Ein Filmfestival, das Brücken baut, uns auf eine cineastische Weltreise mitnimmt. Filme zeigt, die in globalen Kinonetzwerken unterrepräsentiert sind, und politische Themen geschickt aufgreift und uns somit zum Nachdenken anregt. All das ist das IFFI – das Internationale Filmfestival Innsbruck. Klingt interessant, aber auch ein bisschen abstrakt, zumindest für mich. Ich habe das IFFI heuer zum ersten Mal besucht und war mir nicht ganz sicher, was mich erwarten würde. Das hat sich aber mit Besuch der Eröffnung schnell geändert. Bereits der erste Film hat mich gepackt, mich zum Nachdenken gebracht. Ich habe verstanden, wie wichtig es ist, Filme zu zeigen, die Themen aufgreifen, die auf den großen Kinoleinwänden oft keinen Platz finden.

Das lange Warten hat ein Ende – Bühne frei für Anna Ladinig und ihr Team

2020 fand das IFFI digital statt. Auch 2021 machte Corona den Organisatoren einen Strich durch die Rechnung und es musste von Mai auf Oktober verschoben werden. Was für uns Zuschauer kein großes Problem darstellte, wir mussten schließlich nur einen Termin im Kalender verschieben, stellte die Nerven von Anna Ladinig und ihrem Team auf eine harte Probe. Aber am 05.10. war es dann endlich soweit, das IFFI konnte nach langem Warten im Leokino von ihr, Melanie Wiener (Abteilung Kultur, Land Tirol), Uschi Schwarzl (Kulturstadträtin der Stadt Innsbruck) und Antonia Rahofer (Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport, Sektion IV–Kunst und Kultur, Filmabteilung) eröffnet werden.

“Es war überwältigend nach zwei Jahren nun endlich das IFFI zu eröffnen. Ich glaube es war ein großer Erfolg. Aber es geht jetzt erst richtig los. Es liegen noch fünf Tage mit über 60 Programmpunkten vor uns.” So eine sichtlich erleichterte Anna Ladinig nach einer wunderbaren Eröffnung. Seit 2019 ist sie die neue Festivaldirektorin und tritt damit in die Fußstapfen von Helmut Groschup. Eine große Aufgabe für die 32-jährige, die sie und ihr Team– trotz der angesprochenen Schwierigkeiten – mit Bravour meisterten.

 

Anna Ladinig, Eröffnung IFFI

Eine strahlende Anna Ladinig eröffnet das 30. IFFI. © Alena_Klinger

30 Jahre gesellschaftskritisches Kino in Innsbruck

Das IFFI fand zum ersten Mal 1992 statt und feiert heuer seinen 30. Geburtstag. Das Motto der diesjährigen Retrospektive ist „EVERYTHING WAS FOREVER, UNTIL IT WAS NO MORE“. Der Titel bezieht sich auf die Studie des Autors Alexei Yurchak, der in seinem gleichnamigen Buch über die letzte sowjetische Generation schreibt. Auch für aktuelle Themen wie die Covid-19-Pandemie und die Klimakrise scheint dieser Titel sehr passend zu sein und trifft den Nerv der Zeit. Seit seinen Anfängen hat das IFFI stets einen gesellschaftskritischen– oft politischen –Tenor und zeigt Filme, die auch richtig wehtun dürfen.

IFFI Eröffnung im Leokino

Das Warten hat ein Ende, nach zwei Jahren findet das IFFI wieder im Kino statt. © Alena_Klinger

Notturno – ein preisgekrönter Film eröffnet das Festival

Eröffnet wurde das IFFI mit dem Film Notturno, einem Dokumentarfilm von Gianfranco Rosi, der mit dem Goldenen Löwen – dem Hauptpreis der Filmfestspiele von Venedig – ausgezeichnet wurde. Es handelt sich um einen Film, den ich schwer beschreiben kann, von dem ich keinesfalls sagen würde, dass er mir gefallen hat – denn „gefallen“ wäre das falsche Wort. Aber er hat definitiv etwas mit mir gemacht: Er hat mich gepackt und ließ mich aufgewühlt zurück. Es geht um Menschen, die in den kriegsgebeutelten Gebieten an den Grenzen von Syrien, dem Irak, Kurdistan und dem Libanon leben. Ohne zu erklären, zu analysieren oder etwas in eine Relation zu setzen, zeigt Gianfranco Rosi den Alltag dieser Menschen. Manche Szenen waren für mich so schwer auszuhalten, dass ich am liebsten den Kinosaal verlassen hätte. Nach diesem Film war mir klar, was das IFFI ausmacht. Wie wichtig es ist, Filme wie diesen zu zeigen und wie sehr Kino berühren kann.

Sechs Tage Festival – vier Kategorien – zwei Spielstätten

Das IFFI findet im Leokino und im Cinematograph statt. Es setzt sich aus vier Teilen zusammen: den Wettbewerben, der Retrospektive, weltweiten Visionen und Stream. Filme, die in der Rubrik „Wettbewerb“ laufen, wurden am Ende des Festivals in vier Kategorien ausgezeichnet. Die Retrospektive zeigte filmhistorische Highlights mit Referenzen zur Gegenwart unter dem heurigen Motto EVERYTHING WAS FOREVER, UNTIL IT WAS NO MORE. Behandelt wird das Kino der Sowjetunion. „Weltweite Visionen“ zeigt ausgewählte Filme zu ausgewählten Anlässen – wie zum Bespiel den Eröffnungsfilm „Notturno“. Partnerfestival des IFFIs ist seit 2021 das Cabria Festival, dessen Leiterinnen Marilia Nogueira und Vania Matos das Kurzfilmprogramm für das IFFI erstellt haben. Zu guter Letzt das Streamingangebot: nach dem Festival können zehn ausgewählte Filme über die Website gestreamt werden.

