränderungen und natürlich bewegt sich auch das Mainstream-Kino immer zu dem Erlebnischarakter hin. Trotzdem gibt es noch Menschen, die eine andere Geschichte erzählen wollen und für die wollen wir eine Plattform bieten. Es gibt aber auch spannende Filmemacher abseits des Kino. Man kann sich auch berieseln lassen, aber es gibt auch schwierigere Filmkunst. Dafür ist das Festival, mit dem Fokus auf das Autorenkino, bestens geeignet. Wir sind auch ein Kuratorium für diese andersartigen Filme. Vielleicht zeigen wir aber in Zukunft auch mal Serien. Wie zum Beispiel in San Sebastian, da ist “Atlanta” auf der Leinwand gelaufen. Das Kino muss sich aber überlegen, wo es in Zukunft bleibt. Auch mit Programmkinos wie dem Leokino. Da stellt sich die Frage, wie kann man in Zukunft überleben?”

Ein voller Kinosaal? Im Festival-Format keine Unmöglichkeit. © IFFI

Ein voller Kinosaal? Im Festival-Format keine Unmöglichkeit. © IFFI

Welche Besucher trifft man IFFI?

Daniel: “Das Kinopublikum an sich ist älter geworden. Was schön ist. Es gibt auch mehr Filmkunst für Pensionisten, wie Amour von Haneke. Es kommen aber auch Junge, je nach Film. Die Verleiher und die Filmproduzenten reagieren auch auf diese Veränderung.”

Welcher Film hat euch in den letzen Jahren am meisten beeindruckt?

Daniel: “Da gibt es einige. Letztes Jahr hatten wir eine schöne Vorführung. Da haben wir einen Film aus Kirgisien gezeigt, “The Sky Of Our Childhood”, von 1940, schwarz-weiß, und da war es schon wahnsinnig schwierig, den Film herzuholen. Wir haben dann die letzte Kopie in Frankreich gefunden, 100 Mal geflickt von unserem Vorführer. Der hatte überall Flecken und war schon ziemlich kaputt. Das Publikum war aber begeistert. Der Filmverleih in Frankreich hat diesen Film jetzt auch nach Anfrage weiterer Filmfestivals restauriert und so einen Film gerettet, der in zehn Jahren nicht mehr verwendbar gewesen wäre.”

Leila: “Vor zwei Jahren hatten wir einen serbischen Filmregisseur zu Besuch, Goran Pascaljević. Über den schreibe ich jetzt sogar meine Masterarbeit, der hat also bleibenden Eindruck hinterlassen, mit dem Themen, die er anspricht. Das ist auch ein bisschen Familiengeschichte.”

Auf welchen Film seid ihr dieses Jahr am meisten gespannt?

Daniel: “Ich freue mich sehr auf Filme von Želimir Žilnik. Ich habe noch nie einen Film von ihm gesehen.”

Leila: “Ich auch. Das Balkan-Kino ist immer spannend. Wir haben auch die 68er-Generation dieses Jahr da und Länderschwerpunkt ist Georgien.”

Daniel: “Von Fernando Birri zeigen wir “ORG”. Wie Joachim mal geschrieben hat: Die, die ihn gesehen haben, sind verwirrt und die, die darüber gelesen haben, begeistert. Das ist so ein Mega-Epos…”

Leila: “Über drei Stunden…”

Daniel: “Birri hat 10-15 Jahre an dem Film gearbeitet. Sogar Terrence Hill spielt mit. Ein irrer Film. Vor zwei Jahren ist dann nochmal ein neuer Teil aufgetaucht und jetzt ist er noch ein bisschen länger. Es ist ein schwieriger Film, aber wenn man sich darauf einlässt, zeigt er dir eine neue Welt. Da bin ich auch gespannt, wie das Publikum reagiert.”

IFFI für Einsteiger?

Daniel: “Offen hingehen und gespannt sein. Was vor allem beim IFFI hilft, ist einen von den Wettbewerbsfilmen zum Einstieg zu nehmen. Es ist aber für jeden was dabei, von schwierigen bis zugänglichen Filmen. Wir zeigen wenig experimentelle Sachen, die meisten sind sehr zugänglich, auch ohne Film-Vorwissen. Bis auf ORG vielleicht. (lacht) Auch die georgischen Filme sind ein interessantes Kino, die witzigerweise sehr nahe an unserem Kino sind, so wie Blind Dates zum Beispiel.”

Leila: “Was es auch einfacher macht, ist, dass wir Gäste hier haben – die Regisseure und Filmemacher. Das ist auch das, was das Festival ausmacht. Man kann über die Filme, die Herkunftsländer und die Umstände, unter denen die Filme entstanden sind, reden. Beim IFFI kann man mit den Leuten persönlich ins Gespräch kommen. ”

Daniel: “Es gibt keine Trennung, alle sitzen gemeinsam im Leokino. Es gibt keine dummen Fragen und das ist dann ein sehr zugängliches Format.”

Film Still: Blind Dates Regie Levan Koguashvili (Länderschwerpunkt Georgien) © Internationales Filmfestival Innsbruck

Film Still: Blind Dates, Regie Levan Koguashvili (Länderschwerpunkt Georgien) © Internationales Filmfestival Innsbruck

Sneakpeak für das nächste Jahr?

Daniel: “Das ist noch geheim (schmunzelt).”

Vielen Dank für das Interview!

Weitere Infos zum IFFI 2018:

  • Alle Infos rund um das Programm findet ihr auf der Homepage des IFFI.
  • Das Leokino ist der Schauplatz des IFFI. Mehr dazu gibt es hier.
  • Eintrittspreise für einzelne Kinoabende und Festivalpässe findet ihr hier übersichtlich aufgelistet.

Viel Spaß beim Popcorn naschen und Filmkunst genießen!

© IFFI

© IFFI