1786 begab sich der Dichter Johann Wolfgang von Goethe auf eine lange Reise. Sein Ziel war Italien, war Rom, die Ewige Stadt.  Die Ausstellung „Goethes Italienische Reise. Eine Hommage an ein Land, das es niemals gab“ im Ferdinandeum zeichnet diese Reise nach.

Neben klassischer Reisekleidung findet sich auch eine Lebensmaske Goethes gleich zu Beginn der Ausstellung.

Goethes Reise

Sie ist grob in zwei Teile gegliedert, was sich in der Ausstellungsarchitektur widerspiegelt. Im Parterre dreht sich alles um das von Goethe als bedrückend empfundene Weimar – die Wände wurden daher in Grau gehalten. Im ersten Stock geht es dann um die Reisestationen des Dichters – unter anderem Venedig, Rom und Neapel. Hier dominieren kräftige Farben. Verknüpft werden die beiden Teile durch „Die Alpenquerung“.
Es handelt sich dabei um eine Installation von Eva López vom Architekturbüro ma.lo, das für die Ausstellungsarchitektur verantwortlich zeichnet. An der Wand beim Stiegenaufgang hängen Mineralien aus dem Alpenraum. Ein erfrischendes Element in der sonst sehr dem Kunsthistorischen und „Klassischen“ verpflichteten Ausstellung – Kuratoren: Peter Assmann, Johannes Ramharter, Helena Pereña, unter Mitwirkung von Ralf Bormann.

Alles andere als bequem waren Reisen zur Zeit Goethes: Nicht nur die Koffer waren unhandlich und schwer, die Wege gefährlich.

Über Stock und Stein

Johann Wolfgang von Goethe machte sich 1786 über Innsbruck und den Brenner auf den Weg Richtung Rom, um seine Schaffens- und Sinnkrise zu durchbrechen – sich neu zu orientieren. Auch heute noch ein verbreiteter Reisegrund.
Die Reisebedingungen sind mit den heutigen allerdings nicht zu vergleichen. Als Fortbewegungsmittel dienten Kutschen. Bei den Straßen handelte es sich um mehr oder weniger befestigte Wege. Schlammige, holprige Erdböden mit Schlaglöchern setzten den Reisenden zu. Die Wageninsassen wurden meist ordentlich durchgerüttelt. Rund zwei Monate war Goethe unterwegs bis er in Rom ankam.

Holprige Reise

Berg- und Passstraßen, wie etwa die über den Brenner, waren außerordentlich gefährlich. Stets drohten Erdrutsche, Steinschläge und Muren. Dazu kamen frostige Temperaturen und Raubüberfälle. Und natürlich waren derartige Reisen ausgesprochen teuer. Aus dem in der Ausstellung präsentierten Ausgabenbuch Goethes geht hervor, dass die Gesamtkosten der Reise dem Dreifachen des Jahreseinkommens des Dichters entsprachen. Erfreulich am Reisen war das Ziel, nicht das unterwegs Sein.

Auszeit vom Alltag

Goethe führte Tagebuch über seine Reise. Erst viele Jahre später verarbeitete er seine Beobachtungen literarisch. In „Italienische Reise“ zeichnet er ein Land nach seinen Vorstellungen, ein idealisiertes Bild Italiens. Die Klischeebilder, die er beschwor, wirken heute noch: Italien, das ist das Land, in dem die Zitronen blühen. Ein Umstand, auf den schon der Untertitel der Ausstellung verweist „ein Land, das es niemals gab“ – und der einem in der Ausstellung vor Augen geführt wird.

Bereits zu Goethes Zeit gab es einen regelrechten Italienboom und Weimar präsentierte sich als Zentrum der Italianitá.

Dolce vita und Müßiggang

Schon damals kursierten Stereotype über die Italiener: Sie frönen der dolce vita, schätzen guten Wein und gutes Essen. Goethe konnte sich dem nicht ganz entziehen, konstatierte „nachlässiges Schlaraffenleben“ am Gardasee, kritisierte aber auch, dass seine Landsleute die Italiener primär als Müßiggänger sähen. Mit seinem Buch verstärkte er den „Italienboom“ und die Italienbilder.
Goethe notierte aber auch seine Eindrücke der alpinen Regionen: „Von Innsbruck herauf wird es immer schöner, da hilft kein Beschreiben“, schwärmt er in seinen Erinnerungen.

Josef Grois: Ansicht Innsbrucks von der Weiherburg Richtung Südwesten, um 1830, Öl auf Leinwand. © Tiroler Landesmuseen

Goethe in Innsbruck

Nachweislich nächtigte der Dichter erstmals 1786 anlässlich der Italienischen Reise in Innsbruck. 1790 hielt er sich nochmals hier auf, er besuchte Schloss Ambras und nächtigte wieder im Goldenen Adler in der Altstadt – die Gästetafel beim Eingang und die Goethestube erinnern daran.
Als vielseitig interessierter Mensch faszinierten Goethe besonders die geologischen Strukturen der Alpen. „Die Kalkalpen, welche ich bisher durchschritten, haben eine graue Farbe und schöne, sonderbare, unregelmäßige Formen, ob sich gleich der Fels in Lager und Bänke teilt. Aber weil auch geschwungene Lager vorkommen und der Fels überhaupt ungleich verwittert, so sehen die Wände und Gipfel seltsam aus. Diese Gebirgsart steigt den Brenner weit herauf.“

Zitate zu Goethes italienischer Reise begleiten die Besucher durch die gesamte Ausstellung.

Weg gefunden

Die Reise, die insgesamt von September 1786 bis Juni 1888 dauerte, verfehlte ihre Wirkung übrigens nicht. Goethe überwand seine Schaffens- und Sinnkrise. „Täglich wird’s mir deutlicher, daß ich eigentlich zur Dichtkunst geboren bin, und daß ich die nächsten zehen Jahre, die ich höchstens noch arbeiten darf, dieses Talent exkolieren und noch etwas Gutes machen sollte, da mir das Feuer der Jugend manches ohne großes Studium gelingen ließ“, notierte er. Jahre später verarbeitete er seine Eindrücke in „Italienische Reise“ literarisch.

Goethes Italienische Reise
Eine Hommage an das Land, das es niemals gab
Bis 26. Oktober 2020 im

Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum
Museumstraße 15
6020 Innsbruck
Tel. +43 512 594890
Öffnungszeiten: Di–So, 9–17 Uhr
Tel. +43 512 59489-180
Kontakt für Gruppenführungen: DW -111 oder anmeldung@tiroler-landesmuseen.at bzw. besucherservice@tiroler-landesmuseen.at
www.tiroler-landesmuseen.at

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.
Zudem gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm, darunter am 12. September (13:30 bis 16:30 Uhr) die Schreibwerkstatt „Wir gehen auf Reisen“ mit mir (Anmeldung erforderlich: anmeldung@tiroler-landesmuseen.at).
Wer sich einstimmen möchte: Über einige kreative Schreibübungen habe ich hier und hier gebloggt.

Unter innsbruck.info finden sich alle aktuellen Ausstellungen in Innsbruck und Umgebung.

Fotos, wenn nicht anders angegeben: © Susanne Gurschler
Titelfoto: © Klassik Stiftung Weimar, Museen