Der beste Spielfilm

Am Samstag, dem 09. Oktober, wurden durch die Festivalleiterin Anna Ladinig die Preise der Wettbewerbe vergeben. Im Spielfilm-Wettbewerb des Landes Tirol, dotiert mit 5.500 €, gewann der spanisch-niederländische Film „LA ÚLTIMA PRIMAVERA“ von der Regisseurin Isabel Lamperti. Die Jury beschrieb den Film als berührend, politisch alarmierend, sensibel und subtil. Ein Film, der die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in Europa zeigt, indem er eine Familie am Rande der Gesellschaft porträtiert, ohne ihr die Opferrolle überzustülpen oder sie vorzuführen.

LA ULTIMA PRIMAVERA

“LA ULTIMA PRIMAVERA” der Siegerfilm in der Kategorie “Spielfilm” © IFFI

Hunger und Elend in Little Palestine

Der Gewinner des mit 3.000 dotierten  Dokumentarfilm-Wettbewerbs der Stadt Innsbruck ist der Film “LITTLE PALESTINE: DIARY OF A SIEGE” von Abdullah Al Khateeb, ein Film über das 1948 errichtete palästinensische Flüchtlingslager Jarmuk, das am Rande der syrischen Hauptstadt Damaskus liegt. Nach Zusammenstößen zwischen der Freien Syrischen Armee und Assads Truppen wurde Jarmuk belagert und die verbliebene Bevölkerung ihrem Schicksal überlassen. Abdallah Al-Khatib, der in Jarmuk lebte, filmte vier Jahre lang den Alltag. Er dokumentiert, wie sehr die Menschen unter der Belagerung leiden. Sie kommen weder aus der Stadt heraus, noch kommen dringend benötigte Nahrung und Medikamente hinein. Babys sterben, weil sie einfach keine Milch bekommen. Kinder machen sich verzweifelt auf die Suche nach etwas Essbaren. Es sind Szenen, die man sich kaum ansehen kann. Filme wie dieser führen uns vor Augen, in welcher Blase des Wohlstands wir leben und dass die Realität der meisten Menschen auf dieser Welt ganz anders aussieht als die unsere.

Special Mention, Südwind-Preis und Publikumsliebling

Special Mention: Der Dokumentarfilm LE DERNIER REFUGE (THE LAST SHELTER) von Ousmane Samassekou wurde ebenfalls lobend erwähnt. Es geht um das Haus der Migrant*innen in Mali. Es bietet den Geflüchteten auf ihrer Reise nach Europa (oder nach ihrem gescheiterten Versuch) einen Unterschlupf.

Der Regisseur Pawo Choyning Dorji durfte sich über den mit 1000 €  dotierten Südwind-Preis 2021 der Jugendjury freuen. Der bhutanesische Film LUNANA zeigt mit viel Empathie die Entwicklung und Selbstfindung eines Außenseiters. Ein junger Lehrer, der eigentlich nach Australien auswandern will, wird ins entlegene Lunana geschickt, um dort sein letztes Vertragsjahr als Lehrer zu verbringen. Er findet sich entgegen aller Erwartungen in der traditionellen Gemeinschaft zurecht und gleichzeitig zu sich selbst. Das Werk besticht mit idyllischer Natur und gekonnter Führung der Laiendarsteller*innen.

Lunana

Lunana – der Sieger der Jugendjury wurde mit dem Südwind-Filmpreis ausgezeichnet © IFFI

Der mit 2000 € dotierte Publikumspreis geht an den argentinisch-brasilianischen Film ESQUÍ (SKI) von Manque La Banca. Ein Film der von Bariloche, einem argentinischen Skiort handelt und sich keiner Kategorie zuordnen lässt.

Preisverleihung IFFI

Anna Ladinig und Abdallah Al-Khatib bei der Preisverleihung © Michael Klingler

Das 30. IFFI war auf ganzer Linie ein Erfolg, das findet auch Anna Ladinig: „Mein erstes Festival im Kino war eine unglaubliche Erfahrung. Nach zwei Jahren Vorbereitungen ist es unglaublich schön nun endlich alle Teile zusammenzufügen und als Ganzes zu erleben. Es war filmisch, wie auch menschlich ein großes Fest. Nach ein paar Tagen Verschnaufpause geht es dann weiter mit den Planungen für die nächste Ausgabe. Die findet immerhin schon in sechs Monaten statt.“
Und für alle, die noch nicht genug haben und nicht auf Mai 2022 warten können, habe ich gute Neuigkeiten: Ausgewählte Filme können vom 10. bis zum 17. Oktober auf stream.iffi.at gestreamt werden.

Informationen

Spielstätten:

Leokino: Anichstraße 36, 6020 Innsbruck
Cinematograph, Museumstrasse 31, 6020 Innsbruck
Datum: 05. – 10.Oktober 2021
Homepage: iffi.at
Facebook: facebook.com/iffi.at
Direktorin: Anna Ladinig
Übersicht der wichtigsten Filmfestivals 2021 in Innsbruck
Kultur nach dem IFFI: ein toller Treffpunkt für Kunst- und Kulturliebhaber ist das Treibhaus. Mein Kollege Werner hat darüber einen tollen Beitrag geschrieben.
Stream: 10. bis 17. Oktober,
https://stream.iffi.at, Preis: Streaming-Pass € 35,00 / Streaming-Einzelticket € 5,00⁠
Anleitung zum Streaming:

Titelbild © IFFI